Managementfehler

Johannesstift kürzt 400 Mitarbeitern das Gehalt

Um nicht in die roten Zahlen zu rutschen, streicht die Jugendhilfe des Evangelischen Johannesstifts ihren Mitarbeitern die Hälfte der Sonderzahlungen. Schuld sind Managementfehler und defizitäre Einrichtungen der diakonischen Organisation.

Foto: Marion Hunger

Eine der größten diakonischen Organisationen der Stadt streicht ihren Mitarbeitern wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten Teile ihres Gehalts. Die Jugendhilfe des Evangelischen Johannesstifts (EJS) wird den mehr als 400 Mitarbeitern der gemeinnützigen GmbH die für den Sommer vereinbarte zweite Rate der jährlichen Sonderzahlung vorenthalten, um nicht rote Zahlen schreiben zu müssen. Das geht aus einem Brief des EJS-Jugendhilfe-Geschäftsführers Andreas Lorch an seine Angestellten hervor, der Morgenpost Online vorliegt. Gründe sind Managementfehler und eine zu geringe Belegung in einigen Wohngruppen sowie zu geringe Nachfrage nach anderen Angeboten des Johannesstifts.

Richtlinien erlauben den Schritt

Nach dem derzeitigen Stand der Arbeiten am Jahresabschluss „hätte die Jugendhilfe – bei Zahlung der zweiten Hälfte der Sonderzuweisung – ein Defizit von ca. 399.000 Euro“, schreibt der Manager an seine Mitarbeiter. Dazu kämen noch Rückstellungen für Personalverbindlichkeiten von rund 130.000 Euro, „die in dieser Höhe erst im Herbst 2011 deutlich geworden“ seien. Durch die Nicht-Zahlung werde das wirtschaftliche Ergebnis der Jugendhilfe für 2011 „um rund 460.000 Euro verbessert“, schreibt Lorch.

Die Arbeitsvertragsrichtlinien von diakonischen Einrichtungen, die sich der evangelischen Kirche zuordnen, schreiben fest, dass Sonderzahlungen gestrichen werden können, wenn die „selbstständige wirtschaftliche Einheit“ dadurch ein negatives Ergebnis erzielen würde. In kirchlichen Einrichtungen gilt kein Tarifvertrag, es gibt auch keinen Betriebsrat, sondern nur eine Mitarbeitervertretung.

Das Johannesstift als Konzern, der unterhalb einer Stiftung organisiert ist, hat in einigen Sektoren wie der Altenhilfe in den vergangenen Jahren rote Zahlen geschrieben. Zuletzt hatte das EJS insgesamt aber immer einen Überschuss von mehreren Millionen Euro erzielt – vor allem, weil das ebenfalls zum Konzern gehörende Wichernkrankenhaus und das Evangelische Geriatriezentrum sehr profitabel waren.

Auch für die defizitäre Altenhilfe hat die Geschäftsleitung in der Vergangenheit von den Mitarbeitern Solidarität gefordert und erhalten. Es habe für die Altenhilfe eine „Notfallregelung“ gegeben, sagte EJS-Sprecher Tobias Kley. Sie hätten unter anderem auf Sonderzahlungen und Urlaubstage verzichtet.

Dass nun die Betreuer, Erzieher und Berater der Jugendhilfe auf rund vier Prozent ihrer erhofften Jahresbezüge verzichten sollen, liegt auch an Versäumnissen des Managements. Das Geld für die zweite Hälfte der Sonderzahlungen sei „durch das Rechnungswesen“ in 2011 „nicht vollständig“ zurückgestellt worden, begründet der Jugendhilfe-Chef. Zudem hätten während der ersten Jahreshälfte 2011 „keine zuverlässigen Zahlen zu unserer wirtschaftlichen Situation geliefert werden“ können.

Weil die Geschäftsführung glaubte, genügend eigene Mittel zu haben, habe man überdies rund 400.000 Euro in die Einrichtungen investiert. „Diese Investitionen hätten wir bei Kenntnis der tatsächlichen finanziellen Lage anders (zum Beispiel über Kredite der Stiftung) finanziert.“ Man befinde sich jedoch nicht in einer generellen Notlage, versichert Lorch. 2012 werde man einen ausgeglichenen Haushalt erreichen. Dazu wird aber erwogen, defizitäre Einrichtung gegebenenfalls „auch schneller zu schließen als bisher“.