Leiche im Landwehrkanal

Warum die Künstlerin Pilar V. sterben musste

Der Mörder der Performance-Künstlerin Pilar V. muss acht Jahre in Haft. Damit geht ein Aufsehen erregender Prozess zu Ende. Die Leiche der in der Berliner Clubszene bekannten Französin war im April 2011 im Landwehrkanal entdeckt worden.

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Der Anblick war selbst für hartgesottene Feuerwehrleute ein Schock. Am Morgen des 19. April 2011 zogen sie die schlimm zugerichtete und in Folie eingewickelte Leiche einer jungen Frau in Kreuzberg aus dem Landwehrkanal. Bei der Toten handelte es sich um die in der Berliner Clubszene bekannte französische Künstlerin Pilar V. Knapp neun Monate später ging jetzt am Landgericht Moabit der Prozess um den gewaltsamen Tod der 27-Jährigen zu Ende.

Eine Schwurgerichtskammer verurteilte den 29-jährigen Oumar G. am Freitag wegen Totschlags zu achteinhalb Jahren Freiheitsstrafe. Die Staatsanwaltschaft hatte zuvor Lebenslänglich wegen Mordes beantragt, der Verteidiger hingegen Freispruch gefordert und die Tat als Notwehr dargestellt.

Drogen waren die einzige Verbindung zwischen Täter und Opfer. Und sie waren auch der Anlass für ein Treffen, das für Pilar V. tödlich enden sollte. Oumar G. lebte seit Jahren illegal in Berlin und hielt sich nach Angaben von Bekannten, die im Prozess aussagten, mit dem Verkauf von Drogen über Wasser. In einschlägigen Lokalen und in der in der Hasenheide agierenden Drogenszene war er offenbar schon länger gut bekannt: Als zuverlässiger Lieferant von „Speed“, einer Mischung aus Cannabis und Amphetaminen. Sein Bekanntheitsgrad beschränkte sich allerdings wohl ausschließlich auf das Milieu, für die Polizei war er bis zu der Tat im Mai ein unbekannter Mann.

Auftritte sorgten für Aufsehen

Auch Pilar V.'s Popularität blieb eher auf die alternative Kunstszene der Hauptstadt beschränkt. Die Französin kam regelmäßig nach Berlin, um hier als „Performance-Künstlerin“ zu arbeiten. Ihre Auftritte, eine Mischung aus Tanz und der Präsentation elektronischer Musik, sorgten in diesen Kreisen allerdings regelmäßig für Aufsehen. Die 27-Jährige war der festen Überzeugung, Drogen würden ihre künstlerische Produktivität steigern. Pilar V. nahm regelmäßig Kokain.

Am Abend des 17. April trafen Täter und Opfer in einem Kreuzberger Spätkauf zum ersten und letzten Mal zusammen. Pilar V. fragte den ihr als Dealer bekannten Oumar G. nach Kokain, der bot ihr stattdessen „Speed“ an. Zur Abwicklung des Geschäfts gingen beide in eine Wohnung an der Taborstraße, die Oumar G. in Abwesenheit des Mieters regelmäßig nutzen konnte. G. übergab der Frau die Drogen und wollte dafür 50 Euro. Ob Pilar V. die Wohnung verlassen wollte, ohne die Drogen zu bezahlen, oder ob sie, wie es der Angeklagte im Prozess schilderte, statt mit Geld mit Sex zahlen wollte, konnte in der Hauptverhandlung nicht geklärt werden.

Klar ist hingegen, dass es in der Wohnung zum Streit kam. Pilar V. griff nach einem auf dem Tisch liegenden Messer und bedrohte Oumar G. damit, um so aus der Wohnung zu entkommen. G. seinerseits griff die junge Frau an, überwältigte sie und entriss ihr das Messer. „Bis dahin war es eine Auseinandersetzung, wie es sie in Drogenkreisen vermutlich häufig gibt“, stellte der Vorsitzende Richter in seiner Urteilsbegründung fest.

Doch in diesem Fall eskalierte die Auseinandersetzung. Und dafür sorgte nach Überzeugung des Gerichts Oumar G. Zehnmal stach er „mit großer Wucht“ auf den Oberkörper seines Opfers ein. Unter anderem wurden beide Lungenlappen durchstochen, ergab die Obduktion. Zuletzt durchschnitt der 29-Jährige die Kehle der jungen Frau. Am nächsten Tag wickelte er die blutüberströmte Leiche in Folie, schaffte sie nach Einbruch der Dunkelheit aus dem Haus und versenkte sie im nahe gelegenen Landwehrkanal, wo ein Spaziergänger sie tags darauf entdeckte. Die Wertsachen der Toten, unter anderem ihr Handy und ein Laptop, hat Oumar G. nach Überzeugung des Gerichts verkauft oder gegen Drogen eingetauscht.

Auf die Spur des Täters gelangte die Polizei, weil dieser mit dem Handy der Toten telefonierte. Die Ermittler trugen eine Vielzahl von Beweisen gegen den 29-Jährigen zusammen. An der Leiche von Pilar V. wurde DNA-Material von Oumar G. entdeckt, in der Wohnung fanden sich Blutspuren der jungen Frau und Reste der Folie, in denen die Tote eingewickelt worden war. Und ein Zeuge hatte den Senegalesen beobachtet, als dieser sich der Toten entledigte. Dennoch bestritt der 29-Jährige bei seinen Vernehmungen durch Ermittler der 8. Mordkommission alle Vorwürfe. Und in der Verhandlung schwieg er.

Drogen und Alkohol im Spiel

Erst am vorletzten Verhandlungstag Anfang dieser Woche legte Oumar G. ein Geständnis ab, berief sich aber darauf, dass er selbst während der Tat unter Drogen und Alkoholeinfluss gestanden habe. Und sprach von Notwehr. Er habe Angst vor Pilar V. gehabt und um sein Leben gefürchtet. Diese Version nahm ihm das Gericht angesichts der klaren körperlichen Überlegenheit des muskulösen Mannes gegenüber der zierlichen Frau nicht ab. „Sie haben ihrer Wut freien Lauf gelassen, als Sie zustachen“, hielt der Vorsitzende dem Angeklagten entgegen. Eine von Anfang an geplante Tat sah das Gericht allerdings nicht, daher verurteilte es den 29-Jährigen wegen Totschlags und nicht, wie vom Staatsanwalt gefordert, wegen Raubmordes. Eines aber bleibe unbestritten, sagte der Vorsitzende zum Angeklagten: „Als Sie zustachen, wollten Sie töten.“