EU-Vorschrift gelockert

Hygienekontrollen - Tagesmütter atmen auf

Das Bundesministerium für Verbaucherschutz ist von den strengen EU-Hygienevorschriften für Tagesmütter abgerückt. Die Berliner Jugendverwaltung hatte sich zuvor für eine Lockerung der allzu strengen Auflagen stark gemacht.

Foto: Sven Lambert

Die Berliner Jugendverwaltung hat die Abkehr des Bundesministeriums für Verbraucherschutz von den strengen Hygienevorschriften für Tagesmütter begrüßt. „Wenn diese Klarstellung des Bundesministeriums so zu verstehen ist, dass wir es allein regeln können und Tagesmütter nun doch nicht wie Lebensmittelunternehmer behandelt werden müssen, dann wäre das eine sehr, sehr gute Nachricht“, sagte Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD). „Das wäre ein Kurswechsel vom Bundesministerium und wir würden uns in unserer Auffassung bestätigt sehen.“

Nach Angaben des Bundesministeriums unterliegen Tagesmütter nicht denselben Hygienevorschriften wie Großküchen und Lebensmittelunternehmen, sagte eine Sprecherin des Ministeriums Morgenpost Online. „Die Standards für Tagesmütter entsprechen dem Hygieneniveau, das in jedem gut geführten Haushalt ohnehin eingehalten wird“, sagte die Sprecherin am Freitag.

In den vergangenen Wochen hatte die Umsetzung einer EU-Richtlinie zunächst heftige Kritik ausgelöst. Demnach müssten Tagesmütter dieselben Hygienevorschriften erfüllen wie Lebensmittelunternehmen. Die Regelung besagt, dass Tagesmütter unter anderem keine Zimmerpflanzen mehr auf den Tisch stellen dürfen, die Kühlschranktemperatur regelmäßig überprüfen und Lebensmittel kennzeichnen müssen. Davon rückte das Ministerium jetzt ab. „Das Recht ist sehr flexibel und ermöglicht es den Behörden vor Ort, sachgerechte und maßgeschneiderte Lösungen für alle denkbaren Einzelfälle zu finden“, sagte die Sprecherin weiter. Für die Kontrolle seien die Länder verantwortlich.

Die Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) und Verbraucherschutzsenator Thomas Heilmann (CDU) hatten Anfang der Woche einen Brief an die Verbraucherschutzministerin geschrieben und die Anwendung der EU-Richtlinie auf Tagesmütter als unangemessen kritisiert. Die Entscheidung des Bundesministeriums, von der strengen Umsetzung der Richtlinie abzurücken, trifft in der Verwaltung und bei den Tagesmüttern auf Zuspruch. Jasmina Gentz, Tagesmutter von fünf Kindern, leidet unter den seit Januar geltenden verschärften Vorschriften. Manchmal fühle sie sich in ihrer eigenen Wohnung nicht mehr zu Hause, sagt die 32-Jährige. Auf ihrem Küchentisch darf kein Blumenstrauß mehr stehen, auch die Kerzen mussten weg, und eigentlich hätte sie vor den Fenstern ihrer Wohnung in Wilmersdorf auch noch Fliegengitter anbringen müssen. Aber das hat die Tagesmutter dann doch verweigert. „Ich führe schließlich keine Kantine“, sagt Gentz. Wenn sie für ihre Tageskinder kocht, muss sie jede Zutat genau aufschreiben, die in das Essen kommt. Sechs Monate lang muss die Tagesmutter diese Dokumentation aufbewahren, nebst den Kassenzetteln aus dem Supermarkt und den Haltbarkeitsdaten der Lebensmittel.

„Völlig übertrieben“

„Früher habe ich meinen Kindern richtiges Frühstück gemacht, mit Rührei und allem.“ Darauf verzichte sie inzwischen, denn wenn sie Eier benutze, müsse sie die Schalen aufbewahren und einfrieren – zum Nachweis für die Kontrollen des Veterinärsamtes. „Die neuen Hygienevorschriften sind völlig übertrieben“, findet Gentz. So müsse sie sich etwa ein Kühlschrankthermometer zulegen und regelmäßig die Temperatur überprüfen – fünf Mal am Tag. Gemüse und Fleisch hat sie bereits in verschiedene Fächer einsortiert und jedes einzelne Lebensmittel mit dem Etikett „Privat“ oder „Tagespflege“ versehen. Sie benutzt keine Putzlappen mehr, sondern verwendet für jeden Fleck Küchenrolle, die sie danach sofort entsorgt. Nach dem Kochen reinigt sie alle Oberflächen ihrer Küche zusätzlich mit einem Desinfektionsmittel. Aber wenn sie alle neuen Regeln umsetzen würde, sagt Gentz, bliebe ihr kaum Zeit, mit den Kindern zu spielen. „Ich dachte eigentlich immer, ich bin Pädagogin“, sagt die 32-Jährige. „Jetzt fühle ich mich mehr wie eine Großküche.“ Dabei sei die Idee einer Tagesmutter doch, ein familiäres Umfeld zu bieten. Aber zwischen all den Desinfektionsmitteln, Dokumentationslisten und Etikettierpflichten sei für heimische Atmosphäre kein Platz. Dass das Verbraucherschutzministerium jetzt dafür plädiert, „unbürokratische Lösungen mit Augenmaß“ zu finden, stimmt sie zuversichtlich. „Aber am Besten wäre es natürlich, wenn es diese neuen Regeln erst gar nicht gäbe.“