Industriegelände in Marienfelde

Unternehmen wollen Schadstoff-Ausstoß auslöschen

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Katrin Lange

Foto: Jörg Krauthöfer

Ausstoß von Kohlendioxid auf null senken. Auf der Suche nach einem Finanzierungskonzept hoffen die Initiatoren nun auf Unterstützung vom Senat.

An Ideen mangelt es Ulrich Misgeld offenbar keine Sekunde. Der Vorstandschef der Semperlux AG will gerade seine Lichtanlage, die die Sonnenstrahlen einfängt und das fensterlose Bürotreppenhaus zum Nulltarif beleuchtet, auf dem Dach präsentieren, da verdunkelt sich der Himmel. Durch den stürmischen Wind ist er kaum zu verstehen. „Ich sollte die Solaranlage durch eine Windkraftanlage ergänzen“, ruft Misgeld. Es wäre kein Wunder, wenn er sie demnächst vorführen würde.

Der Leuchtenhersteller gehört zu den Initiatoren des vor fünf Jahren gegründeten Unternehmernetzwerks am Industriestandort Motzener Straße. 60 der 180 dort ansässigen mittelständischen Firmen haben sich darin zusammengeschlossen. Der Verein will jetzt das Pilotprojekt „Nemo“ starten – null Emission an der Motzener Straße, so lautet das erklärte Ziel. Der derzeitige Ausstoß von 110.000 Tonnen Kohlendioxid auf dem 205 Hektar großen Industriegelände in Marienfelde soll bis 2030 auf null reduziert werden.

Es gibt verschiedene Ideen, das Ziel zu erreichen. So zum einen durch die Verringerung des Energie- und Ressourcenbedarfs, zum anderen durch viele kleine Einzelprojekte aus dem „gesamten Spektrum der Nachhaltigkeit“, sagt Rainer Jahn, ebenfalls im Vorstand des Unternehmernetzwerkes. Das einmalige und interessante an diesem Projekt sei, dass sämtliche Bereiche wie Wohnen, Verkehr und Energie, miteinander verknüpft würden.

Das Projekt soll mit energetischen Gebäudesanierungen und Solaranlagen umgesetzt werden sowie mit einer besseren Anbindung des Industriegeländes an die B101. Auch die Bildung von Fahrgemeinschaften und eine Fahrradflotte stehen im Konzept. Ulrich Misgeld denkt zum Beispiel über einen Elektrobus-Shuttle zwischen dem Gelände und den S-Bahn-Stationen nach. Die Firmen wollen zudem die Nutzung des Niederschlagswassers verbessern, die Beschaffung von Material optimieren und die Dach- und Fassadenbegrünung vorantreiben.

„In der Debatte um einen Klimawandel wird immer ein Gegensatz von betrieblichem Handeln und Umweltschutz unterstellt“, sagt Ulrich Misgeld. Diesem Urteil wolle man aus eigenem Antrieb entgegenwirken. Derzeit bemühen sich die Initiatoren, für das Projektmanagement und die Erarbeitung einer Konzeption eine Finanzierung zu finden. „Das Förderprogramm dafür müsste erst erfunden werden“, sagt Misgeld zu der Möglichkeit einer öffentlichen Unterstützung. Dennoch setzt er auf den neuen Senat und die Klimaziele der Stadt sowie auf den Bezirk.

Auf der Suche nach Fördermitteln

„Es ist unser größtes Gewerbegebiet, und wird haben ein Interesse, dass es ihm gut geht“, sagt die Bürgermeisterin von Tempelhof-Schöneberg, Angelika Schöttler (SPD). Seit der Gründung des Unternehmensnetzwerks sei der Verein mit 300.000 Euro Fördermitteln vom Bezirk und der EU unterstützt worden. Derzeit sehe sie keinen Spielraum, um das Netzwerk aus ihrem Haushalt zu unterstützen. Dennoch wolle sie gemeinsam mit den Firmen versuchen, Drittmittel für das Projekt „Nemo“ einzuwerben. Das Unternehmernetzwerk Motzener Straße hat mit sieben Unternehmen begonnen. Mittlerweile zieht ein Drittel der 180 Betriebe an dem Wirtschaftsstandort an einem Strang. Die Idee sei entstanden, als die Gründung von Branchennetzwerken zugenommen habe, sagt Lichtexperte Ulrich Misgeld. Doch mehr als seine eigene Branche habe ihn sein Nachbar auf dem Industrieareal interessiert. Ihm sei es darum gegangen, sich gegenseitig kennenzulernen und Synergieeffekte zu nutzen.

Die erste gemeinsame Tat war die Gründung einer Kita auf dem Industriegebiet, die sich an den Öffnungszeiten der Firmen von 6 bis 21 Uhr orientiert. Die 60 Plätze sind so stark nachgefragt, dass über eine Erweiterung der Kapazität nachgedacht wird. Um Kostenvorteile zu nutzen und unnötige Doppelwege zu vermeiden, haben sich Firmen außerdem zu Einkaufsgemeinschaften, zum Beispiel für Papier und Öl, zusammengeschlossen. Auch für die Weiterbildung der Mitarbeiter organisieren die Firmen gemeinsam Seminare und Ausbilder. Ein wichtiger Aspekt bei der Investition in die Zukunft ist die Kooperation mit sieben Schulen im Umfeld. Schon zum vierten Mal wird in diesem Jahr ein „Industrietag“ veranstaltet, an dem sich die Schüler in den Firmen umsehen können.

Die Lichtanlage auf dem Flachdach kann Ulrich Misgeld doch noch vorführen. Kurz nach der Windböe scheint die Sonne wieder. Wissenschaftler der TU Berlin haben mit der Semperlux AG erforscht, wie natürliches Licht in fensterlose Räume geleitet werden kann. Dafür werden die Sonnenstrahlen auf dem Dach von einem beweglichen Spiegel eingefangen, über Linsen gebündelt und von Reflektoren in eine Art Trichter umgelenkt. So gelangt das Licht in die 30 Zentimeter dicken Plexiglasrohre, die sich durch das Treppenhaus ziehen und es hell erleuchten. Allerdings: Die Ausbeute der Sonnenlichtanlage reicht nur an Tagen mit klarem Himmel. Ganz ohne Steckdose geht es dann doch noch nicht.