Hammermord-Prozess

Vater will Sohn aus Mitleid erschlagen haben

Am 18. April des vergangenen Jahres erschlug Birk D. seinen zwölfjährigen Sohn Julien mit einem Hammer. Am Freitag ließ der Angeklagte eine Erklärung verlesen: Demnach habe er seine Tat aus Mitleid und Verzweifelung begangen.

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Es soll Mitleid gewesen sein. Und wohl auch Verzweiflung. Beides soll so groß gewesen sein, dass Birk D. am Ende nicht mehr anders konnte – und am 18. April vergangenen Jahres seinen zwölfjährigen Sohn Julien mit einem Hammer erschlug.

Zu Beginn des Prozesses vor einem Moabiter Schwurgericht hatte Birk D. erklärt, derzeit nicht über seine Tat reden zu können. Am Freitag folgte nun doch noch eine – von Verteidiger verlesene – Erklärung. Mit dem Tenor, dass Birk K. sterben und seine geliebten Kinder nicht allein zurück lassen wollte. Juristen nennen das einen erweiterten Suizid – der stets beim Schwurgericht endet, wenn zwar das Kind getötet wurde, der Täter selbst aber nicht mehr den Mut oder die Kraft hatte, das eigene Leben ebenfalls auszulöschen.

Ausgangspunkt ist stets eine schier ausweglose Lage. Auch Birk D. will in so einer Situation gelebt haben. Die Hauptschuld sucht er bei einem Herrn R., der ihn in seiner Wohnung in der Reinickendorfer Gotthardstraße aufgenommen hatte. Hinter Birk D. lag damals unstetes Leben: Die Mutter von Julien und einer inzwischen elfjährigen Tochter hatte sich kurz nach der Geburt des Mädchens von ihm getrennt. Auch eine zweite Beziehung scheiterte.

Die 32-Jährige begründete am Freitag vor Gericht, warum sie Birk D. nach drei gemeinsamen Jahren aus ihrer Wohnung verwies: Er sei nicht arbeiten gegangen, habe sich auch nicht um Transferleistungen bemüht, habe den ganzen Tag über Pornofilme angeschaut oder in Interforen mit anderen Frauen geflirtet. „Er hat mich immer wieder belogen und auch bestohlen“, so die Hartz-IV-Empfängerin. Als er ihr die „die letzten 20 Euro aus der Börse nahm“, habe sie ihn vor die Tür gesetzt.

Birk D. will nach dem Rauswurf zeitweise auf der Straße gelebt und sich als Stricher prostituiert haben. Bis er Herrn R. kennen lernte und später auch zu ihm zog. In R.s Wohnung wurde am 18. April dann auch Julien erschlagen.

Herr R. habe es „nie akzeptiert oder auch nicht glauben wollen, dass ich nicht homosexuell bin und eine Beziehung nicht will“, heißt es in der Erklärung. „Es verging kaum ein Tag, an dem ich von ihm nicht sexuell bedrängt wurde.“

Scheinbar ausweglose Situation

Doch einfach weggehen wollte er „wegen drohender Obdachlosigkeit“ auch nicht, so Birk D. „Die Situation war für mich so ausweglos, dass ich in meinem Leben keinen Sinn mehr sah. Es gab niemanden, der mir helfen konnte. Ich war vielleicht auch schon in der Situation, dass ich mir nicht mehr helfen lassen konnte.“

Und dann waren da die beiden Kinder, die ihn regelmäßig besuchen durften. Er soll sie liebevoll behandelt haben. Und sie sollen auch gern zu ihm gekommen sein. „Es machte mich immer trauriger, wenn ich mir vorstellte, dass diese beiden lieben Kinder in dieser schrecklichen, gefühllosen und hoffnungslosen Welt vielleicht einmal auf den gleichen hoffnungslosen Weg geraten würden wie ich“, heißt es in der Erklärung.

Heute sehe er vieles anders: „Ich schäme mich unendlich dafür, den größten Fehler meines Lebens gemacht zu haben, den ich nicht mehr korrigieren kann. Ich will jetzt weiter leben und nicht mehr aus dem Leben scheiden.“

Folgt das Gericht dieser Erklärung, käme eine Verurteilung wegen Mordes nicht mehr infrage. Es wäre dann Totschlag, verübt von einem Angeklagten, der offenbar keinen anderen Ausweg mehr wusste. Der psychiatrische Gutachter soll es bislang jedoch anders sehen und Birk D. in einem vorläufigen Gutachten eine volle Schuldfähigkeit attestiert haben. Prozessfortsetzung am 20. Februar.