Multiresistente Erreger

Berliner Kliniken kämpfen gegen tödliche Keime

600.000 Deutsche infizieren sich pro Jahr in Kliniken mit dem gefährlichen Krankenhauskeim. Das UKB Marzahn und das Vivantes Klinikum Hellersdorf in Berlin zeigen, wie man Patienten wirksam schützt.

Foto: Marion Hunger

Wenn der Hubschrauber mit Verletzten auf dem Dach des Unfallkrankenhauses Berlin (UKB) landet, dann kommt immer auch ein kleines Wattestäbchen zum Einsatz. Pfleger schieben es behutsam in Nase und Rachen des Patienten, um eine Probe der Schleimhäute zu entnehmen. Binnen einer Stunde stellt das Zentrallabor dann fest, ob der Neuankömmling gefährliche Keime mitbringt – und besonders behandelt werden muss.

Der Kampf gegen gefährliche Klinikkeime erfordert ein besonderes Hygienemanagement. Zwei Berliner Krankenhäuser haben sich dabei als vorbildlich bewiesen. Jetzt wurden das UKB in Marzahn und das Vivantes Klinikum Hellersdorf dafür ausgezeichnet. Fachärztin Sina Bärwolff, die den Bereich Hygiene und Umweltmedizin im Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf leitet, überreichte die Zertifikate an die beiden Kliniken.

Ein symbolischer Akt, der andere Häuser anhalten soll, sich ebenso zu engagieren und in Präventionsprojekte zu investieren. Vor drei Jahren setzte Sina Bärwolff die Empfehlung der Gesundheitsministerkonferenz um, regionale Netzwerke in Berlin zu bilden. Seitdem läuft nun das MRSA-Pilotprojekt in Marzahn-Hellersdorf. MRSA ist ein besonders gefährlicher Krankenhauskeim. Er ist multiresistent. Das bedeutet, dass Antibiotika nicht zu seiner Bekämpfung helfen. Gelangt er in die Blutbahn des Menschen, kann er Infektionen auslösen und dramatische Krankheitsverläufe verursachen. Sepsis, Lungen- oder Harnwegentzündungen können die Folge sein. Auch Wundinfektionen sind möglich, die schlimmstenfalls eine Amputation nötig machen.

Patienten Orientierung bieten

Zu den Akteuren des MRSA-Pilotprojekts zählen Vertreter von Berliner Kliniken, Arztpraxen, Dialyseeinrichtungen oder ambulanten Pflegediensten. Es werden Probleme und Ursachen benannt, wann und wo Bedingungen entstehen, die eine Ausbreitung von Klinikkeimen begünstigen. Und es sind inzwischen Kriterien gefunden worden, anhand derer Kliniken bewertet und zertifiziert werden können. Ein Ziel ist es, das Bewusstsein bei Ärzten und Pflegekräften für das Thema zu schärfen. Ein weiteres Ziel ist es, den Krankenhauspatienten eine Orientierung zu bieten, welche Klinik in Sachen Hygiene vorbildlich arbeitet.

Das Pilotprojekt in Marzahn-Hellersdorf soll bald auf andere Bezirke ausgeweitet werden. Wünschenswert sei die Zertifizierung aller 60 Berliner Krankenhäuser, sagt Fachärztin Sina Bärwolff. Bislang ist die Teilnahme an solchen Netzwerken freiwillig.

Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene schätzt, dass sich rund 600.000 Deutsche während eines Krankenhausaufenthaltes über Keime eine Infektion zuziehen, rund 15.000 sterben an den Folgen. Durch eine Verbesserung des Infektionsschutzes, so schätzen Experten, könnten 20 bis 30 Prozent der Infektionen verhindert werden.

Noch bevor überhaupt das MRSA-Netzwerk gegründet wurde, investierte das UKB in verschiedene Präventionsmaßnahmen. Bereits 2004 wurde das sogenannte Screening eingeführt, bei dem via Stäbchen und Labortest Risikopatienten getestet werden. Schwerverletzte Unfall- oder Brandopfer, die hier vornehmlich behandelt werden, bergen oft besondere Risiken. 85.000 Patienten kommen pro Jahr, allein 2010 wurden 3500 Patienten getestet, bei etwa 300 von ihnen wurde MRSA entdeckt.

Jeder Mensch ist naturgemäß auf der Haut und im Darm pro Gramm Körpermasse mit Millionen bis Billionen Erregern besiedelt. Die meisten Bakterien sind völlig harmlos, meist sind sie sogar wichtig. Zum Beispiel beim Schutz der Haut nach außen oder bei der Verdauung. Ein Problem tritt nur auf, wenn sie in eigentlich sterile Körperbereiche gelangen, wo sie nicht hingehören.

Viele schrecken die Kosten ab

Oft sind es die Kosten, die Geschäftsführer von Krankenhäusern davon abhalten, in Prävention zu investieren. Das gesteht auch Professor Axel Ekkernkamp, Ärztlicher Direktor und Geschäftsführer des UKB. Axel Ekkernkamp ist einer der Initiatoren des MRSA-Schnelltests. „Das Engagement zur Vorbeugung von Infektionen durch Krankenhauskeime bedeutet einen nicht unerheblichen Aufwand für ein Krankenhausunternehmen, sowohl organisatorisch als auch finanziell“, sagt Ekkernkamp. Es brauche dafür mehr Einzelzimmer und Isolierstationen, Laborkräfte, sowie speziell ausgebildete Krankenschwestern.

Therese Köln ist Fachkrankenschwester für Hygiene. Sie hat mehrere Weiterbildungen und Schulungen durchlaufen, um sich Fachwissen auf dem Gebiet der Keimbekämpfung anzueignen. Unter anderem nahm das UKB an der von der World Health Organisation initiierten Aktion „Saubere Hände“ teil. Früher, erzählt Therese Köln, habe das Hygienepersonal oft nur eine Alibi-Funktion gehabt. „Da hat sich inzwischen sehr viel verändert“, sagt Therese Köln.

Therese Köln führt Listen über infizierte Patienten, sie misst den Verbrauch von Desinfektionsmitteln, überprüft, ob Ärzte und Pfleger Hände, Geräte und Flächen desinfizieren. Bei jedem neuen Krankenbesuch müssen Handschuhe und Kittel gewechselt werden. Der Sanierungsprozess kostet Zeit. Sofern der Patient keine offenen Wunden hat, beginnen Schwestern und Pfleger mit der Keim-Befreiung, die mindestens fünf Tage dauert. Therese Köln liegt besonders das Antibiotika-Management am Herzen, hier bestehe viel Beratungsbedarf, sagt sie – bei Schwestern und Ärzten. „Nur so können wir auf lange Sicht Resistenzen verhindern“, sagt Therese Köln.

Mangel an Personal

Vorreiter: Im August dieses Jahres ist das „Gesetz zur Änderung des Infektionsschutzes“ in Kraft getreten. Es muss bis Ende März 2012 von allen Bundesländern in den Landeshygieneverordnungen umgesetzt werden. Als deutsches Vorbild gilt das Euregio-Netzwerk in Münster, das in der Grenzregion agiert. Doch im bundesweiten Vergleich liegen auch Berlin und Brandenburg-Süd bei der Prävention mit vorn.

Gesetz: Künftig müssen Krankenhäuser Infektionen erfassen und Art und Umfang des Antibiotika-Verbrauchs protokollieren. Die Ergebnisse dieser messbaren Hygieneindikatoren müssen ab 2013 in Qualitätsberichten der Krankenhäuser jährlich veröffentlicht werden.

Ausbildung: Entscheidend für den verbesserten Infektionsschutz ist eine bessere Ausstattung mit Hygienefachpersonal, die bis Ende 2016 erreicht werden soll. Derzeit besteht ein Mangel an Krankenhaushygienepersonal und Hygienefachkräften. Offen bleibt, wer diese ausbilden soll. Die Zahl der universitären Hygieneinstitute wurde zuletzt reduziert.