Ganztagsschulen

An diesem Gymnasium wird bis 16 Uhr gelernt

Im Zuge der Schulreform soll künftig je ein Gymnasium pro Bezirk ein Ganztagsprogramm anbieten. Das Gottfried-Keller-Gymnasium tut das bereits: Die Schüler bleiben bis zum Nachmittag. Bei den Schülern kommt das Modell gut an.

Foto: Glanze

Eine Stunde, viele Themen: Ruth lernt Französischvokabeln, Michèle und Rico machen eine Aufgabe für Geschichte, Carla füllt Physikarbeitsblätter aus. Es ist acht Uhr morgens am Gottfried-Keller-Gymnasium in Charlottenburg-Nord. Studienzeit. Die Schüler sitzen im Klassenzimmer oder vor der Tür an den Tischen der Lernlandschaft. Sie arbeiten in ihren Heften und Büchern, manche tauschen sich in Gruppen aus. Ein Lehrer ist dabei und hilft bei Fragen.

Bereits in der nächsten Stunde werden die Vokabeln abgefragt, acht Stunden später sollen sie wissen, wie Jean-Jacques Rousseau und Charles de Montesquieu die europäische Geschichte beeinflusst haben. Ein langer Tag liegt vor den Achtklässlern. Um 16 Uhr ist die letzte Stunde zu Ende. „Gut, dass es die lange Mittagspause zum Erholen gibt“, sagt Ruth und beugt sich wieder über die französischen Lernworte.

Studienzeit und Lernlandschaft – das sind nur zwei der vielen neuen Begriffe an der Schule im Mierendorffkiez, die seit dem Schuljahr 2010/11 ein Ganztagsgymnasium ist. Im Zuge der Schulreform soll künftig mindestens ein Gymnasium pro Bezirk ein Ganztagsangebot bis 16 Uhr anbieten. Das bedeutet für den Schultag längere Pausen, freie Arbeitsstunden und mehr Freizeitangebote.

Während im offenen Ganztagsbetrieb den Schülern freigestellt ist, im Anschluss an den Unterricht noch an den Freizeitangeboten der Schule teilzunehmen, ist an gebundenen Ganztagsschulen Anwesenheitspflicht bis 16 Uhr. In diesem Fall ist der Unterricht meistens durch eine längere Mittagspause in einen Vormittags- und Nachmittagsblock geteilt.

Der Kiez hat sich verändert

Schulleiter Eberhard Kreitmeyer hat sich dafür starkgemacht, seine Schule zu einem Ganztagsgymnasium auszubauen. „Weil der Kiez dieses Angebot braucht“, sagt er. 700 Schüler, davon 38 Prozent mit Migrationshintergrund, lernen an seiner Schule. Der Kiez hat sich verändert – Nachbarschaftsinitiativen kümmern sich darum, dass die soziale Mischung nicht kippt – in Richtung Hartz IV. Mit dem Ganztagsangebot soll der Kiez stabilisiert, sollen die Kinder gefördert werden.

Der Rektor hat den Schulalltag komplett neu organisiert. Vier Mal in der Woche haben die 7. und 8. Klassen zusätzlich zum Fachunterricht Studienzeiten und Förderunterricht von jeweils 45 Minuten. „Das ist keine Nachhilfe, sondern soll den Kindern helfen, sich zu organisieren und eigene Konzepte und Bildungsziele zu verfolgen“, sagt der Schulleiter. Die Schüler führen ein Studienzeitbuch, in dem sie Aufgaben, Lernfortschritte festhalten und sich selbst beurteilen müssen. Selbstständigkeit – das ist das große Ziel, das Kreitmeyer den Jugendlichen vermitteln will. Die Frage „Was soll ich tun?“ wolle er nicht hören. Vielmehr sollen die Schüler ein Lösungsangebot machen und fragen: „Was sagen Sie dazu?“.

Aus diesem Grund dürfen die Schüler sich in der Studienzeit auch selbst gewählten Aufgaben widmen. Sie können Schulaufgaben erledigen oder Wissen festigen, ganz wie sie es sich in ihrem Studienzeitbuch vorgenommen haben. Betreut werden sie dabei von einem Fachlehrer. Michèle sitzt bereits zum zweiten Mal über der Geschichtsaufgabe. „Weil sie so umfangreich ist“, sagt die Achtklässlerin. Im Austausch mit der Gruppe geht es leichter und schneller. Ruth hat zwar die Vokabeln schon einmal gelernt, schreibt sie aber erneut auf. „Dann bin ich im Test in der nächsten Stunde ganz sicher“, sagt die Kreuzbergerin.

Der Schulweg ist lang

Ruth ist jeden Tag vor und nach der Schule eine Stunde unterwegs, doch sie wollte es so. „In Kreuzberg hätte es nur zwei deutsche Kinder in meiner Klasse gegeben“, sagt die 14-Jährige. Sie schafft es trotzdem noch, nach der Schule Musik zu machen. Ihre Freundin Carla wohnt hingegen nicht weit von der Schule entfernt. Sie will Lehrerin für Biologie und Chemie werden. Das Physikarbeitsblatt fülle sie freiwillig aus, erzählt Carla, weil der Hefter eingesammelt werde und sich das dann positiv auf die Note auswirken könnte.

Die Studienzeiten und der Ganztagsbetrieb haben nicht nur den Schulalltag neu strukturiert und in einen Vormittags- und Nachmittagsblock geteilt, sondern auch zahlreiche Veränderungen im Schulgebäude nach sich gezogen. Mit der Zusammenlegung von drei Klassenräumen ist eine Mediothek entstanden, ein Arbeitsbereich für alle Schüler mit zahlreichen Computerplätzen und direktem Bibliotheksanschluss. Christiane Lewitz betreut dort etwa 40.000 Bücher. Die Sozialpädagogin hat viele Pläne mit den Schülern: Sie will einen Leseklub gründen, in dem die Jugendlichen Rezensionen schreiben und sich gegenseitig Bücher vorstellen. Bereits eingerichtet ist eine Leseinsel – ein Rückzugsort zum Schmökern, Entspannen und Ausruhen.

11.35 Uhr beginnt das sogenannte Mittagsband, das sich von der fünften bis zur siebenten Stunde erstreckt. 65 Minuten sind allein für Essen und Erholung reserviert. Das Schulhaus füllt sich mit Getrappel und hellen Stimmen. Es dauert keine Minute, und die ersten Jungen bevölkern die beiden Kicker und die Tischtennisplatte in einem der Freizeiträume. In der Cafeteria chillen die „Großen“, auf dem Hof toben die Jüngeren. Einige Schüler haben es sich auf den Sitzkissen der Leseinsel gemütlich gemacht. Beim Eintreten in den Raum bleibt die Geräuschkulisse draußen, drinnen wagt sich jeder, nur noch zu flüstern. Zwei Jungen und fünf Mädchen sind in Krimis, Comics und Fantasy-Romane vertieft. Sie gehen in die siebte Klasse und sind erst seit wenigen Monaten an der Schule. An den langen Schultag haben sie sich bereits gewöhnt. „Es ist gut, dass wir die Hausaufgaben in der Studienzeit erledigen können“, sagt Benedikt. Die anderen Jungen stimmen ihm zu. Die Leseinsel schätzen sie besonders, „weil es so schön warm, ruhig und gemütlich ist“. Sarah und Sophie sind zum ersten Mal in der Leseinsel und wissen schon, dass sie jetzt öfters herkommen werden.

Zahl der Anmeldungen steigt

Beide brauchen keinen Förderunterricht und haben deshalb mittags mehr Freizeit. Sie kennen sich bereits seit der Grundschule und machen am Nachmittag noch Akrobatik im Sportzentrum. Die Hausaufgaben, erzählen die Mädchen, würden sie immer in der Studienzeit schaffen. Lernen allerdings müssten sie schon noch zu Hause. Aber das sei in Ordnung.

Eberhard Kreitmeyer sieht seine Schule auf einem guten Weg. Als er 2007 ans Gymnasium kam, gab es 35 Anmeldungen. Im vergangenen Schuljahr waren es 158 Kinder, die sich für seine Schule entschieden hatten. Gerade ist er von der Skireise mit der Oberstufe aus Südtirol zurückgekommen – eine Tradition, die es 20 Jahre lang an seiner Schule gab und dann zehn Jahre lang nicht mehr. Alle 30 Schüler haben den Grundkurs im Skifahren bestanden, den sie sich auch für das Abitur anrechnen lassen können. Und Spaß hätten sie auch noch dabei gehabt.

Ideen hat Eberhard Kreitmeyer noch viele. Doch erst will er für die Gleichstellung der Sekundarschulen mit den Ganztagsgymnasien kämpfen. Der Rektor hat sein Konzept mit zwei zusätzlichen Lehrerstellen gemacht, die auch den Sekundarschulen für den Ganztagsbetrieb zustehen. Obwohl im Schulgesetz steht, dass beide Schulformen gleichgestellt sind, müssen die Gymnasien ohne diese zusätzlichen Lehrerstellen auskommen. Für die Studienzeit braucht er diese Stellen aber. Der Brief an die neue Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) ist unterwegs. Unterschrieben wurde er von den Schulleitern aller zehn Ganztagsgymnasien.

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