Mordanklage erhoben

Warum Tätowierer Raoul S. sterben musste

Ein 30 Jahre alter Amerikaner hat im Sommer 2011 in Berlin Tätowierer Raoul S. getötet und zerstückelt. Das hat er bereits gestanden. Nun erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage wegen Mordes – mit dem besonderen Merkmal "Grausamkeit".

Foto: Steffen Pletl

Am 7. Juli 2011 machte ein Angler im Berliner Stadtteil Oberschöneweide in der Spree einen grauenvollen Fund: Als er seinen Köder auswerfen wollte, entdeckte einen schwarzen Roll-Koffer. Darin lag der Torso einer männlichen Leiche. Wenige Tage später wurden – wieder in der Spree und in Reinickendorf am Ufer des Schäfersees – weitere in Müllsäcke verpackte Leichenteile gefunden. Es gab zunächst keine Hinweise auf die Identität des Toten – bis auf einige sehr prägnante Tattoos am Körper des Leichnams. Ermittler zeigten Fotos dieser Tattoos in der Szene. Am 9. Juli wurden sie auch tatsächlich von Zeugen erkannt und einem in der Tattoo-Szene bekannten Mann zugeordnet: dem 31-jährigen Raoul S., einem gebürtigen Österreicher, der ein halbes Jahr zuvor aus Wien nach Pankow gezogen war und in verschiedenen Berliner Tattoo-Studios und zeitweise auch in einem Szene-Restaurant an der Schönhauser Allee gearbeitet hatte.

In Widersprüche verwickelt

Neun Tag später war auch der Täter bekannt. Die Berliner Staatsanwaltschaft hat gegen den 30-jährigen US-Amerikaner James Sa. Anklage wegen Mordes erhoben. Eine Moabiter Schwurgerichtskammer wird jetzt prüfen, ob das Hauptverfahren eröffnet wird.

Auf die Spur des Angeklagten war die Mordkommission durch den Hinweis eines Zeugen gekommen. Er hatte berichtet, dass James Sa. und Raoul S. in einem Lokal zusammen getrunken hätten. Das habe ihm James Sa. höchstpersönlich erzählt. James Sa. arbeitete wie sein späteres Opfer in der Berliner Tattoo-Szene. Sie seien quasi Kollegen gewesen.

James Sa. schien zu diesem Zeitpunkt noch sehr sicher zu sein, nicht gefasst zu werden. Als er erfuhr, dass die Mordkommission ihn suchte, war er von sich aus im Landeskriminalamt erschienen. Die Beamten wollten ihn zunächst auch nur als Zeugen befragen: Bei diesem Gespräch soll sich James Sa. jedoch in auffällige Widersprüche verwickelt haben. Er wurde anschließend als Beschuldigter vernommen. Die Beamten wiesen ihm weitere Unstimmigkeiten nach. Einen Tag später gestand er bei einer weiteren Vernehmung, Raoul S. in den frühen Morgenstunden des 6. Juli 2011 getötet und zerstückelt zu haben.

Mit einem Beil erschlagen

Er berichtete, dass er Raoul S. am Abend des 5. Juli in einem Tattoo-Studio an der Schöneberger Nollendorfstraße getroffen hatte – beide hätten sich schon gekannt – und sie anschließend gemeinsam zu der Wohnung einer Freundin von James Sa. an der Edisonstraße in Oberschöneweide fuhren. Es sei reichlich Schnaps getrunken, miteinander gesprochen, diskutiert und schließlich heftig gestritten worden. Am Ende habe er auf den Widersacher zunächst mit Fäusten und wenig später auch mit einem Beil eingeschlagen. Rechtsmediziner stellten später fest, dass der Täter mehrmals und für das Opfer äußerst quälend mit einem scharfen Gegenstand zugeschlagen hatte. Daher auch die Anklage der Staatsanwaltschaft wegen Mordes – mit dem Mordmerkmal „Grausamkeit“.

James Sa. war Januar 2011 aus den USA nach Berlin gekommen. Er soll schon in New York als Tattoo-Künstler gegolten haben. Bekannt war er den Ermittlungen zufolge aber ebenso wegen seines Hangs zu Gewalttätigkeiten. So soll in den USA zwischen 1999 und 2011 von der dortigen Polizei gegen ihn zwölf Mal ermittelt worden sein. Ausnahmslos wegen Gewalttaten. Dazu zählen Sexualstraftaten und Körperverletzungen. In einigen Fällen soll er auch Waffen benutzt haben. Im April 2001 wurde er im Staat New York wegen schwerer Körperverletzung zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. In New Orleans/Bundesstaat Louisiana, wo er 2010 einige Monate lebte, soll gegen ihn ein weiterer Haftbefehl laufen – auch hier wegen schwerer Körperverletzung. Und auch in Potsdam ist James Sa. schon auffällig geworden. Die Staatsanwaltschaft führt dort ein Verfahren gegen ihn, weil er in einem Partyzelt eine Frau geschlagen haben soll.

Neben James Sa. wird auch eine junge Frau auf der Anklagebank sitzen. Sie war die Mieterin der Wohnung in der Edisonstraße, wo Raoul S. getötet wurde. Den Ermittlungen zufolge hat die junge Frau ihren späteren Freund James Sa. im Frühjahr 2011 im Stadion An der Alten Försterei bei einem Fußballspiel des 1.FC Union kennengelernt. Sie soll am 6. Juli von dem eskalierenden Streit zwischen den Männern aber nur wenig mitbekommen haben. Später, so die Ermittlungen, habe sie ihrem Freund jedoch geholfen, die Leiche in der Badewanne zu zerstückeln und die Leichenteile in Müllsäcke zu verpacken. Danach soll sie das Bad akribisch gereinigt haben, um die Spuren zu beseitigen.

Anklage wegen Strafvereitelung

James Sa. hatte ihre Beteiligung an der Beseitigung der Leiche offenbar verschwiegen. Die 21-Jährige, die zuvor angab, das Opfer noch nie gesehen zu haben, wurde erst am 16.August festgenommen. An diesem Tag hatte sie bei einer Vernehmung zugegeben, den abgetrennten Kopf des Opfers nach Reinickendorf geschafft und dort in den Schäfersee geworfen zu haben. Ende Januar wurde der gegen sie erlassene Haftbefehl aufgehoben. Sie ist nun angeklagt wegen Strafvereitelung. Dafür drohen Strafen von bis zu fünf Jahren Gefängnis.

Rechtsanwalt Mirko Röder, der James Sa. vor Gericht verteidigen wird, bestätigte Morgenpost Online, dass sein Mandant die Tat gestanden habe. Dennoch sei die Mordanklage zu hinterfragen. „Mein Mandant ist schwer alkoholkrank“, so Röder. „Es wird für dieses Verfahren sehr wichtig sein, wie der psychiatrische Sachverständige diesen Fall einschätzt.“

Sollte James Sa. wegen Mordes verurteilt werden, wie von der Staatsanwaltschaft gefordert, droht ihm eine lebenslängliche Haftstrafe. Strafmildernd wäre, wenn ihm der psychiatrische Gutachter wegen des mutmaßlich starken Alkoholkonsums vor der Tat eine stark eingeschränkte Steuerungsfähigkeit attestiert.