Grundständige Gymnasien

Warum Berliner früh die Grundschule verlassen

Immer mehr Berliner Schüler wechseln nach der vierten Klasse auf ein grundständiges Gymnasium. Dort genießen sie eine spezielle Förderung. Mittlerweile gibt es doppelt so viele Bewerber wie Plätze. Wer genommen werden will, muss einen Mathe-Test bestehen.

Foto: Massimo Rodari

Neugierig betreten Ina von Holly und ihr neunjähriger Sohn Jacob den Raum 002 des Friedrichshainer Andreas-Gymnasiums an der Koppenstraße. Es ist der Tag der offenen Tür, und die beiden wollen sich den Klassenraum der fünften Klasse ansehen, die das Andreas-Gymnasium im kommenden Schuljahr zum ersten Mal anbieten wird. Viel zu besichtigen gibt es allerdings nicht. Die Wände sind noch kahl, nur Tische, Stühle und ein paar Regale stehen im Raum.

Schulleiter Andreas Steiner wird später erklären, warum das so ist: „Wir wollen, dass die Schüler ihr Klassenzimmer selbst gestalten.“ Er habe extra einen Raum in einer ruhigen Ecke der Schule ausgesucht, sagt Steiner. „Wir haben zwar noch keine Erfahrung mit Fünftklässlern, glauben aber, dass sie sich besser einleben, wenn sie sich nicht gleich mitten in der Schule behaupten müssen.“ Außerdem könnten die Kinder von diesem Klassenzimmer aus schnell einen nahe gelegenen Spielplatz erreichen. „Geplant ist, dass sie dort die zweite große Pause verbringen, um sich austoben zu können.“

Komplizierte Suche

Ina von Holly und die anderen Eltern, die an diesem Tag zahlreich in Raum 002 vorbeischauen, sind begeistert darüber, wie viele Gedanken sich der Schulleiter über die künftigen Fünftklässler macht. Für ihren Sohn Jacob sei dieser frühe Wechsel an ein Gymnasium genau das Richtige, sagt Frau von Holly. Er brauche eine spezielle Förderung, damit er sich in der Schule nicht langweile. Hinzu komme, dass viele seiner leistungsstarken Klassenkameraden an ein grundständiges Gymnasium wechseln wollen. „Wenn die weg sind, gibt es keinen mehr, mit dem Jacob sich messen könnte“, befürchtet die Mutter.

Die Suche nach der richtigen Oberschule sei allerdings kompliziert. „Unser Sohn hat viele Talente, das macht die Entscheidung nicht leicht.“ Neben dem Andreas-Gymnasium mit seinem mathematisch-naturwissenschaftlichen Schwerpunkt komme auch ein musikbetontes Gymnasium infrage. Familie von Holly will sich allerdings ungern schon jetzt für die nächsten acht Jahre festlegen müssen. „Jacob ist doch erst neun, wir wissen doch noch gar nicht, wie er sich entwickeln wird“, sagt die Mutter.

An diesem Punkt kann Schulleiter Andreas Steiner sie beruhigen. „Wir bieten unseren Schülern keine Einbahnstraße an“, sagt er. Die neue fünfte Klasse sowie eine der drei siebten Klassen seien zwar sogenannte MINT-Klassen – wobei MINT für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik steht –, das heiße aber nicht, dass das für die Schüler bis zum Abitur so bleiben muss. „Wer nach einiger Zeit feststellt, dass er eher sprachlich oder künstlerisch begabt ist, wird bei uns ebenfalls gefördert“, sagt Steiner. Diese Schüler könnten zu Beginn der neunten Klasse den MINT-Zug verlassen und Wahlpflichtkurse in Französisch, Politik, darstellendem Spiel, Kunst oder Wirtschaft belegen.

Mit ihrem Angebot, eine fünfte Klasse aufzumachen, gehört die Andreas-Schule nun zu den 37 öffentlichen Gymnasien, die mindestens einen grundständigen Zug (ab Klasse 5) haben. Diese Schulen sind musik- oder sportbetont, haben einen mathematisch-naturwissenschaftlichen Schwerpunkt oder bieten eine gezielte Förderung im altsprachlichen Bereich, in Englisch oder Französisch an. Bei den Eltern sind diese Gymnasien beliebt. Meist bewerben sich mindestens doppelt so viele Schüler auf die vorhandenen Plätze.

Andreas Steiner ist froh, dass es nun auch an seiner Schule endlich geklappt hat. „Wir kämpfen seit Jahren darum, Fünftklässler aufnehmen zu dürfen.“ Grundständige Gymnasien sind für ihn eine Möglichkeit der „perfekten Frühförderung.“ Die Schüler würden mit Gleichinteressierten auf deutlich höherem Niveau arbeiten, als das an den Grundschulen möglich sei.

Jacob lässt sich inzwischen von Lehrerin Tanja Ghaffa Mashemi die Aufnahmebedingungen erklären. Das Andreas-Gymnasium hat festgelegt, dass nicht nur die Vornoten ausschlaggebend sein sollen. Die Bewerber müssen außerdem einen schriftlichen Mathe-Test absolvieren. „Zum Test eingeladen wird allerdings nur, wer in Mathe mindestens eine Zwei auf dem Zeugnis hat“, sagt Ghaffa Mashemi. Das Datum steht bereits fest. „Wir machen das am 2.März. Der Test wird etwa eine Stunde dauern.“ Das Ergebnis wird 50 Prozent der Gesamtbewertung ausmachen. Vornoten in Mathematik, Deutsch, Englisch und Sachkunde fließen zu 25 Prozent in diese Bewertung ein. Für die restlichen 25 Prozent werden die sozialen Kompetenzen herangezogen.

Knobelaufgaben als Prüfung

Jacob gesteht, dass er ein wenig Angst vor dieser Prüfung hat, und will mehr über die möglichen Aufgaben wissen. Eine Antwort kommt von Mathelehrer Winfried Koppisch. „Uns interessiert vor allem, wie kreativ die Kinder mit mathematischen Problemen umgehen können“, sagt er. Deshalb müssten Knobelaufgaben gelöst werden. Dazu gehöre, Phänomene des Alltags naturwissenschaftlich zu erklären. Jacob nickt. Seine Mutter äußert allerdings Bedenken. „Ein solches Herangehen an mathematische Aufgaben haben die Kinder in der Grundschule viel zu wenig geübt.“ Sie würden jetzt zu Hause das Lösen von Textaufgaben trainieren, um Jacob wenigstens ein bisschen auf den Test vorzubereiten.

Am Ende des Schulrundganges steht für Ina von Holly fest, dass sie Jacob am Andreas-Gymnasium anmelden wird. Neben den vielfältigen Lernangeboten haben die engagierte, offene Art der Lehrer und des Schulleiters sie überzeugt. Außerdem gefällt der Mutter, dass die Schule sich um die Fünftklässler besonders kümmern will. So soll neben der Klassenlehrerin ein zweiter Vertrauenslehrer täglich für die Kinder da sein. Wichtig ist der Familie auch, dass sich die Schule in der Nähe ihrer Wohnung befindet. „Wir haben drei Kinder“, sagt Frau von Holly. Da spiele die Nähe zu den Schulen und zur Kita schon eine Rolle.

Das Angebot der Schulen

Anmeldung: Am grundständigen Gymnasium vom 27. Februar bis 1. März 2012.

Mathebetont: Heinrich-Hertz-Gymnasium in Friedrichshain-Kreuzberg, Käthe-Kollwitz-Gymnasium in Pankow, Herder-Oberschule in Charlottenburg-Wilmersdorf, Freiherr-vom-Stein-Oberschule in Spandau.

Musikbetont: Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Schule in Mitte, Georg-Friedrich-Hän-del-Schule in Friedrichsh.-Kreuzb., Melanchthon-Schule in Marz.-Hellersd.

Altsprachlich: Heinrich-Schliemann-Oberschule in Pankow, Heinz-Berggruen-Schule in Charlottenburg-Wilmersdorf, Goethe-Gymnasium in Charlottenburg-Wilmersdorf, Kant-Gymnasium in Spandau, Schadow-Gymnasium in Steglitz-Zehlendorf, Arndt-Gymnasium in Steglitz-Zehlendorf, Gymnasium Steglitz in Steglitz-Zehlendorf, Eckener-Oberschule in Tempelhof-Schöneberg, Barnim-Oberschule in Lichtenberg, Bertha-von-Suttner-Oberschule in Reinickendorf.

Express-Abitur: Primo-Levie-Schule in Pankow, Hildegard-Wegscheider-Oberschule in Charlottenb.-Wilmersd., Emmy-Noether-Schule in Treptow-Köpenick