Bezirke in Geldnot

Kulturstandorte in Berlin sollen schließen

Pankow muss fünf Millionen Euro einsparen. Bibliotheken und Musikschulen stehen vor dem Aus. Mitte und Spandau suchen nach anderen Lösungen.

Foto: David Heerde

Sogar der Kultur-Staatssekretär protestiert. „Kein Raubbau an der Kultur in Pankow“, so lautet die Forderung von André Schmitz. „Ich appelliere an den Bezirk, von den geplanten Schließungen Abstand zu nehmen“, teilte er am Mittwoch mit.

Zwei Bibliotheken, die Galerie Pankow, einen Musikschul-Standort, das Museum an der Heynstraße und das Kulturareal Thälmannpark will der Pankower Kulturstadtrat Torsten Kühne (CDU) noch in diesem Jahr dicht machen. Außerdem sollen die Deutsch-Kurse in der Volkshochschule wegfallen. Denn das Bezirksamt Pankow muss rund fünf Millionen Euro sparen – und Stadtrat Kühne will eine Million Euro weniger für Kultur und Weiterbildung ausgeben.

Dies werde den Bezirk nicht stärken, sondern schwächen, warnte Kultur-Staatssekretär Schmitz. Kühnes Pläne stünden „im krassen Gegensatz“ zu den Bemühungen des Senats, Kulturstandorte zu sichern. Das Kulturareal Thälmannpark sei bedeutend und weit über die Grenzen des Bezirks hinaus bekannt. Doch der Stadtrat verweist auf den Zustand der Gebäude. Sie sind dringend sanierungsbedürftig. Deshalb hatte der Bezirk mehr als zwei Millionen Euro Fördermittel beim Senat beantragt. Diese wurden aber nicht bewilligt. „Der Standort bröckelt uns unter den Händen weg“, sagte Kühne. „Die Havariekosten sind jetzt schon hoch.“ Eine Sanierung aus Bezirksmitteln komme nicht in Frage.

Künstler und Vereine vom Thälmannpark sind entsetzt über Kühnes Pläne. Nirgendwo in Berlin gebe es noch so ein einzigartiges und zentrales Gelände wie das Areal an der Danziger Straße, sagte die bildende Künstlerin Sylvia Hegewald. „Junge Regisseure drehen hier ihren ersten Film, Schauspieler proben ihr Debüt, Bands sammeln Bühnenerfahrung, Kinder und Senioren lernen Töpfern, Zeichnen, Tanzen.“ Hegewald ist im Vorstand des Vereins Kunsthaus, der auf dem Kulturareal Thälmannpark Werkstätten und ein Theater betreibt. Müsse das Gelände tatsächlich schließen, ginge ein Sprungbrett für Nachwuchskünstler und eine Begegnungsstätte für Jung und Alt verloren.

Die kommunale Kultur wird zerstört

„Es geht hier nicht nur um Pankow, nicht nur um meinen Verein“, betonte Hegewald. „Die kommunale Kultur in Berlin wird Stück für Stück zerstört.“ Ähnlich düster ist die Stimmung in der Keramikwerkstatt auf dem Gelände. „Wir sind alle geschockt“, sagte Dagmar Wichmann, die einen Töpferkurs leitet. Die Teilnehmerinnen bearbeiteten stumm ihren Ton, formen Schalen, Tassen und Figuren. Vor wenigen Tagen haben sie erfahren, dass ihr Workshop vor dem Aus steht.

„Wir haben in den letzten Jahren schon so viele Einsparungen mitgemacht – unsere Keramiköfen könnten auch im Museum stehen“, sagte Wichmann, die seit rund 20 Jahren in der Werkstatt arbeitet. Dass jetzt plötzlich gar kein Geld mehr da sein soll, macht sie wütend. „Ich wünsche mir, dass unsere Politiker mehr Rückgrat beweisen und dem Senat sagen, dass jetzt mal Schluss ist. Noch mehr kann einfach nicht eingespart werden.“ Christine Hasselbach nickte. Seit sie in Rente ist, kommt sie jede Woche in die Kunstwerkstätten.

„Ich habe hier eine neue Beschäftigung gefunden und viele nette Bekannte“, sagte die 63-Jährige. „Wenn das Kulturgelände dicht macht, bleibt mir gar nichts mehr. Hier im Bezirk gibt es doch sonst kein kreatives Angebot.“ Davon zeugen auch die langen Wartelisten für die Seminare des Kunsthauses. „Die Möglichkeiten, die die Ateliers bieten, sind einmalig. Zuhause kann ich vielleicht auch zeichnen, aber ich habe nicht die professionelle Anleitung und die entsprechenden Materialien zur Verfügung“, sagt Gabriele Baron. Für die Risikomanagerin bedeutet der Keramikkurs vor allem eines: „Ausgleich und Entspannung am Feierabend.“

Künstler bereiten große Aktion vor

Das Aktionsbündnis Berliner Künstler will um das Kulturareal kämpfen. „Es lohnt sich, an die Öffentlichkeit zu gehen“, sagte Jens Becker, Sprecher des Bündnisses und Professor an der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg. „Wir werden zusammen mit den anderen bedrohten Einrichtungen eine Aktion durchführen, wie sie der Bezirk noch nicht gesehen hat.“ Dies soll im Februar oder März geschehen, wenn der Pankower Haushalt diskutiert und beschlossen wird. „Nach Möglichkeit gleichzeitig an all den Orten, die schließen sollen“, so der Filmemacher, „zuerst jedoch werden wir uns untereinander vernetzen.“

Der Verein Pro Kiez Bötzowviertel hat bereits einen offenen Brief an den Pankower Kulturstadtrat geschrieben und bittet, dass die Kurt-Tucholsky-Bibliothek in Prenzlauer Berg erhalten bleibt. Kühne ist zur Mitarbeiterversammlung im Januar eingeladen. Die Bibliothek sollte schon vor fünf Jahren geschlossen werden, weil der Bezirk Personal sparen wollte. Nach Protesten, Besetzung der Räume und Unterschriftensammlung blieb die Bücherei erhalten. Sie wird seither von ehrenamtlichen Kräften des Vereins betreut.

Nicht nur Pankow, auch andere Bezirke müssen sparen. Spandau etwa hat hohe Altschulden abzubauen, dennoch denkt man dort nicht über Schließungen nach. „Wir wollen alle Standorte für Kultur und Weiterbildung erhalten“, sagte Wolfgang Sziwek, Mitarbeiter von Kulturstadtrat Gerhard Hanke (CDU). Auch Reinickendorfs Stadträtin Katrin Schultze-Berndt (CDU) teilte mit, dass nicht geplant sei, Kultureinrichtungen zu schließen.