Ungelöste Fälle in Berlin

Polizei prüft Zusammenhang mit NSU-Morden

Im März 2000 wurde in Berlin-Wedding ein 51-Jähriger aus Ex-Jugoslawien erschossen. Die Polizei untersucht nun, ob die rechte Terrorzelle für den Mord verantwortlich ist. Auch weitere ungelöste Fälle in der Hauptstadt könnten auf das Konto der NSU gehen.

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Seit Wochen prüft das Berliner Landeskriminalamt (LKA), ob die Mitglieder der Zwickauer Terrorzelle NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) womöglich auch in der Hauptstadt Mordanschläge begangen haben . Jetzt gibt es möglicherweise eine Spur. Bei der Untersuchung von 63 ungeklärten Morden sind die Ermittler auf den Fall eines 51-jährigen Mannes aus Ex-Jugoslawien gestoßen, der im März 2000 in Wedding erschossen wurde. „Der Fall ist im Raster hängen geblieben und wird jetzt eingehend auf einen möglichen Zusammenhang mit den Taten der NSU untersucht“, sagte Polizeisprecher Andreas Neuendorf am Dienstag.

Auch das Bundeskriminalamt hat sich inzwischen in die Ermittlungen zu dem fast zwölf Jahre zurückliegenden Mord eingeschaltet. Am Morgen des 13. März 2000 war der 51-jährige Jugosloven Ignjatowic in seinem Laden an der Weddinger Eulerstraße mit zwei Kopfschüssen erschossen worden. Der Mann lebte seit 30 Jahren in Deutschland. Einen Raub schlossen die Ermittler seinerzeit aus, die Motive blieben trotz intensiver Ermittlungen in alle Richtungen unklar. Der Fall konnte bis heute nicht aufgeklärt werden.

Auch Polizeivizepräsidentin Margarete Koppers hatte bei der Sitzung des Innenausschusses im Abgeordnetenhaus am Montag auf den Weddinger Fall verwiesen, ohne jedoch Einzelheiten zu nennen. Die kommissarische Behördenchefin formulierte vorsichtig und sprach von einem Fall, in dem theoretisch ein Zusammenhang bestehen könne, betonte jedoch zugleich, dass es bislang noch keine konkreten Hinweise darauf gebe.

Im Fall Ignjatovic setzen die Ermittler jetzt darauf, dass eine Untersuchung des seinerzeit sichergestellten Projektils, durch das der 51-Jährige getötet wurde, Rückschlüsse auf die benutzte Waffe zulässt. „Dann wären wir schon ein Stück weiter, aber diese technischen Untersuchungen sind sehr zeitintensiv, das dauert“, sagte ein Beamter am Dienstag.

Beim LKA will man nicht ausschließen, dass bei den Untersuchungen noch weitere bislang ungeklärte Berliner Fälle „im Raster hängen bleiben“. Eine eigens gegründete Dienststelle beim Staatsschutz wertet jetzt nicht nur die Akten der 63 ungeklärten Mordfälle in Berlin aus, sie untersucht auch mehr als 200 in der Hauptstadt verübte Banküberfälle auf mögliche Verbindungen zur NSU. Das Bundeskriminalamt, das in alle Untersuchungen eingebunden ist, schließt nicht aus, dass sich die Mitglieder der Zelle durch solche Überfälle das für ihre terroristischen Aktivitäten benötigte Geld beschafften.

Anschläge auf Friedhöfe

Auch drei Anschläge auf den jüdischen Friedhof an der Heerstraße in Charlottenburg, unter anderem zweimal auf das Grab des Ex-Zentralratsvorsitzenden Heinz Galinski, gerieten in den Fokus der Ermittler, Hinweise auf Verbindungen zum Nationalsozialistischem Untergrund ergaben sich dabei allerdings nicht. Die Mitglieder der Terrorzelle, Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Tschäppe waren 1998 untergetaucht. Anfang November 2011 wurde die Gruppe nach einem Banküberfall in Eisenach gestellt. Böhnhardt und Mundlos töteten sich in einer von ihnen offenbar als aussichtslos bewerteten Situation selbst, Beate Tschäppe sitzt seither in der Frauenhaftanstalt Köln-Ossendorf in Untersuchungshaft und schweigt zu allen Vorwürfen.

Bei der Durchsuchung des Wohnmobils, in dem sich die Rechtsradikalen das Leben genommen hatten, stellte die Polizei Waffen und weiteres Beweismaterial sicher. Aufgrund dieser Funde legt die Bundesanwaltschaft der NSU eine Vielzahl von Kapitalverbrechen zur Last. Sie sollen in Heilbronn eine Polizistin und an mehreren Orten in Deutschland insgesamt neun Männer türkischer und griechischer Herkunft erschossen haben. Außerdem werden sie für zwei verheerende Bombenanschläge in Köln und Düsseldorf verantwortlich gemacht. Seit das mörderische Treiben des Trios bekannt wurde, wird auch die Rolle der Verfassungsschutzbehörden und ihrer möglichen Verbindungen zur NSU kritisch untersucht.