Waren aus dem Ausland

Warum man im Berliner Zollamt lange warten muss

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Brigitte Schmiemann

Foto: David Heerde

Es gibt wohl kaum einen Tag, an dem sich im Zollamt Berlin-Schöneberg einmal niemand beschwert. Denn wer eine Sendung aus dem Ausland abholen will, muss viel Zeit und vor allem Geduld mitbringen.

Der einzige, der lächelt, ist Christian Wulff. Die anderen, die in dem grauen Behördenraum warten und gebannt die rot leuchtenden Nummern auf dem elektronischen Wandbord beobachten, machen einen eher genervten Eindruck: die Koreanerin, die von ihrer Schwester flüssiges Ginseng als Aufbaumittel geschickt bekommen hat, die Künstlerin, die auf ihre in Amerika bestellten Kleider für ihr nächstes Kunstwerk wartet oder der junge Mann, der bei Ebay eine Taschenlampe ersteigert hat. Sie alle warten im Zollamt Schöneberg an der Kufsteiner Straße 71–79 darauf, ihre Pakete, Päckchen und Briefe abholen zu können – unter dem Konterfei des Bundespräsidenten, der überlebensgroß neben dem Empfangstresen hängt.

Die Bestellung im Internet dauert nur wenige Minuten, das Abholen der Ware beim Zoll hingegen kann sich über Stunden hinziehen. Miroslawa Murru (53) ist sauer, sie will Konsequenzen ziehen: „Das mach' ich nicht mehr mit. Die Warterei ist eine Katastrophe. Ich werde im Internet nichts mehr bestellen, das kann ich mir zeitlich nicht leisten“, ärgert sich die Hausverwalterin. Drei Stunden mussten die Geschäftsfrau und ihr Sohn Marco (13) warten, bis sie die bei Ebay bestellte Hockey-Maske aus Amerika in den Händen hielten.

Schlangestehen und Wartenummer ziehen

Schon gleich nach der Öffnung des Zollamts Schöneberg morgens um 7.30 Uhr heißt es für die Betroffenen Schlangestehen, um am Tresen eine Wartenummer zu erhalten. Doch die gibt es erst, wenn die Unterlagen – also die Rechnungen oder andere Nachweise über die Ware – komplett sind. Als erstes wird geklärt, ob der Empfänger die Sendung bezahlen, vernichten, zurückschicken oder vorbesichtigen will. Dann gibt der Beamte die Unterlagen durch die Luke nach hinten. Sein Kollege sucht das Paket im Lager heraus. Für den Empfänger beginnt die Warterei – bis er schließlich zum Abfertigungsschalter in den nächsten Raum darf und das Paket vor den Augen des Zöllners öffnen muss, damit der Zoll- und Steuerbetrag ermitteln kann. Dabei prüft der Zöllner – von den 16 Abfertigungsplätzen sind laut Angabe der Behörde im Schnitt zehn besetzt – nicht nur den Inhalt der Rechnung. Um den Wert zu ermitteln (auch die Beförderungskosten zählen zum Zollwert und müssen mitversteuert werden), muss der Zollbeamte im elektronischen Zolltarif, in dem alle Warenarten dieser Welt gelistet sind, Codenummern heraussuchen. Dazu muss er aber nicht nur wissen, ob der Pullover in dem Paket aus der Mongolei gewebt, gewirkt oder gestrickt, möglicherweise mit Pailletten verziert oder tailliert ist, und auch das Material spielt eine Rolle. Das alles muss der Beamte per Hand in den Computer eingeben, auch die Namen des Absenders und Empfängers und die Warennummern.

"Der lahmste Laden der Welt"

Für Hamid Sehouli, Inhaber eines Schuhgeschäfts in Steglitz, ist der Besuch im Zollamt Schöneberg jedes Mal eine ärgerliche Zeitverschwendung. Dieses Mal wartet Sehouli auf ein Paket aus Hongkong mit Stiefeln für seine Tochter. Nach rund zwei Stunden hat er es endlich in der Hand. Verärgert sagt er: „Das ist der lahmste und am schlechtesten organisierteste Laden der Welt.“

So etwas hört der Leiter des Zollamtes Schöneberg, Frank Reinicke (52), natürlich nicht gern. „Es dauert nur für Privatpersonen lange, bei gewerblichen Einfuhren wird bevorzugt abgefertigt.“ Einer seiner 25 Zollbeamten schaffe durchschnittlich drei Warensendungen pro Stunde. Reinicke legt Wert darauf, dass gründlich gearbeitet wird. Gewerblichen Kunden empfiehlt er eine schriftliche Zollanmeldung, auch wenn die eine komplizierte Sache ist, wie er zugibt. Doch dann gehe es schneller. Auch Spediteure müssten im Zollamt Schöneberg nur kurz warten. Diplomaten würden ebenfalls bevorzugt abgefertigt. Das Problem sieht Reinicke in den privaten Paketempfängern, die im Zollamt Schöneberg inzwischen rund 90 Prozent ausmachen. Sie seien „absolut ahnungslos“. Personell macht den Zollbeamten seit fünf Jahren vor allem die zunehmenden Käufe über Ebay zu schaffen. „Wir haben jedes Jahr 15 Prozent mehr Ebay-Pakete“, sagt Reinicke.

Kavaliersdelikt Steuerhinterziehung

Eine genaue Prüfung findet Reinicke auch deshalb wichtig, weil etliche Abholer Steuerhinterziehung – und um nichts anderes gehe es bei einem unverzollten Paket – als Kavaliersdelikt ansähen. Gefälschte Kontoauszüge, manipulierte Ebay-Ausdrucke seien keine Seltenheit. Der Zolloberamtsrat hat schon viel erlebt, auch menschliche Tragödien wie bei der Frau, deren Liebhaber ihr die geschenkte original Louis-Vuitton-Tasche im Wert von 2500 Franken hinterherschickte. Als „Dankeschön“ für eine gemeinsam verbrachte Liebeswoche in einem Schweizer Hotel. Ihr Mann durfte von dem anschließenden Strafverfahren wegen versuchter Steuerhinterziehung natürlich nichts wissen. Besonders betroffen waren die Zöllner, als zum ersten Mal japanische Hersteller aufblasbare Puppen in Kindergröße für Pädophile nach Berlin schickten. „Die Beamten sind auch Mütter oder Väter, aber auch solche Fälle müssen wir diskret abwickeln“, erinnert sich Reinicke.

Von all diesen komplizierten Vorschriften wissen die wenigsten Berliner etwas, die ihr Paket in Schöneberg abholen wollen. Denn manches Paket könnte auch einfach der Postbote bringen. Doch dazu müssen alle Voraussetzungen vorliegen, beispielsweise die Rechnung außen befestigt sein. Dann können die Einfuhrabgaben direkt an der Wohnungstür per Nachnahme entrichtet werden.

Michael Plachetta (45), der rund zwei Stunden auf sein Paket warten musste, hat dennoch Verständnis, dass es so lange dauert: „Es geht hier um die Einfuhr von Dingen aus der ganzen Welt. Da kann alles Mögliche bei sein.“ Der Ginseng-Trank aus Korea musste übrigens von einem Spezialunternehmen vernichtet oder zurückgeschickt werden, da es sich zolltechnisch um ein Medizinprodukt handelte. Immerhin war das für den Empfänger nicht mit Kosten verbunden. Die zahlte der Steuerzahler.

Das Zollamt in Schöneberg

Das Zollamt Schöneberg, das berlinweit für die Verzollung von Sendungen aus Nicht-EU-Staaten zuständig ist, ist eine nachgeordnete Dienststelle des Bundesfinanzministeriums.

Berliner, die aus dem nichteuropäischen Ausland Päckchen, Pakete und Briefe erhalten, kennen das Zollamt Schöneberg an der Kufsteiner Straße 71–79. Dort wird die Verzollung von Sendungen erledigt, die außen keine Rechnung haben. Die anderen mit der Rechnung außen am Paket bringt der Postbote wie eine Sendung „Steuer per Nachnahme“ nach Hause.

Anders als bei Reisen gebe es im Postverkehr jedoch nur eine Freigrenze bei einem Warenwert bis zu 22 Euro, der zoll- und steuerfrei sei. Geschenksendungen dürften einen Wert bis zu 45 Euro enthalten.

Geprüft worden sind die Sendungen bereits in den Internationalen Postverteilzentren, das größte ist in Frankfurt am Main. Nur nach Berlin adressierte Pakete, die außen keine Rechnung haben, landen danach im Postverzollungsamt an der Luckenwalder Straße.