Flughafen BER

Berlins Südwesten droht deutlich mehr Fluglärm

Laut einer neuen Prognose soll der Berliner Südwesten täglich 83 statt 48 Mal von Jets des Hauptstadtflughafens BER überflogen werden. Der Grund: Die Airlines haben ihre Planungen präzisiert. Die Betroffenen fühlen sich verschaukelt.

Foto: Christian Hahn

Nach der Festlegung der Flugrouten durch das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung (BAF) Ende Januar herrschte erst einmal Erleichterung im Südwesten Berlins und in den brandenburgischen Gemeinden Kleinmachnow, Stahnsdorf und Teltow. Die Region sollte nach Inbetriebnahme des neuen Hauptstadtflughafens Willy Brandt in Schönefeld (BER) deutlich weniger Fluglärm abbekommen als ursprünglich geplant. Doch nur wenige Wochen später stellt sich jetzt heraus: Gleich nach der am 3. Juni geplanten BER-Eröffnung wird es deutlich mehr Überflüge über ihre Wohngebiete geben als bislang angekündigt.

Auch andere Flugschneisen über Berlin und Brandenburg werden wohl deutlich stärker in Anspruch genommen. Der Grund: Die Airlines haben inzwischen ihre Planungen für den Sommerflugplan präzisiert und einen deutlich höheren Bedarf für den BER in Schönefeld angemeldet. Das bestätigte am Freitag der Sprecher der Deutschen Flugsicherung (DFS), Axel Raab, auf Nachfrage von Morgenpost Online. Aber auch auf anderen Routen seien mehr Flüge zu erwarten, sagte Raab. Dafür lägen ihm aber bisher noch keine konkreten Informationen vor.

Mehr Flugbewegung als gedacht

Als am 25. Januar die Flugrouten durch das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung festgelegt wurden, gingen alle davon aus, dass bei der sogenannten Wannsee-Route mit 48 Überflügen pro Tag zu rechnen sei. Die Maschinen dürfen auf dieser Route auch über Stahnsdorf, Kleinmachnow, Teltow und Zehlendorf fliegen.

Nach der vom Berliner Rechtsanwalt Remo Klinger für die betroffenen Gemeinden angeforderten Auskunft der DFS nun aber zu entnehmen ist, sieht die aktuelle Prognose weitaus mehr Flugbewegungen vor. „Durch ein Schreiben der Deutschen Flugsicherung vom 10. Februar 2012 wurden wir nun darüber informiert, dass diese Zahl falsch ist“, sagte Anwalt Klinger am Freitag.

„Danach sind es 83 Überflüge, die zum Zeitpunkt der Eröffnung des Flughafens im Juni 2012 täglich bei Westwindbetrieb – und damit an Zweidrittel der Betriebstage – zu erwarten sind.“ Das bedeute eine Steigerung um 73 Prozent. Auf der sogenannten HLZ-Route, die südlich von Potsdam an der Autobahn entlang führt, gingen die Überflüge stattdessen um acht auf 78 Flüge zurück, kritisiert Klinger. Dabei seien dort weniger Menschen von Fluglärm betroffen.

Die renommierte Berliner Anwaltskanzlei vertritt die Interessen der Gemeinden Kleinmachnow, Stahnsdorf und Teltow. Kleinmachnow und Stahnsdorf, die gegen die im Januar veröffentlichten Flugrouten klagen wollen. „Bei unserer Klage vor dem Oberverwaltungsgericht wird die größere Flug-Belastung eine gewichtige Rolle spielen“, sagte Klinger. „Die jetzt bekannt gewordenen Tatsachen sind nicht nur politisch verheerend, sie begründen auch einen schwerwiegenden Rechtsfehler der Flugroutenfestlegung.“ Ihr lagen offenbar veraltete Flugzahlen zugrunde.

Zweifel an Rechtmäßigkeit der Wannsee-Routen

„Es hätte niemals zur Festlegung der Wannsee-Routen kommen dürfen“, so der Anwalt. Bei der Entscheidung, die gegen das Votum der Fluglärmkommission und der Empfehlung des Umweltbundesamtes gefallen sei, habe man als Grund angegeben, dass die Route zu keinem höheren Lärmpegel führe als bei einer Route um Potsdam und Werder/Havel herum. Klinger zufolge gibt es Hinweise, dass die neuen Zahlen dem Bundesamt bereits zum Zeitpunkt der Flugroutenentscheidung bekannt waren. Eine Stellungnahme dazu war für Morgenpost Online am Freitag nicht zu erhalten.

Im Südwesten Berlins und den betroffenen Brandenburger Kommunen herrscht blankes Entsetzen über das neue Szenario. „Wir lassen uns doch nicht zugunsten wirtschaftlicher Interessen für dumm verkaufen“, empört sich Kleinmachnows Bürgermeister Michael Grubert. Für seinen Stahnsdorfer Amtskollegen Bernd Albers „reicht es“. Teltows Bürgermeister, Thomas Schmidt sagte: „Es spottet jeder Beschreibung, wie man hier mit uns umzugehen gedenkt.“

Flugrouten seit Januar beschlossen

Die Kommunen hatten die sogenannte Wannsee-Route von Anfang an kritisch gesehen. Nach der Entscheidung des Bundesaufsichtsamtes für Flugsicherung im Januar dieses Jahres hatte im Südwesten Berlins dennoch Erleichterung geherrscht.

Die Bewohner sollten entgegen der im September 2011 von der DFS vorgestellten Routenplanung von Fluglärm entlastet werden. Korrekturen ließen speziell die Lichtenrader etwas aufatmen, die in einer Höhe von nur 600 Metern von Düsenjets überflogen werden sollten.

Potsdam plötzlich der Gewinner

Mit weniger Lärm als befürchtet können nach der Entscheidung die Potsdamer rechnen. Die Landeshauptstadt soll ganz von direkten Überflügen verschont werden. Die Maschinen fliegen östlich oder südlich vorbei. Die Verlierer sind Blankenfelde-Mahlow und Rangsdorf. Sie bekommen bei Starts von der Südbahn mehr Fluglärm ab als anfangs geplant.

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