Streitgespräch

Fünf Frauen, fünf Parteien, fünf Generationen

Sie alle sind neu im Berliner Abgeordnetenhaus. Morgenpost Online sprach mit fünf Neu-Parlamentarierinnen über die Frauenquote, Schrei-Jungs im Plenum und die Aufregung vor der ersten Rede.

Foto: Amin Akhtar

Es dauerte nur wenige Minuten, dann waren die fünf Fauen beim Streitgespräch richtig in Fahrt. Ein Stichwort genügte, schon wurde wild debattiert.

Morgenpost Online: Politiker haben ein ziemlich schlechtes Image. Warum tun Sie sich das an?

Ina Czyborra: Ich habe mit 16 angefangen, mich politisch zu engagieren. Vielleicht hat das etwas mit Erziehung zu tun, dass man Dinge verändern will, die einem nicht gefallen. Bei mir führte der Weg dann schnell zu den Jusos. Dann gab es irgendwann eine längere Pause, in der ich studiert und mich selbstständig gemacht und Kinder bekommen habe, und jetzt habe ich die Chance ergriffen, mit all meinen Erfahrungen für diese Stadt etwas zu tun. Ich bin ein Informationsjunkie und lerne jeden Tag neue Leute kennen, neue Sachverhalte. Das passt zu mir.

Morgenpost Online: Bezeichnen Sie sich als Politikerinnen?

Susanne Graf: Ich werde immer als Politikerin bezeichnet, obwohl ich mich nicht als Berufs-Politikerin sehe. Ich sitze nun für fünf Jahre im Abgeordnetenhaus, danach werde ich wohl wieder anderen Tätigkeiten meine Aufmerksamkeit schenken. Für mich ist Politik ein Exkurs.

Hildegard Bentele: Ich sehe das auch so. Politik als Beruf sehe ich wirklich kritisch. Es ist kein Beruf, sondern ein Mandat für ein paar Jahre, das man vom Volk bekommt. Es ist gut, wenn man noch ein anderes Berufsleben hat. Ich habe in der Exekutive gearbeitet, im Außenministerium und jetzt seit knapp zwei Jahren im Bundestag. Dort habe ich neun Jahre Politiker beraten und gesehen, wie Politik implementiert wird. Ich bin erst mit 26 in die Partei eingetreten und wurde irgendwann gefragt, ob ich mich noch mehr engagieren möchte. Und ich hatte Lust, einmal selbst Akteur zu sein. Ich bin immer noch ganz begeistert, jetzt im Parlament zu sein.

Morgenpost Online: Frau Kittler darf als Lehrerin ihren Beruf nebenher gar nicht mehr ausüben, während sie ein Mandat hat.

psavRegina Kittler: Ich wurde auch gefragt, ob ich fürs Abgeordnetenhaus kandidieren möchte. Ich war vorher seit 1999 in der BVV Marzahn-Hellersdorf. Meine Partei war dann zehn Jahre in Berlin mit an der Regierung und da merkt man, wie sich einige Dinge ändern – das werden Sie jetzt auch merken, Frau Bentele. (Gelächter)

Morgenpost Online: Wie meinen Sie das?

Regina Kittler: Ich bin ganz froh, dass ich jetzt in der Opposition bin. Die Gratwanderung zwischen Interessenausgleich und den eigenen Grundpositionen als Regierungspartei ist schwierig. Ich hatte oft das Problem, dass ich nicht mit allen Positionen mitgehen mochte, die da als Kompromiss zwischen SPD und Linke im Land ausgehandelt worden waren. Als Lehrerin war ich von all den Reformen besonders stark betroffen, und manches konnte ich dann an der Basis nicht mehr vertreten. Für mich ist Opposition besser. Und ich sehe es übrigens genauso: Politikerin bin ich auf Zeit. In fünf Jahren sitze ich wieder in der Schule.

Morgenpost Online: Frau Schmidberger ist eine der jüngsten im Abgeordnetenhaus, hat aber schon politische Erfahrung aus dem Bundestag. Wie ist das Abgeordnetenhaus im Vergleich dazu?

Katrin Schmidberger: Ich komme aus Bayern und bin durch die CSU und die Kohl-Ära früh zu einem politisch denkenden Menschen geworden. Ich sehe Politik als Erfüllung eines langgehegten Traums, ich wollte immer politische Aktivistin sein. Ich habe zuletzt zwei Jahre bei Christian Ströbele im Bundestag gearbeitet. Ich bin froh, dass ich da schon einiges gelernt habe über die politischen Abläufe. Trotzdem ist alles im Abgeordnetenhaus neu, man ist angespannt und oft aufgeregt, weil man beispielsweise seine erste Rede halten muss.

Morgenpost Online: Der neue SPD-Fraktionschef will fraktionsübergreifend konstruktiver zusammenarbeiten. Die Piraten haben kürzlich kritisiert, die Parlamentsarbeit sei nur Fassade, die eigentliche Arbeit werde in den Verwaltungen gemacht. Zudem könnten die Fraktionen nicht problemorientiert zusammenarbeiten, weil es nur um parteipolitische Spiele gehe. Wie beurteilen Sie die herrschende politische Kultur?

Susanne Graf: Ich habe Anfang der Woche zehn Stunden daran gesessen, einen Antrag zu schreiben, nur einen Verfassungsänderungsantrag….

Morgenpost Online: „Nur“ einen Antrag zur Änderung der Berliner Verfassung…. (Gelächter)

Susanne Graf: Ja! Mit dem Antrag soll nur ein Satz geändert werden, aber die Begründung dafür dauert ewig. Ich kann mir schon vorstellen, dass es bequemer ist, wenn man so was von einem Referenten schreiben lässt. Aber zu delegieren ist nicht das, was ich mir unter Politikersein vorstelle. Mein Eindruck ist aber, dass in anderen Parteien die Arbeit vor allem von Mitarbeitern gemacht wird. Manche Referenten erzählen, dass sie eigentlich für die Politik allein verantwortlich sind, die Mandatsträger nur nach außen repräsentieren und oft keine Ahnung vom Inhalt haben. Davon bin ich ziemlich enttäuscht.

Hildegard Bentele: Warum sprechen Sie mit unseren Mitarbeitern, aber nicht mit uns? Das ist das Problem, das ich mit den Piraten habe: Da wird nur über uns gesprochen, aber nicht mit uns. Das fällt mir auch im Plenum auf. Da wird geschimpft und getwittert, anstatt mal mit den Leuten zu reden. Aber auf der anderen Seite sich über schlechten Stil beschweren.

Katrin Schmidberger: Ich habe bisher nicht den Eindruck, dass die Piraten nicht mit den anderen Fraktionen sprechen.

Regina Kittler: Ich auch nicht.

Hildegard Bentele: Ich kann da nur für die CDU sprechen, mit Ihnen mag das anders sein.

Ina Czyborra: Zurück zur Frage. Es gibt natürlich viele Rituale im Politikbetrieb. Und es gibt ein Spiel zwischen Regierungsparteien und Opposition. Es geht schließlich auch darum, sich zu profilieren. Und trotzdem werden vernünftige Anträge der Opposition nicht weggeschmissen, sondern in Arbeit umgesetzt. Da ist viel Zusammenarbeit möglich.

Regina Kittler: Ihr Wort in Gottes Ohr! Bisher habe ich das anders erlebt. Jeder Vorschlag der Opposition wird abgeräumt, auch wenn es keine Argumente dafür gibt. Stattdessen werden irgendwelche Worthülsen abgefeuert. Und ich finde überhaupt nicht, dass es um Profilierung geht. Es geht darum, was die Bürger in diesem Bundesland wollen und was wir für sie tun können. Dafür bin ich doch gewählt worden! Auf Bezirksebene kenne ich das anders, da konnte man mit allen Fraktionen einschließlich der CDU gut zusammenarbeiten. Jetzt ist das anders. Ich habe den Eindruck, jetzt wird durchregiert.

Hildegard Bentele: Unser Fraktionschef Florian Graf hat deutlich gesagt, wir stehen den Anliegen der Opposition wohlwollend gegenüber. Und gerade die neue CDU-Fraktion ist sehr pragmatisch und wenig ideologisch. Also ich kann den Eindruck nicht teilen, dass alles schrecklich und furchtbar ist. „Durchregiert“ – wie kann man das so sagen? Wir haben doch gerade erst angefangen mit der Arbeit!

Morgenpost Online: Es ging nicht um die Frage, ob irgendwas schrecklich ist, sondern darum, welche Kultur im Abgeordnetenhaus herrscht.

Katrin Schmidberger: Mich hat meine erste Sitzung im Bauausschuss ziemlich erschreckt. Ich hatte die Nacht vorher kaum geschlafen, mir ewig lang Argumente zusammengeschrieben und dachte, ich bin für einen guten Streit gerüstet. Und dann saßen da die Abgeordneten von CDU und SPD und erzählten mir, ich solle doch mal die Koalitionsvereinbarungen lesen. Auf meine Argumente haben die gar nicht reagiert! Vor allem die Männer zwischen Mitte 30 und Anfang 40, die nach oben streben, tun sich mit diesem Verhalten hervor. Es mangelt an Respekt! Auch im Plenum. Da gibt es so Herrenriegen, die stehen hinten im Saal und reden laut und scherzen. Da gibt es wenig Respekt vorm Parlament, die gehen zum Quatschen nicht mal vor die Tür! Ich finde das erschreckend.

Hildegard Bentele: Den Eindruck kann ich nicht teilen.

Ina Czyborra: Auch bei Oppositionsanträgen geht es doch oft einfach darum, die Regierung vorzuführen.

Hildegard Bentele: Es wäre doch langweilig, wenn alle immer alles zusammen beschließen würden.

Susanne Graf: Darum geht es ja auch nicht! Aber es wäre schön, wenn Argumente ernst genommen würden.

Hildegard Bentele: Dafür muss man sich auch so verhalten, dass man ernst genommen wird.

Susanne Graf: Das gilt ja wohl für alle Fraktionen! Also vom Politikstil bin ich nach den ersten Sitzungen des Parlaments maßlos enttäuscht, dabei war ich anfangs ganz euphorisch. Zum Beispiel nach der Regierungserklärung von Wowereit. Kaum fängt die Opposition an mit ihren Reden, sind die Fraktionsbänke von CDU und SPD fast leer.

Katrin Schmidberger: Und ständig wird reingeschrien.

Ina Czyborra: Aber da gibt es in jeder Fraktion diese Schrei-Jungs. Wobei die Grünen auch eine reinschreiende Frau haben…

Regina Kittler: Anstatt sich mal anzuhören, was die Opposition zu sagen hat.

Morgenpost Online: Von der Pressetribüne aus lässt sich beobachten, dass die Reihen oft gleichmäßig leer sind, das geht durch alle Fraktionen.

Ina Czyborra: Bei der Sitzungsdauer von mehreren Stunden muss man manchmal raus.

Susanne Graf: Es gibt ja keine festgelegten Pausen. Manchmal muss man zur Toilette!

Ina Czyborra: Oder was trinken oder essen. Das darf man im Plenum nicht.

Regina Kittler: Ich habe schon überlegt, ob ich mal über unseren Geschäftsführer darum bitte, zumindest Trinken zu erlauben.

Hildegard Bentele: Wir könnten eine Fraueninitiative für mehr Menschlichkeit im Plenum starten!

Susanne Graf: Ich habe schon mal nachgefragt, warum man im Saal nichts trinken darf. Es geht da um den Teppich. Der ist neu und teuer. Da darf nichts drauf umkippen. Ich habe deshalb schon vorgeschlagen, Flaschen mit so Nuckeln oben drauf zuzulassen.

Ina Czyborra: Das wäre kein schöner Anblick im Parlament. (Gelächter)

Regina Kittler: Wir können ja jetzt vereinbaren, dass wir fünf immer da bleiben, wenn einer von uns im Plenum spricht.

Susanne Graf: Und zum Trinken treffen wir uns dann alle draußen!

Ina Czyborra: Und reden darüber, was wir gemeinsam auf den Weg bringen können!

Morgenpost Online: Themawechsel. Frau Graf und Frau Bentele sind in ihren Fraktionen als Frauen klar in der Minderheit. Wie macht sich das bemerkbar?

Hildegard Bentele: Gar nicht. Alle haben viel Respekt, sind offen und freuen sich, dass man da ist.

Susanne Graf: Wenn man akut bestimmte Dinge braucht, die nur Frauen brauchen, macht sich der Frauenmangel bemerkbar. Ansonsten nicht.

Katrin Schmidberger: Kannst du das eigentlich beurteilen, wenn du noch nie in einer Fraktion mit höherem Frauenanteil warst?

Susanne Graf: Inhaltliche Konflikte, bei denen die Geschlechterfrage eine Rolle gespielt hätte, gab es bisher nicht. Außer beim Thema Frauenquote. Einige Männer sind dafür, ich dagegen.

Morgenpost Online: Es fällt auf, dass im Abgeordnetenhaus nur in den Fraktionen ein einigermaßen ausgeglichenes Geschlechterverhältnis herrscht, die eine Art von Quotenregelung haben. Was sagt das aus?

Ina Czyborra: Dass wir sie brauchen.

Katrin Schmidberger: Und dass das Geschlecht immer noch eine Rolle spielt bei der Frage der Postenverteilung. Das sieht man auch gerade wieder bei der flexiblen Frauenquote in Unternehmen: So was bringt nichts, die Quote muss verbindlich sein. Alle Wissenschaftler, die sich damit befassen, bestätigen das.

Hildegard Bentele: Die Quote bei den Grünen gibt es seit 30 Jahren, und Ihr braucht sie immer noch.

Ina Czyborra: Unsere Parteien existieren auch nicht außerhalb der Gesellschaft. Wenn in der Gesellschaft bestimmte Mechanismen herrschen, dann sind wir leider davon nicht losgelöst.

Susanne Graf: Wir Piraten sind uns durchaus bewusst, dass die Geschlechterfrage in der Gesellschaft eine Rolle spielt. Das Ziel, das wir aber verfolgen, ist, dass es keine Rolle mehr spielen soll. Wir müssen ein Umdenken zustande bekommen. Und an anderen Stellen eingreifen, etwa Vetternwirtschaft bei der Stellenbesetzung verhindern, für echte Ausschreibung und Bestenauslese eintreten.

Morgenpost Online: Frau Bentele, Sie nicken enthusiastisch?

Hildegard Bentele: Für mich lenkt die Quotendebatte von anderen Themen ab: Arbeit ist nicht familiengerecht organisiert, Frauen werden schlechter bezahlt, Frauen müssen sich mehr zutrauen, Frauen müssen öfter technische Berufe ergreifen. Und ich glaube nicht, dass es die Welt verändern würde, wenn im Vorstand von 20 Dax-Unternehmen jetzt 20 Frauen sitzen würden.

Regina Kittler: Da wäre ich nicht so sicher.

Hildegard Bentele: Und es wird auch immer ignoriert, was für Verantwortung eine Führungsposition mit sich bringt. Die braucht viel Zeit. Und weil Frauen Kinder bekommen können, haben die halt oft eine andere Biografie. Es geht also darum, Arbeit familiengerecht zu organisieren. Das geht doch mit einer Quote nicht. (Es bricht wildes Durcheinanderreden aus.)

Katrin Schmidberger: Die Quote ist eine Garantie dafür, dass auf diese undurchlässigen Strukturen eingegangen wird.

Ina Czyborra: Und die Mädchen müssen ermuntert werden, sich solche Karrieren zuzutrauen. Was brauchen sie dazu? Vorbilder.

Hildegard Bentele: Aber die jungen, sehr gut qualifizierten Frauen wachsen doch jetzt überall hoch. Dazu brauche ich doch keine Quote!

Ina Czyborra: Und mit 30 Jahren verschwinden die sehr gut qualifizierten Frauen dann wieder.

Regina Kittler: Wir sind das einzige Bundesland mit einem Programm, das Frauen in landeseigenen Unternehmen und Universitäten fördert. Der Frauenanteil ist dadurch von neun auf 40 Prozent gestiegen. Das liegt eindeutig an der Verpflichtung zur Quote. Gucken Sie sich doch mal die Chefin der Verkehrsbetriebe an als Beispiel, die hat vier Kinder.

Hildegard Bentele: Und was macht der Mann? Der passt zu Hause auf die Kinder auf. Das Modell ist da einfach nur umgedreht, damit ist doch niemandem geholfen und nichts erreicht.

Regina Kittler: Wieso das denn nicht?

Katrin Schmidberger: Es geht doch um Wahlfreiheit! Frauenpolitik ist auch Männerpolitik. Es geht doch darum, dass der Mann auch zu Hause bleiben und sich um die Kinder kümmern darf, wenn er das möchte. Und bei uns in der Partei sagen die Männer oft, dass ihnen die Frauenquote hilft, aus den typischen Strukturen auszubrechen.

Ina Czyborra: Zum Beispiel auch aus dieser Anwesenheitskultur, in der nur derjenige ein guter Mitarbeiter ist, der bis spät abends im Büro bleibt. In anderen europäischen Ländern wie Norwegen würde man die Leute fragen, ob sie kein Zuhause haben.

Susanne Graf: Wie ist das bei den Grünen – Ihr habt die Quote seit 30 Jahren – hat da ein Umdenken stattgefunden? Könntet Ihr die Quote jetzt abschaffen?

Katrin Schmidberger: Das ist ein laufender Prozess. Und ich bin froh, dass es die Quote gibt. Du sagst immer, Du willst keine Quotenfrau sein. Ich habe kein Problem damit, denn ich verbinde damit nicht Minderwertiges. Ich bin froh, weil die Quote mir garantiert, dass man Männer dazu bringt, sich mit der Frage zu beschäftigen, wie man die Frauen besser einbinden kann. Sonst preschen die Männer gern vor und schauen sich nicht um.

Regina Kittler: Warum gibt es denn in der CDU-Fraktion unter 39 Abgeordneten nur vier Frauen?

Hildegard Bentele: Es wird doch nicht alles besser, wenn irgendwo 50 Prozent Frauen sitzen. Natürlich hätten wir gern mehr Frauen, weil wir die Gesellschaft dann besser repräsentieren. Aber zunächst mal kommt es doch darauf an, dass da jemand sitzt, der an der Arbeit interessiert ist.

Katrin Schmidberger: Die Quote ist nicht die endgültige Lösung für mehr Geschlechtergerechtigkeit, aber sie bringt uns ein Stück weit dahin.

Ina Czyborra: Sie löst gesellschaftliche Lernprozesse aus.

Susanne Graf: Sie wird aber immer als Allheilmittel für alles dargestellt.

Regina Kittler: Starke Frauen….

Hildegard Bentele: Brauchen keine Quote!

Regina Kittler: …starke Frauen setzen sich vielleicht auch so durch. Aber es gibt unter den anderen Frauen genügend, die man erst stark machen muss. Die was leisten können, aber nicht nach vorne drängen.

Hildegard Bentele: Aber es gibt doch gar nicht mehr diese Frauen, die komplett zu Hause bleiben, so wie unsere Mütter. Wenn die Frauen heute Kinder bekommen, setzen sie vielleicht mal drei Jahre aus. Das sei ihnen doch auch zugestanden!

Ina Czyborra: Und dann kommen sie zurück in Jobs, bei denen sie sich weit unter Wert ihrer Ausbildung verkaufen.

Katrin Schmidberger: Es ist doch schnuppe, wie lang man zu Hause bleibt, oder wer zu Hause bleibt. Es geht darum, den richtigen Einstieg wiederzufinden, trotzdem noch Karriere machen zu können. Da fängt doch die Diskriminierung an.

Morgenpost Online: Zum Schluss eine oberflächliche Frage. Im Bundeskabinett fällt auf, wie zurückhaltend sich die Ministerinnen und die Kanzlerin anziehen. Mit schlichten Hosenanzügen und wenig Make-up. Doch ändert mal eine ihre Frisur nur ein bisschen, gibt es gleich Medienrummel. Vertragen sich High Heels nicht mit einem politischen Amt?

Susanne Graf: Nachdem ich in der ersten Plenarsitzung eine kurzärmelige Bluse und Pferdeschwanz getragen habe, gab es Artikel, in denen stand, wie unprofessionell ich ausgesehen hätte. „Wie eine Schülersprecherin“ stand da. Jetzt trage ich halt keine kurzen Ärmel mehr. Aber ich trage immer Pferdeschwanz, das ist bequem und geht schnell. Aber die Medien sind da anstrengend. Bei Marina Weisband aus dem Bundesvorstand der Piraten wurde getitelt „Würden Sie diese hübsche Piratin wählen?“ Das hat sie total fertig gemacht. Sie will mit Inhalten ankommen, stattdessen wird alles auf Homestory gedreht.

Hildegard Bentele: Das macht sie selber doch aber mit.

Morgenpost Online: Was ist denn die Konsequenz? Nur noch graue Hosenanzüge tragen?

Susanne Graf: Nee, das wäre ganz falsch. Besser die Haare abschneiden und knallige Farben tragen. Aussagen aus dem Wahlprogramm aufs T-Shirt drucken.

Ina Czyborra: Mit Kleidung setzt man Signale, und natürlich überlege ich, welche Signale das sein sollen – je nachdem, wo man ist.

Katrin Schmidberger: Bei Politikern tritt eine eigentlich subtile Diskriminierung offen zu Tage. Ist doch unglaublich, wie lange man sich über den Ausschnitt von Frau Merkel bei diesem Opernbesuch vor Jahren unterhalten hat. Über Helmut Kohls Anzüge gab es nie Debatten.

Ina Czyborra: Die Männer gehen da ja auch gar keine Risiken ein.

Katrin Schmidberger: Ich trage keine Blusen, weil ich mich darin nicht wohlfühle. Und mir wurde schon oft gesagt, ich solle mich doch mal ordentlich kleiden, dann würde ich auch ernster genommen. Ich finde, man sollte sich treu bleiben und das möglichst ignorieren.

Hildegard Bentele: Mit Kleidung sagt man etwas aus, das ist halt so. Im Ministerium herrscht auch ein Dresscode, die Frauen tragen Schwarz, Braun oder Grau. Anders in Südosteuropa. Da tragen die Frauen gern bunte Kleider. Das habe ich mir abgeschaut, als ich dort gearbeitet habe. Man darf ruhig sehen, dass ich eine Frau bin.

Ina Czyborra: Ich lobe die Männer auch immer, wenn sie sich mal trauen, 'ne schöne Krawatte zu tragen.

Hildegard Bentele: Es ist blöd, wenn es irgendwann nur noch ums Äußere geht, aber bis zu einem gewissen Grad kann man Kleidung ja auch nutzen, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Herr Claus-Brunner mit seiner orangefarbenen Latzhose hat Aufmerksamkeit im Parlament, er müsste das nur noch inhaltlich nutzen.

Regina Kittler: Bei Linken ist das mit der Kleidung manchmal so eine Sache. Aber ich muss ja nicht im Sack gehen, bloß weil ich 'ne Linke bin. Ich ziehe mich an, wie ich mich wohlfühle und je nach Anlass. Mir selbst ist es wurscht, wie die Leute rumlaufen, die Medien machen da immer ein Ding draus. (zu Hildegard Bentele) Und wenn Du Dich mit Kleid wohlfühlst, äh, Sie sich so wohlfühlen…

Katrin Schmidberger: Wir haben uns doch jetzt alle eigentlich geduzt. Wollen wir nicht dabei bleiben?