Dauerfrost

Berlin wird von der Kälte regiert

Baustellen stehen still, der ADAC verbucht Einsatzrekorde, Bestatter greifen zu Presslufthämmern - Berlin ist eingefroren. Morgenpost Online zeigt, wie die Kälte mit harter Hand regiert.

Foto: dapd / dapd/DAPD

In der Hauptstadt regiert die Kälte. Mit 20 Grad unter null erleben die Berliner die kältesten Nächte seit mehr als zwei Jahrzehnten. In Zehlendorf wurde eine verwirrte Frau tot aufgefunden, die bei den extremen Minusgraden den Weg nach Hause nicht mehr gefunden hat. Noch ist kein Ende der Frostperiode in Sicht. Für die kommenden Tage erwarten die Meteorologen zwar leicht steigende Temperaturen. Da die wärmende Sonne vielerorts jedoch nicht durch den verhangenen Himmel kommt, könnte das Thermometer tagsüber noch einmal „weit runtergehen“, sagte Dorothea Paetzold vom Deutschen Wetterdienst. Die extreme Kälte in Deutschland wird voraussichtlich noch bis zum Wochenende andauern. Das Leben in der Stadt wird also weiter von den Frostgraden diktiert. Was das für Berlin heißt – ein Überblick.

Eislaufen auf eigene Gefahr

Feuerwehr und Polizei warnen weiterhin vor dem Betreten der Eisflächen auf Berlins Gewässern. Es besteht Lebensgefahr. Mit einem speziellen Hinweis wird seit Dienstag auch auf das Betreten der Eisfläche des Lietzensees in Charlottenburg hingewiesen. Dort ist im vergangenen Jahr eine Belüftungsanlage in Betrieb genommen worden. Dies führt zu veränderten Strömungsverhältnissen in dem See und erwärmt zudem das Wasser. Generell erteilen weder die Feuerwehr noch die Polizei eine Freigabe zum Betreten von Eisflächen. Weitere Informationen gibt es unter www.berlin.de auf der Seite der Polizei unter Eiswarn- und Rettungsdienst.

Täglich zahlreiche Rohrbrüche

Bei eisigen Temperaturen kommen die Mitarbeiter der Berliner Wasserbetriebe ins Schwitzen. Derzeit rücken sie täglich zu etwa 20 Schäden an Rohrleitungen aus. „Sobald der Frost mit aller Gewalt in den Boden eindringt, kommt es insbesondere an stark befahrenen Straßen zu Schäden an Rohrleitungen“, sagt Stephan Natz, Sprecher der Berliner Wasserbetriebe. Frostschäden an Leitungen, die beispielsweise in Kellern auftreten, müssen vom Hauseigentümer behoben werden.

Dauereinsatz beim ADAC

Die Kälte hat auch die Autofahrer in Berlin und Brandenburg fest im Griff. Seit gut einer Woche meldet etwa der ADAC-Pannendienst nahezu jeden Tag neue Einsatzrekorde. Der bislang einsatzstärkste Tag in der Region, der 3. Januar 2011, wurde in den vergangenen Tagen gleich in Serie übertroffen. Waren die Pannenhelfer des ADAC an diesem Tag des Vorjahres 2087 Mal ausgerückt, waren es am vergangenen Montag 2688 (in Berlin 1565, in Brandenburg 1123) und damit rund 600 Einsätze mehr. „Zweistellige Minusgrade sorgten dafür, dass vor allem Batterien reihenweise ihren Dienst versagten“, so ADAC-Sprecherin Izabela Grzywacz.

Auch aufgrund der Kälte zähflüssig gewordener Dieseltreibstoff sorgte für zahlreiche Einsätze. Zwar seien die Tankstellen vom Gesetzgeber verpflichtet, von Mitte November bis Ende Februar Winterdiesel zu verkaufen, der bis minus 20 Grad Celsius flüssig bleiben soll. „Doch vor allem bei Menschen, die nur wenig fahren, finden sich oft noch Dieselgemische im Tank, die schon bei wenigen Minusgraden Probleme bereiten können“, so die Sprecherin. Die ADAC-Pannenhilfe ist unter der Telefonnummer 0180-2222222 zu erreichen.

Fahrradkuriere lässt alles kalt

Die Fahrradkuriere sind offenbar hart im Nehmen. Bei einer Umfrage unter einigen Kurierdiensten in der Stadt hieß es immer wieder: „Alle Fahrer sind im Einsatz.“ 50 sind es im Moment bei der Firma Messenger. „Wir haben sogar noch mehr zu tun als sonst“, sagt Kurierbetreuer Dirk Brauer. Die Leute würden bei der Kälte offenbar lieber einen Fahrradkurier schicken, als sich selbst auf den Weg zu machen. Das „bisschen Kälte“ sei mit den richtigen Klamotten gut zu überstehen. Ein Problem gibt es dennoch: Der Wechsel aus dem Kalten ins Warme. Diese Temperaturschwankungen von bis zu 40 Grad bei der Abgabe der Briefe und Pakete seien tatsächlich schwer zu ertragen.

Schifffahrt auf Eis gelegt

Auf Berlins Wasserstraßen geht gar nichts mehr. Begonnen hatten die Sperrungen von Flüssen und Kanälen vor gut einer Woche mit der Oberhavel-Wasserstraße. Am Dienstag erklärte das Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) Berlin auch die innerstädtische Spree sowie den Teltowkanal für nicht mehr befahrbar. Lediglich der Verkehr von Kohlentransporten nach Rummelsburg wird gewährleistet, um das Kraftwerk Klingenberg zu versorgen. Im Einsatz sind die fünf Eisbrecher der Behörde außerdem, um die Schleusen frei zu halten. Auch die Wehre am Mühlendamm und an der Schleuse Charlottenburg dürften nicht zufrieren, da sonst das Wassers nicht mehr abfließen könne, sagt Sven Geisler von der Eiskommission des WSA. Die sechs Fährlinien der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) waren bereits Anfang Februar eingestellt worden.

Wachwechsel-Rhythmus bei Polizei

Die Minusgrade machen auch den Objektschützern der Berliner Polizei zu schaffen, die unter anderem vor den vielen Botschaften oder religiösen Einrichtungen aufpassen. „Wir haben den Wachwechselrhythmus verkürzt, damit sich die Kollegen öfters aufwärmen können“, sagt Polizeisprecher Volker-Alexander Tönnies. Auch gebe es kostenlos heißen Kaffee und Tee. Wo immer es die Lage zulasse, würden zudem Wachhäuschen aufgestellt – etwa vor der britischen Botschaft. Auch Container seien im Einsatz, dafür sei aber jeweils eine Genehmigung des Tiefbauamts nötig.

Straßenbau steht still

Im Straßenbau geht im Moment so gut wie nichts mehr. „Alle Baustellen auf Straßenland ruhen“, sagt Michael Spiza, Tiefbauamtsleiter in Spandau. Die Arbeiter könnten weder pflastern, betonieren noch asphaltieren. Ausnahmen gebe es dennoch: Akute Gefahrenstellen, wie Schlaglöcher, würden trotz der Temperaturen „mit größten Schwierigkeiten“ beseitigt werden. Dabei komme Kaltasphalt oder eine Bitum-Emulsion zum Einsatz. Solche Frostperioden seien einkalkuliert. Auch Hochbauprojekte geraten derzeit ins Stocken. Am Bikini-Haus in Charlottenburg könnten die Bauarbeiten nur eingeschränkt stattfinden, sagt Stefan Günster, Leiter Projektmanagement Nord der Bayrischen Hausbau GmbH. Während Erd- und Tiefbauarbeiten im Moment nicht möglich seien, könnten die Abbrucharbeiten und Arbeiten in geschützten inneren Bereichen dennoch weiterlaufen. Die Berliner Baustellen der Strabag AG ruhten derzeit weitestgehend, heißt es aus der Kölner Konzernzentrale.

Krankenhäuer überraschend ruhig

Überrascht, dass es trotz der eisigen Temperaturen so ruhig bliebt, sind die Berliner Krankenhäuser. Bislang gibt es in Berlin keine nennenswerten Kälteunfälle oder Erkrankungen. „Bisher ist noch niemand mit Erfrierungen oder starker Unterkühlung bei uns eingetroffen“, sagt beispielsweise ein Sprecher des Unfallkrankenhauses Berlin. Auch die Rettungsstelle der Charité musste noch keine körperlichen Kälteschäden bei Patienten behandeln.

Bestattungen per Presslufthammer

Bei diesen Temperaturen kommen auf Friedhöfen neben Baggern auch Hacken und Presslufthämmer zum Einsatz. Das Ausheben der Grabstelle dauert dadurch etwas länger als normal. „Aber bisher ist bei uns noch keine Bestattung ausgefallen“, sagt eine Mitarbeiterin der Friedhofsverwaltung von Berlins größtem Gräberfeld, dem Spandauer Friedhof „In den Kisseln“. Dabei, so Fabian Lenzen von der Bestatter-Innung von Berlin und Brandenburg, ist die Witterung in diesem Jahr für Erdbestattungen sogar ungünstiger als 2010 und 2011: „Der viele Schnee in den vergangenen Jahren hat auch wie eine Dämmschicht gewirkt. Jetzt ist es zwar erst seit Kurzem richtig kalt, aber der Boden ist tiefer gefroren.“

Fernwärme läuft auch bei Kälte

Weil im Kraftwerk Reuter am Montag einer der zwei Heizkessel ausgefallen war, wurden 10.000 Wohnungen im Ortsteil Westend sowie zahlreiche öffentliche Einrichtungen, darunter auch das Klinikum Westend und das Berggruen-Gymnasium, nicht mehr richtig warm. „Doch jetzt läuft alles wieder normal, das Problem, ein defektes Ventil, ist behoben“, versichert Vattenfall-Sprecher Hannes Hönemann. Überhaupt sei das 1600 Kilometer lange Fernwärmenetz mit seinen zehn großen Heizkraftwerken, die rund 700.000 Privathaushalte sowie unzählige öffentliche Gebäude mit Wärme versorgen, eines der sichersten Systeme überhaupt. „Fällt innerhalb des Systems ein Kraftwerk aus, wird das Wasser durch das Rohrsystem so umgeleitet, dass in kurzer Zeit wieder alle Haushalte versorgt werden“, so Hönemann. Störungen, wie die in Westend, blieben so lokal und zeitlich begrenzt.

Flucht unter heimische Palmen

Die Sehnsucht nach Wärme und Licht treibt die Berliner in die Schwimmbäder und Saunen. „Solange die Badegäste gefahrlos in die Hallen kommen, steigen die Besucherzahlen bei dieser Witterung“, sagt Bädersprecher Matthias Oloew. Etwa fünf Prozent mehr Badegäste verzeichnen die Berliner Bäderbetriebe im Moment. Auch die Wärme der tropischen Gewächshäuser im Botanischen Garten Dahlem werde dankbar angenommen, sagt Sprecherin Gesche Hohlstein. Bei 22 Grad können die Besucher unter Palmen wandeln. An Flucht vor der Kälte denken in Berlin übrigens nur wenige. „Es gibt sicherlich ein paar Menschen, die sich spontan für einen Trip in die Sonne entschieden haben“, sagt Torsten Schäfer, Sprecher des Deutschen Reiseverbandes. „Aber in den Buchungszahlen schlägt sich das nicht signifikant nieder.“