Großflughafen BER

Mehr als 900 Flugzeuge täglich über Berlin

An Berlins zukünftigem Großflughafen BER werden mehr Flugzeuge starten und landen, als bisher angekündigt. Das war offenbar bereits vor der Festlegung der Flugrouten bekannt. Der Ärger der betroffenen Anlieger wächst.

Gut 100 Tage vor der Eröffnung des Hauptstadtflughafens BER gehen die Proteste gegen die umstrittenen Flugrouten unvermindert weiter. Die Bürgerinitiative Friedrichshagen hat am Montag zur mittlerweile 34. Demonstration auf dem Marktplatz in Friedrichshagen eingeladen. Durch die am Freitag vergangener Woche von der Deutschen Flugsicherung (DFS) bekannt gegebenen aktuellen Flugprognosen, wonach deutlich mehr Flüge für Berlin und Brandenburg zu erwarten sind, hatte dafür gesorgt, dass zahlreiche Betroffene zur sogenannten Montagsdemo kamen.

Der Unmut der Menschen, die nach der Öffnung des Großflughafens am 3. Juni überflogen werden, ist groß. Denn erst in den vergangenen Tagen wurde bekannt, dass die Fluggesellschaften einen weit höheren Bedarf für den Sommerflugplan angemeldet haben als bislang berechnet. So soll der Wannsee bei Westwind bis zu 83-Mal überflogen werden – anstatt wie bisher angenommen 48-Mal. Über Rangsdorf steigt die Zahl der Flugbewegungen von 92 auf 124. Und auch die Müggelsee-Route, die die Menschen im Südosten der Stadt besonders erzürnt, soll bei Ostwind nun 129 statt der erwarteten 122 Flüge verkraften. Die Route über Erkner wächst bei Ostwind von 50 auf 74, die über Zeuthen von 92 auf 124 Überflüge.

Nimmt man Starts und Landungen zusammen, werden am BER künftig 134 zusätzliche Flugbewegungen pro Tag erwartet. Bekannt geworden waren die gestiegenen Flugzahlen, weil die Anwaltskanzlei Geulen und Klinger, die die Gemeinden Teltow, Kleinmachnow und Stahnsdorf vertritt, eine entsprechende Anfrage bei der DFS gestellt und deren Antwort öffentlich gemacht hatte. „Fachleuten dürfte die Angelegenheit jedoch schon bekannt gewesen sein, bevor das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung im Januar die Flugrouten festlegte“, so Hans Behrbohm von der Bürgerinitiative Friedrichshagen.

„Die Zahlen waren bekannt“

Denn bereits im November vergangenen Jahres hatte sich die Flugbranche in Singapur zu einer Konferenz getroffen, auf der Zeitfenster (Slots) für Starts und Landungen vergeben wurden. Auf diesen zweimal im Jahr stattfindenden Konferenzen wird der jeweilige Bedarf angemeldet und ein entsprechender Prognoseflugplan erstellt. „Dem Bundesamt für Flugsicherung (BAF) müssen die neuen Zahlen also bereits zum Zeitpunkt der Flugroutenfestlegung bekannt gewesen sein“, folgert auch Rechtsanwalt Timo Klinger, der die betroffenen Kommunen vertritt.

Dieser Darstellung tritt Axel Raab, Sprecher der Deutschen Flugsicherung (DFS), entgegen. Zwar hätten die Fluggesellschaften bereits im November ihre Wünsche für den Sommerflugplan angemeldet, so Raab am Montag. Doch bis zum 31. Januar – und damit erst nach der Flugroutenfestlegung durch die Bundesbehörde – hätten die Airlines die Möglichkeit, Slots wieder zurückzugeben. Daraufhin habe man den Bedarf von 390 Abflügen auf nunmehr 454 korrigiert. Die Zahl der Anflüge liegt demnach bei 456 (statt 386). Als Berechnungsgrundlage dient ein Freitag, an dem traditionell ein hohes Flugaufkommen herrscht.

Bei der Flughafengesellschaft FBB hält man diese Zahlen jedoch für überzogen. Sprecher Ralf Kunkel: „Die Fluggesellschaften können sich bis zu 20 Prozent mehr Slots sichern als sie tatsächlich benötigen.“ Der Flughafen selbst gehe jedenfalls davon aus, dass die Zahl der Flugbewegungen 2012 lediglich bei 240.000 liege und damit sogar etwas unter den Vorjahreszahlen bleibe (2011: 243.000). Die Passagierzahlen würden dennoch steigen, weil die Airlines größere Flugzeuge einsetzten und die Auslastung gestiegen sei.

Angesichts des stetig wachsenden Flugverkehrs in der Region hat sich die Brandenburger CDU für die Option ausgesprochen, in Sperenberg einen weiteren Standort zu erhalten. Eine künftig möglicherweise erforderliche dritte oder vierte Startbahn sei in Schönefeld nicht möglich, sagte Fraktionschefin Saskia Ludwig am Montag im Landtag. Sie forderte von der Landesregierung, den Standort Sperenberg nicht vorschnell aus der potenziellen Planung herauszunehmen. „Wir müssen diese Option offenhalten“, so Ludwig. Im Jahr 2040 könnte es in der Region rund 50 Millionen Passagiere geben, verwies Ludwig auf aktuelle Prognosen.

Nicht nur die Frage, ob der Hauptstadtflughafen BER langfristig den wachsenden Charter- und Linienverkehr aufnehmen kann, beschäftigt unterdessen die Verkehrsplaner. Am Montag veröffentlichte das brandenburgische Ministerium für Infrastruktur eine Studie zu den Kapazitäten für Privat- und Geschäftsflieger (General Aviation). Das Gutachten, das die Gesellschaft für Luftverkehrsforschung (GfL) im Auftrag des Ministeriums vorgelegt hat, sieht auch in diesem Bereich Handlungsbedarf. Insbesondere bei den größeren Fliegern (5,7 bis 14 Tonnen) seinen schon in den kommenden Jahren Kapazitätsengpässe am Flughafen BER zu erwarten, schreiben die Experten.

Klagende Bürger und Groß-Demos

Die immer neuen Details zu den Flugrouten haben nun auch dazu geführt, dass immer mehr Gemeinden und Bürger klagen. Angesichts der vielen offenen Fragen lädt das „Bündnis Berlin Brandenburg gegen neue Flugrouten“ deshalb am Donnerstag zur Info-Veranstaltung „BER-Klagen“ ein. Im VKU-Forum an der Invalidenstraße 91 in Berlin-Mitte informieren Rechtsanwälte und Bürgerinitiativen ab 18 Uhr über den Stand der verschiedenen Klagen vor dem Bundesverwaltungsgericht und schätzen die Erfolgsaussichten der betroffenen Bürger ein.