Chris Jones

Mit dem "Elvis Double Nr. 1" unterwegs in Berlin

Vor 35 Jahren starb Elvis Presley. Für viele lebt er trotzdem weiter – auch dank großer Fanclubs und seiner Doubles. Der Berliner Chris Jones ist eines von ihnen.

Foto: Reto Klar

Ein kroatisches Restaurant in Berlin-Reinickendorf, kurz vor 17 Uhr. Hier soll er gleich auftauchen, zum Soundcheck. Elvis, der King des Rock 'n' Roll. Suchender Blick in der Runde von etwa acht potenziellen Presleys: Könnte es der da…? Nein. Ein Kellner. Oder der? Nein. Auch ein Kellner. Aber der da an der Tür zur Küche, also der könnte es doch nun wirklich… „Hallo, ich bin Chris Jones. Der Elvis“, ertönt es da hinterm Rücken. Der erste Gedanke nach dem Umdrehen: Nun ja. Chris Jones heißt eigentlich Wolfram, er trägt Lederjacke und Jeans und nicht unbedingt eine volle, pomadige Tolle auf dem Haupt.

Hektisch wird ein CD-Player organisiert, die Musik startet. Dann macht Wolfram alias Chris alias Elvis den Mund auf, und ganz plötzlich, bei den ersten Zeilen von „Suspicious Minds“, lebt er, der King – hier, mitten in Berlin. Am 8. Januar 2012 wäre Elvis Aaron Presley 77 Jahre alt geworden. In diesem Jahr begehen Millionen Fans auf der ganzen Welt zudem seinen 35. Todestag. Elvis starb am 16. August 1977 mit nur 42 Jahren auf seinem Anwesen Graceland in Memphis, Tennessee. Doch für viele ist der „King“ unsterblich. Auch für Chris Jones. Der lag an jenem Tag im Sommer 1977 gerade nach einem Autounfall im Krankenhaus. Eigentlich war der Schüler kein Elvis-Fan. „Aber als ich hörte, Elvis sei tot, war ich richtig geschockt. Keine Ahnung, warum“, sagt der gebürtige West-Berliner. In dem Moment wurde die Idee, wie Elvis Presley zu werden, in ihm geboren.

Tolle als Zweitfrisur

„Ich hab mir eine Gitarre gekauft, dazu Noten, und mir das Spielen autodidaktisch beigebracht“, sagt Chris Jones. Während er das erzählt, bügelt er noch einmal seine Garderobe. Gleich ist sein Auftritt in dem Restaurant. Chris Jones ist das Überraschungsgeschenk für einen ahnungslosen Jubilar, der seinen 70. Geburtstag begeht. Ein Elvis-Fan, der zusätzlich noch eine Reise nach Las Vegas geschenkt bekommen wird. Wie viele Elvis-Fans es allein in Berlin gibt, ist nicht belegt. Aber es sind eine Menge. Das jedenfalls berichtet der „Elvis Club Berlin“ (ECB), der täglich auf Facebook weltweite „Neuigkeiten“ zu Elvis postet: Neue Bücher, Best-of's, Shows. „Wir sind im Dezember 2009 bei Facebook gestartet. Im Juli 2010 wurden wir angeschrieben: Wir könnten keine Freundschaftsseite mehr sein, sondern müssten eine Vereinsseite werden“, erzählt Torsten Strutzke, zweiter Vorsitzender des ECB. Die Statistik erklärt, warum: 5,8 Millionen Beitragsaufrufe, 94.000 Feedbacks, 10.000 Besucher pro Monat und 5600-mal der Klick „Gefällt mir“. Ja, Elvis lebt.

Chris Jones singt gerade seine Stimme warm. „Wise men say, only fools rush in…“. Räusper, hüstel. „Love me tender, love me true…“ Zweifelsohne: Der Sound stimmt. Die Perücke sitzt auch schon. Schwarze Betonfrisur, dank Spray und was da sonst so rein muss. Der Anzug: ein bestickter Traum in Schwarz, goldenes Tuch dazu. „Ich habe davon mehrere. Einige sind Maßanfertigungen. Die gibt es aber auch im Internet“, sagt das Double, das hauptberuflicher Elvis ist und davon leben kann. Mal besser, mal weniger gut. „Nach dem Abitur habe ich angefangen, Informatik zu studieren“, sagt Jones, während er seinen Schmuck anlegt. Dick, schwer, gülden. Sein Vater, ein Tierarzt, der wenig von der Haareschwarzfärberei hielt und ständig die „Nur Flausen im Kopf“-Diskussion anfing, wollte schon aufatmen. Aber Wolfram schmiss hin. „Habe ab da immer gejobbt und nebenbei Auftritte gehabt. Oder anders herum.“

Nebenbei, also neben seinem Beruf als Vertriebsleiter für Bürotechnik, macht auch Torsten Strutzke alles, was irgendwie mit Elvis zu tun hat. Werner Strube hatte den „Elvis Club Berlin“ 1989 noch zu DDR-Zeiten gegründet. Die zuständigen staatlichen Stellen der DDR verboten allerdings das Wort „Club“. „Deshalb hießen wir vorerst Interessengemeinschaft Elvis Presley“, erzählt Strutzke, der seit 1997 Mitglied ist. Auch bei ihm, Jahrgang 1965, war die Nachricht von Elvis Tod der Beginn seiner großen Leidenschaft. „Ich weiß es noch ganz genau. In der „Wochenpost“ stand es groß: Elvis ist gestorben, dazu vier Bilder.“ Strutzke muss nicht groß kramen, um sich zu erinnern. „Anfang 1978, ich saß gerade über den Hausaufgaben, da hörte ich im Radio, dass am Ostbahnhof Elvis-Platten verkauft werden. Und ich konnte nicht hin, wegen der blöden Hausaufgaben.“ Seine Tante konnte ihn trösten. Sie hatte eine Kassette, auf der schlicht „Elvis Presley“ stand. Diese Kassette war das große Glück des kleinen Torsten. Mit leuchtenden Augen erzählt Strutzke von all seinen Schätzen, die sich im Laufe der Zeit noch angesammelt haben. Und immer wieder dieser eine Satz, dazu ein Funkeln in den Augen: „War nicht offiziell, aber man hatte es…“ Heute besitzt der Club-Vizevorsitzende allein 800 CD's und hat ein extra Elvis-Zimmer bei sich zu Hause.

Wandelndes Lexikon

Bei Chris Jones daheim in Westend würde man gar nicht vermuten, dass dort Elvis wohnt. Er schlüpfe eben in die Rolle, die „Wände zukleistern“ müsse er sich nicht. Vielleicht hat da auch seine Frau, eine Peruanerin, ein Wörtchen mitzureden. „Obwohl sie Elvis gut findet. Und zu meinen Auftritten begeleitet sie mich auch meist.“ Im ZDF-Fernsehgarten war Chris schon, im „Big Eden“ wurde er einst zum „Elvis Double Nr. 1“ gewählt, im August 1990 gab es die „Chris-Jones-Live-Show“ in Las Vegas, 1999 eine Show in Monte Carlo. Bei MTV war er eingeladen, „damals, als die noch in Berlin saßen“, er war auf Tournee in der Schweiz und, und, und…

„Elvis Presley hat von 1969 bis zu seinem Tod 1200 Konzerte gegeben. Das ist eine unglaubliche Zahl für nur acht Jahre“, sagt Torsten Strutzke. Er, der sonst gern auch Caro Emerald oder Michael Bublé hört, ist ein wandelndes Elvis-Lexikon. Er wirft mühelos mit Daten, Zahlen, Musiktiteln um sich. Ist seine Frau eigentlich begeistert von den Elvis-Figuren in der Esszimmer-Vitrine? „Meine Frau sagt immer: Lieber ein Mann mit Hobby als ohne“, lacht Strutzke. Im Club hält sich die Männer-Frauen-Verteilung übrigens die Waage. Die Altersspanne liegt bei 18 bis 98 Jahren. Auf der Elvis-Facebook-Seite seien dagegen mehr Frauen als Männer, so Strutzke. Die würden aber natürlich oft auch einfach nur schmachten für den King – spricht's und zaubert auf seinem Rechner ein Elvis-unter-der-Dusche-Bild hervor. Ein zugegebenermaßen dümmliches Juchzen entspringt seinem Gegenüber. Strutzke lachend: „Sag ich doch…“

Auch bei Chris Jones kann geschmachtet werden. Der King ist fertig, alles sitzt. Sonnebrille auf, Gitarre um, los geht's. Ein bisschen unspektakulär macht sich Elvis durch die Küche, vorbei am Personal – „N'Abend!“ – auf in den Gastraum. Die Musik läuft schon. Applaus, als der prachtvolle King im schmucklosen Türrahmen des auch ansonsten, sagen wir, nüchtern gehaltenen Restaurants erscheint und das Victory-Zeichen macht. Das Geburtstagskind ist begeistert, nicht schmachtend, aber es ist ja auch ein Mann. Was folgt, sind die Klassiker, die immer funktionieren: „In the ghetto“, „All shook up“ oder „Hound Dog“. Die Stimmung, sie köchelt.

„Elvis letztes Lied auf jedem seiner Konzerte war übrigens „Can't help falling in love“. Sein Rausschmeißer“, schüttelt Torsten Strutzke aus dem Ärmel. Das ist Teil des kleinen Elvis-Einmaleins. Strutzke findet Elvis-Doubles übrigens „ein bisschen schwierig. Es gibt den wahren Elvis ja eben nur einmal“. Chris Jones weiß das. Aber er lässt den King auf seine Weise weiterleben. Wann immer man ihn darum bittet. So wie in jenem Restaurant mitten in Berlin. Chris singt dort sein letztes Lied. Es ist „Can't help falling in love“. Torsten Strutzke wäre zufrieden. Und das Geburtstagskind lächelt selig.