Nach tödlichem Unfall

Warum ein 71-Jähriger für die BVG Bus fährt

Das tödliche Busunglück in Rudow sorgt für eine Debatte um die Zwei-Klassen-Gesellschaft im Berliner Busverkehr. Ein für die BVG tätiges, privates Subunternehmen setzte zwecks Kosteneinsparung einen Rentner als Fahrer ein. Die Gewerkschaft Ver.di fordert jetzt Konsequenzen.

Foto: Reto Klar

Nach dem tödlichen Busunfall in Berlin-Rudow hat die Gewerkschaft Ver.di Konsequenzen gefordert. „Wir sind grundsätzlich dagegen, dass im Linienverkehr Aushilfsfahrer eingesetzt werden, die ihre Rente aufbessern wollen“, sagte Landessprecher Andreas Splanemann. Wie berichtet hatte am Dienstagabend ein 71 Jahre alter Aushilfsfahrer eines im Auftrag der BVG tätigen, privaten Busunternehmens einen 76 Jahre alten Fußgänger angefahren und so schwer verletzt, dass der Mann wenig später im Krankenhaus starb. Gegen den Fahrer wird wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung ermittelt. Einen Zusammenhang mit dem vergleichsweise hohen Alter des Mannes wollte die Polizei nicht bestätigen. Nach bisherigen Erkenntnissen wurden auch alle Vorschriften für den Einsatz von Busfahrern eingehalten.

Trotzdem sorgt das Unglück für Diskussionen. Um soziale und Qualitätsstandards zu sichern, sei ein politisches Umdenken erforderlich, forderte Verdi-Sprecher Splanemann. „Der Linienbusverkehr gehört in die Hände von großen öffentlichen Unternehmen wie der BVG.“ Durch tarifliche Regelungen seien hohe Standards dort garantiert. „Gute, qualifizierte Leute vorzuhalten, kostet aber auch Geld“, sagt Splanemann.

Laut Verkehrsvertrag ist die BVG verpflichtet, einen Teil des Linienverkehrs an private Unternehmen abzugeben – auch um Kosten zu sparen. Aktuell geht es dabei um acht Prozent des Busverkehrs. Einer der Auftragnehmer ist die Firma Hartmann, für die der Unfallfahrer tätig ist. Das Unternehmen arbeitet seit 20 Jahren im Auftrag der BVG. Nach dem Gewinn mehrerer Ausschreibungen, zuletzt 2009, fahren inzwischen mehr als 60 Hartmann-Linienbusse im Berliner Netz.

Für die Fahrgäste sind die gelben Busse kaum von jenen der BVG zu unterscheiden. Doch beim Fahrereinsatz gibt es eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Bei der BVG und ihrer Tochtergesellschaft BT gehen Fahrer grundsätzlich spätestens mit 65 Jahren in den Ruhestand. Wegen der hohen körperlichen und psychischen Belastung verabschieden sich die meisten sogar deutlich früher vom Fahrersitz, wie BVG-Sprecherin Petra Reetz bestätigt.

Anders bei den privaten Subunternehmen: Für sie gelten die üblichen Gesetze. Eine grundsätzliche Altergrenze für Busfahrer ist dort – anders als etwa für Piloten – nicht festgeschrieben. Wie ihre jüngeren Kollegen müssen auch Fahrer jenseits der Rentengrenze lediglich über einen gültigen Führerschein der Klasse D verfügen. Alle fünf Jahre – so die Vorschrift – muss der Fahrer zur Verlängerung seiner Lizenz zum Amtsarzt oder BVG-intern zum betriebsärztlichen Dienst. Nach BVG-Angaben hatte der 71-Jährige, der stundenweise als sogenannter „Springer“ arbeitet, die Gesundheitschecks erst jüngst erfolgreich absolviert. Die Firma Hartmann wollte sich auf Anfrage nicht äußern.

Der Busfahrer hatte beim Linksabbiegen in die Groß-Ziethener Chaussee offenbar den dunkel gekleideten 76-Jährigen, der bei Grün den Fußgängerüberweg nutzte, übersehen. Es war der erste Verkehrstote in Berlin in diesem Jahr.