Prozess

Missbrauch - Angebliche Haiti-Helfer vor Gericht

Sexueller Kindesmissbrauch, Vergewaltigung und Menschenhandel: Unter dem Deckmantel eines Hilfsvereins soll ein Berliner Jungen aus Haiti in die Stadt geschleust haben. Nun steht der Mann vor Gericht.

Foto: dpa / dpa/DPA

Landshut ist für Berliner eher ein Urlaubsort. Für den 58-jährigen Hans Joachim B. hat diese Stadt in Südbayern derzeit jedoch eine ganz andere Bedeutung. Der Berliner steht seit Mittwoch gemeinsam mit dem Brasilianer Francesco L. vor dem Landshuter Landgericht. Sie müssen sich wegen Menschenhandels, Vergewaltigung, sexuellen Missbrauchs, des Besitzes kinderpornografischer Schriften und Urkundenfälschung verantworten. Die Staatsanwaltschaft legt Hans Joachim B. zur Last, mittels eines Hilfsvereins Kontakt zu Straßenkindern in Haiti hergestellt zu haben, um sie an Pädophile zu vermitteln. Zudem soll B. die Jungen selbst sexuell missbraucht haben.

Angeklagter schweigt

Hans Joachim B., der vor Gericht Ingenieur und Projektmanager als Beruf angab, trat tief vermummt ins Blitzlichtgewitter der Fotografen. Trotz über den Kopf gezogener schwarzer Wollmütze hielt er sich noch eine große Plastiktüte vors Gesicht. Scham konnte indes nicht das Motiv für den 58-Jährigen gewesen sein, sich komplett zu verhüllen: Arrogant trat der jugendlich wirkende, schlanke Mann mit den grauen Haaren der Kammer unter Vorsitzendem Richter Theo Ziegler entgegen, nachdem die Fotografen den Gerichtssaal wieder verlassen hatten. Er werde vorerst keine Angaben zur Sache machen, sagte er und musterte herausfordernd die Zuschauer.

Ganz anders Francesco L., der sich im Verhandlungsraum sichtlich unbehaglich fühlte. Seit zehn Monaten sitze er in Untersuchungshaft, klagte er. Aber er sei noch immer schockiert. „Ich kann nicht glauben, dass er das alles getan hat“, sagte er mit Blick auf den neben ihm sitzenden Hans Joachim B. Laut Anklage gründete B. 2005 gemeinsam mit dem gesondert verfolgten Johann B. einen Hilfsverein für Afrika. Offiziell sollte sich der Verein für die Integration junger Einwanderer engagieren und ökologische, soziale und kulturelle Projekte fördern. Der Verein propagierte zudem, sich um Kinder in Haiti zu kümmern. Hierfür wurde zu Spenden aufgerufen. Eine offizielle, finanziell zweckgebundene Unterstützung durch den Verein für ein konkretes Projekt in Haiti lag indes nie vor. Ebenso wenig wurden die staatlichen Fördergelder laut Anklage für Projekte ausgegeben. Vielmehr diente der Verein dem Angeklagten und Johann B. Ermittlungen zufolge dazu, einen Pädophilenring aufzubauen.

Im März 2010 reisten die beiden Männer erstmals nach Haiti. Dort wurde das Straßenkind Flavio K. angesprochen und in einem angeblichen Kinderheim untergebracht. In diesem Heim sollen Hans Joachim B. und sein Kompagnon den höchstens zwölfjährigen Jungen dann auch zum ersten Mal missbraucht haben. Es folgten zahlreiche weitere Aufenthalte des 58-Jährigen in Haiti, bei denen er nicht nur Flavio K., sondern auch zahlreiche andere Straßenjungen immer wieder sexuell schwer missbraucht haben soll. Die Jungen sollen auch an andere Männer vermittelt worden sein. Zudem, so die Anklage, fertigte der Angeklagte kinderpornographische Bilder von den Straßenjungen an.

Letztmals reiste B. im Januar 2011 nach Haiti in der Absicht, Flavio K. illegal nach Deutschland zu bringen, um hier den Ermittlungen zufolge die sexuellen Handlungen an dem Kind fortsetzen zu können.

Einreise in München

Begleitet wurde B. dabei von Francesco L., der sich bei der Einreise am Münchner Flughafen für den Vater von Flavio ausgab. Einen brasilianischen Reisepass für den Jungen sollen die Angeklagten zuvor unter Vorlage einer falschen Geburtsurkunde von der brasilianischen Botschaft in Santo Domingo ausstellen lassen haben. Bei der Festnahme am Flughafen München – daher auch der Prozess gegen B. im bayerischen Landshut – stellten Beamte des Bundesgrenzschutzes bei dem Berliner SD-Karten sicher. Auf diesen befanden sich mehr als 60 kinderpornographische Bilddateien. Außerdem hatte der 58-Jährige eine Übersetzungsliste bei sich, die konkrete Anweisungen für Sexualpraktiken mit Kindern enthält.

Francesco L. bestritt die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft, von den Machenschaften B.s gewusst zu haben. Er sollte B. bei der Reise als Übersetzer dienen, so der 27-Jährige vor Gericht. Die Urkundenfälschung gab er zu. Dies sei „sein einziger Fehler“ gewesen. Er bedauere dieses Vergehen, „aber mein Gewissen ist rein“, sagte er gestenreich. Er habe die Geburtsurkunde in der Annahme gefälscht, Hans Joachim B. habe Flavio K. nach Deutschland holen wollen, um diesem ein besseres Leben zu ermöglichen. Dass Hans Joachim B. ihm dafür 5000 Euro versprochen habe, wies der fünffache Vater empört zurück. Er verstehe gar nichts mehr, vertraue niemandem mehr. „B. hat vor meinen Augen nur Gutes getan“, sagte Francesco L. und weinte. Hans Joachim B. verfolgte das emotionslos. Der Prozess wird am 11. Januar fortgesetzt.