Diensthunde

Berliner Polizei erhält zwei neue Supernasen

Benji und Paul treten im Januar ihren Dienst bei der Berliner Polizei an. Die Aufgabe der zwei Bayerischen Gebirgsschweißhunde: vermisste Menschen suchen. Denn die Vierbeiner haben Super-Spürnasen.

Foto: Glanze

Für sie ist es ein Spiel, nichts weiter. Ein Spiel, an dessen Ende es Streicheleinheiten und das Lieblingsfutter gibt. Sie wissen nicht, dass sie eingesetzt werden, wenn die normale Polizei an ihre Grenzen stößt. Wenn Kinder verschleppt, Menschen entführt, Straftäter aus der Haft entkommen oder verwirrte Rentner die Orientierung verloren haben und im Schlafanzug im Wald unterwegs sind. Benji und Paul sind die ersten polizeieigenen Personenspürhunde – auch Mantrailer genannt – der Hauptstadt. Nach einem Modellversuch mit mehr als zwei Jahren Ausbildung nehmen die beiden Tiere am 5. Januar 2012 offiziell ihrer Arbeit auf und können von den einzelnen Fachdienststellen der Polizei angefordert werden. Morgenpost Online konnte sich vorab ein Bild davon machen, wie die Mensch-Tier-Teams arbeiten – und die Fähigkeiten im Versuch testen.

Zielperson gefunden

Ein Jahresgehalt setze er auf den Erfolg der beiden „Bayerischen Gebirgsschweißhunde“, sagt Axel Last an diesem Morgen selbstbewusst. Der Leiter der Zentralen Diensthundeeinheit hat zusammen mit seiner Truppe viel Zeit und Engagement in den Aufbau dieser „neuen“ Einheit gesetzt. Früher hat Last Bereitschaftspolizisten geführt, heute ist er für das „Hundewesen“ zuständig. Das erfundene Szenario an diesem Morgen ist einfach. Vater und Sohn – gespielt vom Reporter und seinem Filius – sind in der Stadt unterwegs und müssen schnell gefunden werden, weil der Mann seine lebenswichtigen Medikamente vergessen hat. Ort des Geschehens: Das Gelände der Polizeidirektion 2 an der Charlottenburger Chaussee in Spandau. Geschätzte Größe: ein Quadratkilometer. Mehr als 1000 Männer und Frauen sind hier täglich im Dienst. Es gibt Häuserschluchten, eine Tankstelle, Unterkünfte, eine Großkantine. Aus unzähligen Duschen der Sporteinrichtungen zieht Wasserdampf, es riecht nach Deo, Eau de Toilette, Haargel und Zigarettenqualm.

20 Minuten ist es her, dass Vater und Sohn ihren Spaziergang durch das Gelände angetreten haben. Nun wird dem zwei Jahre alten Benji von Polizeikommissarin Kristin W. das Geschirr mit der Aufschrift Polizei angelegt. Jetzt weiß er, dass er arbeiten, dass er schnüffeln muss. Ein Handschuh des Gesuchten wird dem Tier als Geruchsprobe hingehalten. Es atmet ein, dreht den Kopf, zerrt an seiner Leine und nimmt die Fährte auf. Für den Menschen ist nicht sichtbar, was Benji erschnüffelt, für den speziell ausgebildeten Hund ist es dagegen so, als würde er durch sacht herabrieselnden Neuschnee laufen.

„Knapp 40.000 Hautpartikel verliert ein Mensch pro Minute“, kann die junge Polizistin noch rufen, dann läuft sie Benji hinterher. Im Ernstfall, beispielsweise bei einem Einsatz in der Innenstadt, würden jetzt andere Polizeieinheiten den Verkehr anhalten oder ganze Kreuzungen sperren, damit Hund und Herrchen freie Bahn haben. „Wenn der Hund gestoppt wird, wertet er dies gleich als Befehl, mit dem Suchen aufzuhören“, erklärt Axel Last noch im Vorbeigehen dem ebenfalls hinterherlaufenden Fotografen. Dann ist der Jagdhund nicht mehr zu stoppen. Er ignoriert die vielen Polizisten, die ihm interessiert zuschauen, überhört das laute Startgeräusch eines Mannschaftswagens und interessiert sich nicht einmal für das Wildkaninchen, das auf dem Rasen des Sportplatzes sitzt. Benji läuft den unsichtbaren Partikeln nach, die in ihrer Zusammensetzung einzigartig sind und ihm den Weg zu seinem Ziel zeigen. Versuche haben gezeigt, dass die Mantrailer sogar zwischen den Spuren eineiiger Zwillinge unterscheiden können.

Wenige Minuten später hetzt er mit wehenden Ohren um eine Häuserwand, und Kristin W. merkt schon an seiner Zielstrebigkeit, dass er den gesuchten Menschen samt Sohn entdeckt hat. Als Zeichen, dass die „Angelegenheit“ für ihn erledigt ist, setzt sich Benji vor den Mann mit dem Kind. Und bekommt dann endlich seine Belohnung – Streicheleinheiten, Ohrenkraulen, nette Worte und Leckerlis. „Gut gemacht“, tätschelt die 30 Jahre alte Beamtin ihren erfolgreichen Hund. „Hab ich doch gesagt“, grinst Axel Last. Sein Jahresgehalt darf er also behalten.

Was im Versuch spaßhaft ablief, hat im Polizeialltag oft einen sehr ernsten Hintergrund. „Wir haben es leider in dieser Sparte oft mit traurigen Dingen zu tun“, erzählt Peter D. (41), Hundeführer von Paul. „Es geht einem schon an die Nieren, wenn man ein vermisstes Kind suchen und damit rechnen muss, es nicht mehr lebend zu finden.“ Oft genug allerdings, so Erfahrungen aus anderen Bundesländern, komme man aber noch rechtzeitig und könne Leben retten. „Das motiviert uns.“

Hunde nur für Behörden

750 Euro kostet ein Bayerischer Gebirgsschweißhund, verkauft werden die Tiere von den Züchtern, aber nicht an Privatpersonen, sondern nur an Behörden. Die Hundeführer nehmen sie als vollwertiges Familienmitglied auf, geben ihnen in den eigenen vier Wänden einen Platz zum Schlafen, nehmen sie mit in den Urlaub – und trainieren täglich. „Es vergeht nicht ein Tag, an dem ich Benji nicht eine Aufgabe stelle“, erzählt Kristin W. Dabei gehe es auch darum, die normalen Instinkte des Tieres zu unterdrücken. „Gassigehen und Schnüffeln ist für einen Hund etwa so wie für den Menschen das Zeitunglesen“, erklärt Peter D. Das Tier müsse lernen, sich von all den interessanten Gerüchen nicht ablenken zu lassen.

Während einer Suche nach einer Zielperson haben die Beamten auch GPS (Global Positioning System) am Mann, um später die Route der Tiere rekonstruieren zu können. „Denn die Hunde müssen nicht unbedingt den Weg nehmen, den der Gesuchte genommen hat, weil die Hautpartikel beispielsweise durch den Wind verweht worden sein können“, so Kristin W. Letztlich führten diese aber in jedem Fall zum Ziel. Wie die Kollegen in den Funkstreifenwagen haben die Diensthundführer auch immer ihre Waffen und Handschellen am Gürtel. „Wenn wir einen gesuchten Straftäter verfolgen, können wir beim Zusammentreffen von diesem bedroht oder angegriffen werden. Auch auf solche Situationen müssen wir vorbereitet sein“, sagt die Beamtin. Ebenfalls dabei – Wasserflaschen für den Hund und zusammenfaltbare Näpfe.

Mantrailer werden nicht zur Suche von Verschütteten oder Leichen, sondern nur für das Finden von lebenden Personen eingesetzt. Bis Benji und Paul so weit waren, haben Kristin W. und Peter D. viele Reisen zu Fortbildungen gemacht. „Ohne die Kollegen der Polizei in Nordrhein-Westfalen, Thüringen und Sachsen sowie vom Roten Kreuz in Bayern wären wir noch nicht so weit wie heute“, sagt Axel Last. Wer sich für den Job als Mantrailer-Führer entschieden habe, wolle laut Peter D. auch dabeibleiben. „Wir lernen jeden Tag dazu, wie das Tier agiert, was man verbessern kann. Diesen Erfahrungsschatz gilt es zu optimieren, da kann man sich nicht versetzen lassen.“ Für die Tiere gibt es keine offiziell festgesetzte Altersgrenze. „Solange sie fit sind und ihre Leistungen bringen, werden sie eingesetzt“, sagt Axel Last. Einmal im Jahr werden sie überprüft, wie auch ihre Hundeführer beim Sporttest – denn Benji und Paul arbeiten grundsätzlich im Laufschritt und haben keine Lust, sich drosseln zu lassen.

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