Hoher Krankenstand

Der Berliner S-Bahn gehen die Fahrer aus

Weil viele Triebfahrzeugführer krank sind, haben die Züge der Berliner S-Bahn immer wieder Verspätung – oder fallen ganz aus. Ersatzpersonal ist schwer zu finden, weil die Fahrer eine spezielle Ausbildung benötigen.

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Der Freitagmorgen begann für Holger Schicht mit einem lauten Fluch: „Das kann doch nicht wahr sein – jetzt komm ich ja schon wieder zu spät!“ Kurz zuvor hatte der 32-jährige Monteur auf dem S-Bahnhof Berlin-Buch eine Lautsprecherdurchsage zu hören bekommen. Emotionslos teilte ihm und etwa 50 weiteren Wartenden eine Frauenstimme mit: „Der Zug nach Lichtenrade, planmäßige Abfahrtzeit um 8.45 Uhr, fällt ersatzlos aus.“ Eine Begründung dafür gab die Bahn-Bedienstete nicht. Für die Frierenden hieß es, nun weitere zehn Minuten auf dem zugigen Bahnsteig warten zu müssen, ehe die nächste S-Bahn einrollte.

Viele Störungen am Freitag

Die Störung im Zugverkehr an der Linie S 2 (Bernau–Blankenfelde) war nur eine von mehreren am gestrigen Freitag. Auch an den Linien S 25, S 5 und S 47 kam es zu Ausfällen. So fuhr etwa die S 47 – wie schon fast die gesamte Woche über – nur zwischen den Bahnhöfen Spindlersfeld und Schöneweide, statt wie gewohnt zwischen Spindlersfeld und Hermannstraße. Am Nachmittag fielen dann auch noch auf der S 5 (Strausberg Nord–Spandau) die im Berufsverkehr wichtigen Verstärkerzüge zwischen Ostbahnhof und Mahlsdorf aus.

„Auch in den kommenden Tagen und Wochen muss immer wieder mit derartigen Einschränkungen gerechnet werden“, sagte ein S-Bahn-Sprecher. Grund dafür sei der akute Personalmangel im Unternehmen. Not herrscht demnach insbesondere unter den Triebfahrzeugführern, die für den Alltagsbetrieb unverzichtbar sind.

Eine rasche Besserung der Lage ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: „Mindestens bis Frühjahr“, so heißt es S-Bahn-intern, werde der akute Mangel an Triebfahrzeugführern noch anhalten. Wie schon bei den Fahrzeugen hat die Berliner S-Bahn dabei mit dem Problem ihrer technischen Sonderstellung zu kämpfen. Denn, so wie sie aufgrund des Gleichstrombetriebs nicht einfach Züge aus anderen Teilen Deutschlands als Ersatz für eigene defekte Triebwagen einsetzen kann, so kann sie auch nicht einfach Lokführer aus anderen Teilen des Bahn-Konzerns oder gar aus dem Ausland anheuern.

Die Triebfahrzeugführer der Berliner S-Bahn müssen eine spezielle Ausbildung durchlaufen – und diese dauert für neue Mitarbeiter mindestens neun Monate. Ausgebildete Lokführer, die zur Berliner S-Bahn wechseln, können bereits nach vier Monaten Schulung in den Führerstand wechseln.

Aktuell hat das Unternehmen 52 Fahrer-Lehrlinge in der Ausbildung, im gesamten Jahr hofft die S-Bahn auf insgesamt 100 weitere Triebfahrzeugführer. Allerdings werden auch mehr als 30 Fahrer gleichzeitig in den Ruhestand gehen.

Fahrgastverband warnt vor Chaos

Doch die Bahn sorgte am Freitag auch noch mit einem anderen Thema für große Aufregung. Der Berliner Fahrgastverband Igeb hatte dem Unternehmen vorgeworfen, mit Bauplänen für den Nord-Süd-Tunnel der S-Bahn im nächsten Jahr ein Verkehrschaos in der östlichen Innenstadt heraufzubeschwören. Ausgerechnet in der Zeit, in der die Linie U 6 wegen des Baus eines neuen U-Bahn-Tunnels monatelang unterbrochen sein wird, sollte auch diese wichtige Verkehrsader zugeschnürt werden. Die Bahn will demnach im Nord-Süd-Tunnel unter anderem Schienen erneuern und neue Zugsicherungstechnik einbauen. Geplant waren dafür für Anfang Februar gar zwei Wochen Vollsperrung zwischen Anhalter Bahnhof und Potsdamer Platz sowie Potsdamer Platz und Nordbahnhof.

Aus Sicht des Fahrgastverbandes hätte dies ein Verkehrschaos in der City Ost zur Folge, weil die S-Bahn-Züge (Linien S 1, S 2 und S 25), die durch den Nord-Süd-Tunnel fahren, die wichtigste Alternative zur unterbrochenen U 6 seien. Etwa zwei Drittel der mehr als 100.000 Fahrgäste, die täglich die U 6 nutzen, würden bei einer Sperrung auf die S-Bahn umsteigen. So zumindest die Prognose der Senatsverkehrsverwaltung, die bereits im Dezember die S-Bahn eindringlich zur Korrektur ihrer Baupläne aufgefordert hat.

Nach der Igeb-Kritik kündigte die Bahn nun an, dass es im Nord-Süd-Tunnel zumindest keine Vollsperrungen geben werde, solange die U 6 unterbrochen ist. Es könne aber nicht ausgeschlossen werden, dass auch während der U 6-Sperrung Instandhaltungsarbeiten in verlängerten nächtlichen Betriebspausen (Montag bis Donnerstag ab 22 Uhr) erforderlich sein würden, sagte eine Bahnsprecherin.