Einwohner-Statistik

Warum junge Menschen nach Berlin ziehen

Kultur, Gastronomie, Wohnen: Die Mieten in Berlin sind noch günstig, das Bier billig. Was aber fehlt, sind Arbeitsplätze für Absolventen, die in der Hauptstadt sesshaft werden wollen.

Foto: Sven Lambert

„Endlich nicht immer nur dieser kölsche Dialekt in der U-Bahn“, sagt Jan Gansow. Vor drei Monaten ist er aus der Stadt am Rhein nach Berlin gezogen. Der 27-Jährige arbeitet hier für ein Online-Stadtmagazin. Die Vorteile der Hauptstadt sprudeln nur so aus ihm heraus: das internationale Flair, die vielen Start-up-Unternehmen, der „Club der Visionäre“ in Treptow, dass keiner auf einen Dresscode achte, der Wannsee, die Krumme Lanke, „überhaupt Gewässer, in denen man baden kann“. Alles anders als in Köln, vor allem die Mieten. „Die in Berlin auch junge Menschen noch bezahlen können“, sagt Gansow.

Damit wird es allerdings bald vorbei sein. Wegen der steigenden Nachfrage ziehen auch in Berlin wieder die Mieten an. So haben die Unternehmen und Genossenschaften im Verband Berlin Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) im vergangenen Jahr bei Neuverträgen monatlich im Schnitt 5,48 Euro pro Quadratmeter verlangt. Damit lagen sie mit den Nettokaltmieten fünf Prozent über dem Mietspiegeldurchschnitt. Besonders auffällig ist die Entwicklung im Bezirk Neukölln. Dort sind die Neumieten mit 5,23 Euro pro Quadratmeter zwar immer noch günstig. Aber im Jahr 2009 mussten dort noch nur 4,78 Euro und damit rund zehn Prozent weniger gezahlt werden.

Der neue Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) will auf diese Entwicklung reagieren und ein Konzept erarbeiten, wie in Zukunft die Mieten gestaltet werden sollen. Im Koalitionsvertrag ist überdies vereinbart worden, dass die sechs landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften ihren Bestand durch Zukauf oder Neubau von 270.000 auf 300.000 erhöhen werden. Ziel sei es, so Müller, die „Berliner Mischung“ zu erhalten. Menschen mit geringerem Einkommen sollten in einem Haus mit Bessergestellten wohnen. Attraktive Dachgeschosswohnungen sollen deshalb künftig für mehr Geld vermietet, die Wohnungen in den unteren Etagen dagegen preiswerter angeboten werden.

Zahl der Studenten gestiegen

Berlin braucht einen Stadtentwicklungsplan Wohnen, fordert David Eberhart, Pressesprecher des BBU. Trotz des Zuzugs junger Menschen werde die Hauptstadt bald ziemlich „grau“ sein, für die Senioren brauche man entsprechenden Wohnraum, altersgerecht und preiswert. Laut Eberhart ist der Leerstand in Berlin von sechs Prozent (2002) auf drei Prozent (2011) des Wohnungsbestandes zurückgegangen. „Bei zwei Prozent spricht man davon, dass es eng wird am Wohnungsmarkt“, sagt Eberhart.

Dass in Berlin mehr junge Menschen leben als anderswo in der Republik, hat auch mit dem großen Ansturm auf die Universitäten und Fachhochschulen der Stadt zu tun. Mit dem laufenden Wintersemester haben mehr als 30.000 junge Menschen ihre Ausbildung an einer der 19 privaten und elf öffentlichen Hochschulen begonnen. Das sind so viele wie nie zuvor. Während die Universitäten dem Ansturm kaum gewachsen sind und räumlich wie personell an ihre Grenzen stoßen, profitiert Berlin von den Studierenden. Das betont auch der CDU-Politiker Nicolaus Zimmer: „Nur wegen des großen Zuzugs von Studierenden haben wir eine ausgeglichene demografische Struktur in Berlin. Die Bevölkerung überaltert nicht, anders als in vielen anderen Städten.“ Berlin brauche diese Studenten. Schließlich seien die Zuzügler auch für die Wirtschaft der Stadt ein Gewinn. In der Wissenschaftsverwaltung heißt es dazu, dass die Studenten 2009 rund 1,6 Milliarden Euro in Berlin ausgegeben haben. Sei es für Miete, Studentenbeiträge, Lebensmittel und das Bier nachts im Club. Damals studierten in Berlin insgesamt rund 140.000 junge Erwachsene, derzeit sind etwa 10.000 mehr eingeschrieben.

Damit die Studenten auch nach ihrem Abschluss an den Hoch- und Fachschulen in der Stadt bleiben, müssen dringend mehr besser bezahlte Arbeitsplätze geschaffen werden. Der Sprecher der Berliner Industrie- und Handwerkskammer (IHK), Bernhard Schodrowski, sagt, dass Berlin dabei vor allem auf Zukunftstechnologien setzen müsse.

In den vergangenen Jahren seien allein am Technologiestandort Adlershof 15.000 Arbeitsplätze geschaffen worden, sagt der IHK-Sprecher. Das müsse nun auch am Standort Tegel versucht werden. Der Senat habe sich vorgenommen, den ehemaligen Flughafen zum Technologiestandort zu entwickeln. „Dort müssen Wirtschaft und Wissenschaft verzahnt werden, das macht hochqualifizierte Fachkräfte nötig“, so Schodrowski. Junge Menschen, die in Berlin ihr Studium beendet haben, hätten an derartigen Standorten beste Aussichten auf eine gut bezahlte Anstellung.

Der Neu-Berliner Jan Gansow fühlt sich in der Stadt sehr wohl. Aber jetzt will er noch was essen – und auch das ist in Berlin viel besser als anderswo. „Die Gastronomie ist der Wahnsinn“, sagt er und setzt zu einem Superlativ an: „Es gibt keine Stadt weltweit, wo man für so wenig Geld so gut essen kann.“