Trommeln, Tropfen, Quietschen

Eine akustische Stadtführung durch Berlin

Nicht sehen, sondern hören: Eine Stadtführung der etwas anderen Art. Unsere Reporterin entdeckt die Stadt mit verbundenen Augen – bei einer akustischen Führung durch Berlin mit einer Schlafbrille.

Foto: Amin Akhtar

Berlin hat Schluckauf. So muss es klingen, wenn sich das Zwerchfell der Stadt zusammenzieht - und saure Luft ausstößt. Plopp. Es ist ein dumpfer Ton, der von den Wänden hallt. Ich zucke erschrocken zusammen.

Na gut, vielleicht ist es auch die stählerne Jalousie eines Juweliergeschäftes, die rasselnd zu Boden knallt. Wer weiß das schon genau? Um mich herum ist es zappenduster. Eine Schlafbrille versperrt mir die Sicht. Das ist das Besondere an dieser neunzigminütigen Stadtführung, die mich an einem regnerischen Mittwochabend im Dezember am Arm eines Blindenführers durch Charlottenburg führt. Ihr Name ist ihr Programm: "Gehörte Stadt."

Der Verein Ohrenstrand hat sich diese etwas andere Stadtführung ausgedacht. So nennt sich eine Initiative von Musikern, die Berliner für neue Formen zeitgenössischer Musik begeistern wollen.

Nun ist Musik nicht das erste, was einem einfällt, wenn man sich blind durch den Dschungel der Großstadt tastet und sich am Quietschen von S-Bahn-Bremsen orientiert. Doch genau diesen Effekt wollen die Musiker von Ohrenstrand erzielen.

Sie haben Alltagsgeräusche aufgezeichnet und auf ihren Instrumenten nachgespielt. Berlin, Sinfonie einer Großstadt. Auf der Stadtführung tauchen sie unterwegs mit ihren Instrumenten auf, um ihre blinden Probanden in die Irre zu führen. Wo hört der Lärm auf? Wo fängt die Musik an?

Reizvolles Experiment

Die Idee dazu stammt von dem amerikanischen Komponisten Alvin Lucier. Ich finde, es ist ein reizvolles Experiment - auch ohne diesen künstlerischen Ansatz. Wie ein Dinner oder Speed-Dating im Dunkeln funktioniert, das haben vor mir schon Freundinnen ausprobiert - mit mäßigem Erfolg. Die eine bekleckerte sich die Bluse. Die andere gewann ein Date mit einem charmanten Hallodri, dessen Charme bei Tageslicht schlagartig verpuffte.

Von einer Stadtführung im Dunkeln verspreche ich mir mehr. Neue Einblicke in die Stadt, die mich schon als Kind fasziniert hat, ohne dass ich bis heute erklären könnte, warum. Vielleicht entlocke ich ihr auf diesem Wege ihr Geheimnis.

Treffpunkt: Das Haus der Berliner Festspiele in der Schaperstraße. Zwei Dutzend Neugierige, die meisten zwischen 25 und 45 Jahre alt, streifen sich Schlafbrillen über. Keiner weiß, wohin die Reise geht, das erhöht den Nervenkitzel. Wir haken uns bei unseren Guides unter. Meiner heißt Timothée, er ist 35 und Musiker aus Nantes, und er strahlt etwas ungemein Beruhigendes aus. Nur reden mit mir nicht - das gehört zum Konzept. So einer, denke ich, würde mich nicht einfach auf dem Mittelstreifen des Kudamms stehen lassen, wenn plötzlich eine Stretchlimousine vorbeirollen und uns ein Double der holländischen Königin Beatrix aus dem geöffneten Fenster zuwinken sollte. Also: Augen zu - und durch.

Zaghaft setze ich einen Fuß vor den anderen. Ein feiner Wind weht mir entgegen. Ich kann ihn kaum hören, ich spüre ihn aber auf der Haut. Er treibt mir feine Tropfen ins Gesicht. Der Regen ist akustisch präsenter. Er trommelt aufs Dach einer Bushaltestelle und tropft leiser aufs Trottoir. Pling, plang, plong. Jeder Tropfen ein Ton. Wann habe ich solche Geräusche zuletzt bewusst gehört?

Man sagt, die Eskimos hätten hundert Worte für Schnee. In der Stille der Polarwüste erkennen sie ihn schon an seinem Klang. Dagegen ringe ich schon nach Worten, wenn es darum geht, dieses Dingsbums zu beschreiben, das wie ein Schluckauf um die Ecke ploppt, so, als wolle es mich daran erinnern, det ditte eben Berlin ist. Im Dschungel der Großstadt ist unser Hörsinn verkümmert - und mit ihm auch das Vokabular.

Doch was ist das? Wir passieren einen geschlossenen Raum. Mit der warmen Luft strömt uns auch der Duft eines unerträglich süßen Parfums entgegen. Ich kenne es aus der Pariser Métro. Eine Geige, die heiser miaut, vergeigt die letzte Chance auf Orientierung. Moment, waren wir nicht in Berlin?

Unsere Schritte hallen plötzlich aus allen Richtungen wider. Von unten, von oben, von rechts und von links. Ich luge unauffällig unter meiner Schlafbrille hervor, erkenne aber nichts außer grauem Asphalt.

Neben mir klingelt ein Handy. Eine Frauenstimme sagt: "Ich habe Bent angerufen, er bringt Lenny ....", der Rest geht im Lärm einer altersschwachen Rolltreppe unter. Sie röchelt asthmatisch. Das KaDeWe kann das nicht sein. Dafür ist hier nicht genug los. Doch wer weiß, vielleicht wurde das Luxus-Kaufhaus wegen Dreharbeiten für die Öffentlichkeit gesperrt. Vielleicht wird hier eine Komödie über schlaflose Großstadtbewohner im Konsumrausch gedreht, und wir schlaf-bebrillten Touristen stapfen nichtsahnend als Statisten durchs Bild.

Nichts scheint mehr unmöglich. Meine anfängliche Unsicherheit ist einer angenehmen Mattigkeit gewichen. An Timothées Arm fühle ich mich sicher. An seiner Seite bin ich in einen Bewusstseinszustand zwischen Traum und Wirklichkeit geglitten. Alles so schön dunkel hier.

Zurück auf der Straße, empfängt uns das Rauschen des Motorenlärms. Ich empfinde es jetzt nicht mehr als Bedrohung, im Gegenteil. Es ist ein Geräuschteppich, der mir seltsam vertraut erscheint. In der Dunkelheit vermittelt er das beruhigende Gefühl: Du bist nicht allein.

Der Blinde ist König

Ein Luftzug, gefolgt von einem Hupen reißt mich aus meinen Gedanken. Wir stehen wie angewurzelt auf dem Mittelstreifen einer vierspurigen Straße, ein Koloss von einem Lkw donnert vorbei. Oder war das ein Bus?

Reflexartig trete ich einen Schritt zurück. Timothée hält mich fest. Ich bin jetzt hellwach. Neben mir stoppt ein Auto, eine Tür wird aufgerissen, und eine Frau fragt: "Können Sie mir sagen, wo die Pariser Straße ist?" Meint die etwa mich? Ich habe doch verbundene Augen! Typisch Berlin, denke ich - und trage das Geheimnis der Stadt mit meiner Fantomas-Brille mit nach Hause.