Martin Zierold

Deutschlands erster tauber Abgeordneter

Martin Zierold ist 26 Jahre alt, sein Gehör hat noch nie funktioniert. Seit dem 18. September ist er Deutschlands erster tauber Abgeordneter und stellt damit die Demokratie auf eine Probe.

Foto: Amin Akhtar

Am Abend des 18. September muss Martin Zierold weinen. Als ihm langsam klar wird, was er geschafft, welchen Meilenstein er erreicht hat. Für Berlin. Für Deutschland sogar. Wenn auch praktisch unbemerkt. Mehr als zehn Millionen Menschen schauen an diesem Sonntagabend den „Tatort“, einen aus Münster. Dass in Berlin gewählt wurde, haben sie seit der „Tagesschau“ vermutlich schon wieder vergessen. Vielleicht haben sie sich auch kurz noch über den Wahlerfolg der Piraten unterhalten, die erstmals in ein deutsches Parlament einziehen. Die Sensation der Berlin-Wahl. Etwa zur selben Zeit, als der Abspann vom Krimi läuft, stellt sich heraus, dass es bei dieser Wahl eine weitere Sensation gibt. Jetzt laufen die ersten Hochrechnungen der Wahlergebnisse für die Berliner Bezirksparlamente ein. Und Martin Zierold wird bewusst, dass er soeben zum ersten tauben Abgeordneten Deutschlands geworden ist.

Fünf Monate später im Rathaus Mitte. An der Tür von Raum 107 im ersten Stock klebt ein ausgedrucktes Schild. „Martin ist hier. Bitte optisch bemerkbar machen“, steht darauf. Die Tür führt in die engen Räume der Grünen-Fraktion. Es ist rummelig hier, aber nicht ungemütlich. Die Wände sind bedeckt mit mannshohen Regalen aus grober Kiefer. Aktenordner und Getränkekisten, eine Leinwand für einen Beamer und große Grünpflanzen drängen sich um den raumfüllenden Tisch in der Mitte, an dem gut 20 Personen Platz haben. Er wirkt so eingezwängt, als habe man das Rathaus um ihn herumbauen müssen. Hier hockt Martin Zierold hinter seinem Laptop und arbeitet. Der schmale junge Mann ist voll konzentriert, jeder könnte ihn jetzt zu Tode erschrecken, denn er kann nicht hören, wenn jemand hereinkommt. Man muss ihn anstupsen oder beim Betreten des Raumes mit den Armen wedeln, damit er aufschaut. Nicht nur daran müssen sich seine Fraktionskollegen und die übrigen Bezirksverordneten gewöhnen. Auch daran, dass nun alle Sitzungen mittels eines Dolmetschers in Gebärdensprache übersetzt werden. In Zierolds Muttersprache.

Taub in dritter Generation

Martin Zierold ist 26 Jahre alt, sein Gehör hat noch nie funktioniert. Er wurde als taubes Kind tauber Eltern geboren, genau so wie auch seine Eltern. „Wir sind in der dritten Generation taub“, sagt Zierold, und sein Gesicht sieht dabei sehr zufrieden aus. Er spricht in schnellen Gebärden, die seine Dolmetscherin simultan übersetzt. „Meine Mutter hat sich sogar gefreut, dass ich auch taub bin, so bin ich in ihre Welt der Kommunikation hineingewachsen“, sagt er. Von klein auf hat er die Sprache der fliegenden Hände gelernt. Wenn er von der offenen, selbstbewussten Erziehung durch seine Eltern erzählt, kann man den Eindruck gewinnen, seine Familie pflege die unfreiwillige Tradition der Taubheit mit einem eigenen Stolz.

Etwa 80.000 Gehörlose gibt es in Deutschland. Zierold ist der erste und einzige von ihnen, der als gewählter Volksvertreter in einem Parlament sitzt. Hauptberuflich arbeitet der gebürtige Sachse als Betreuer in einem Jugendklub und als freier Gebärdensprachdozent. Für seinen neuen Job als Bezirkspolitiker hat sich Zierold viel vorgenommen. In den kommenden fünf Jahren will er Mitte zu einem Vorbild für Inklusion machen. Also für die echte Teilhabe an der Gesellschaft von Menschen mit einer Behinderung. Er will Barrieren in der Bildung, bei Sport und Freizeit im Bezirk abbauen. Er will die Gebärdensprache, das „visuelle Deutsch“ wie er es nennt, bekannter machen. Er will die Live-Übertragung von Sitzungen der Bezirksverordneten im Internet durchsetzen – am liebsten mit Übersetzung in Gebärden, damit wirklich jeder, der sich dafür interessiert, deren Öffentlichkeit auch nutzen kann. „Ich will eine Nadel in diese Blase piksen, in der sich das Rathaus befindet“, sagt er dazu, er will die getrennten Welten von Hörenden und Gehörlosen zusammenführen. Nicht weniger als einen Paradigmenwechsel strebe er an, sagt er. Auf die Frage, ob er mit alledem nicht ziemlich ehrgeizig sei, nickt Zierold energisch und schaut zugleich ein bisschen belustigt durch die Gläser seiner modischen schwarzen Randbrille.

Zierold fordert die Demokratie heraus. Wie kann einer, der ohne Dolmetscher von der Außenwelt fast abgeschnitten ist, in der heutigen Politik bestehen? In der Welt des gesprochenen Wortes, der Welt der Debatten, der Absprachen und des Palaverns? Ermüdend seien die langen Diskussionen in den Ausschüssen und BVV-Sitzungen, das räumt Zierold ein. „Hörende formulieren oft um tausend Ecken ohne Punkt und Komma“, sagt er. „Wir beschränken uns in den Gebärden auf das Wesentliche, wir sind dadurch viel konkreter.“ Im Politikbetrieb könnte Zierold damit ein Vorbild sein. Seine Dolmetscher gerieten oft an den Rand ihrer Übersetzungsfähigkeiten, wenn gleich mehrere Abgeordnete durcheinander reden würden, erzählt er. Ein Kommunikationsassistent notiert ihm zusätzlich, was in den Reihen seiner Fraktion getuschelt wird, welche Zwischenrufe fallen. Ohne seine Helfer ist er hier aufgeschmissen.

Zierolds Teilhabe an der Politik hat ihren Preis. Gut 60 Euro kostet einer seiner Dolmetscher in der Stunde. Zwischen 50.000 und 60.000 Euro Extrakosten würden in diesem Jahr wohl zusammenkommen, vermutet der Grünen-Politiker. Das Bezirksamt trage die Kosten, Schwierigkeiten habe es deswegen bisher nirgends gegeben. Wird es auch nicht. Martin Zierold hat das Recht auf politische Teilhabe. Nicht nur durch das Grundgesetz, auch zugesichert durch die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung, die 2008 in Kraft getreten ist.

Aufgewachsen in abgetrennter Welt

Der UN-Vertrag wurde auch von Deutschland ratifiziert, doch bis zu seiner vollständigen Umsetzung sei es noch ein gutes Stück Weg, findet Zierold. „In Deutschland wird noch viel zu oft separiert, das gehört abgeschafft“, sagt er. Er selbst hat 19 Jahre lang „in Exklusion“ gelebt, wie er es nennt. Die selbstbewusste Erziehungsmethode seiner Eltern war in der DDR in seiner Kindheit nicht en vogue (im Westen zu dieser Zeit allerdings auch nicht). Mit drei Jahren musste Zierold nach Chemnitz aufs Internat für Hörgeschädigte. Nur an den Wochenenden ging es nach Hause. Im Internat zwang man ihn, von den Lippen zu lesen. Die Gebärdensprache war verboten. „Das war eine Qual“, sagt er heute. „Ich musste mich verbiegen.“ Doch Zierold blieb im Internat und machte den Realschulabschluss, weil es ihm nicht möglich war, das Abitur in Gebärden abzulegen. Auch seine Ausbildung zum sozialpädagogischen Assistenten machte Zierold an einer Gehörlosenfachschule.

Den Begriff „gehörlos“ mag er eigentlich nicht. „Das klingt so nach Defizit“, sagt er. „Taubstumm“ sei aber noch schlimmer. „Ich bin taub, aber nicht stumm und bemitleidenswert schon gar nicht.“ Zierold fällt auf, dass Hörende schnell verunsichert sind, wenn es um seine Behinderung geht. Auch im Rathaus habe eine andere Fraktion irritiert bei den Grünen gefragt, wie sie denn nun mit dem tauben Kollegen umgehen sollen. „Viele haben Angst, etwas falsch zu machen.“ Auch darum sei er Politiker geworden, um zu zeigen, dass er mit seiner Besonderheit ganz normal ist. „Die Gesellschaft muss sich daran jetzt mal gewöhnen“, sagt er. In Berlin sei man da allerdings schon weit. „Hier sind die Leute meistens offen und interessiert, das habe ich gleich gemerkt, als ich vor vier Jahren herzog.“

In drei Ausschüssen der BVV Mitte sitzt Zierold nun und macht Politik. Er ist Sprecher seiner Fraktion für Inklusion und Soziale Stadt. Und bei den Grünen hat Zierold bereits eine Neuerung eingeführt – fünf Minuten vor jeder Fraktionssitzung übt er mit seinen Kollegen drei neue Vokabeln. In Gebärdensprache.

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