Weihnachten

Berliner sparen nicht am Christbaum

Die zahlreichen Verkäufer in der Stadt trotzen stundenlang Kälte und Nässe, um die Wünsche ihrer Kunden zu erfüllen. Beim Weihnachtsbaumkauf vergessen die Haupstädter das regnerische Wetter und die Euro-Krise.

Foto: Massimo Rodari

„Wennse mich fragen, nehmse den.“ Mit einer Hand hält Detlef Diedrich die mächtige Nordmanntanne aus Werder an der Havel in die Höhe. Mit der anderen zeigt er die Vorzüge des schönen Stücks. Schlanker Wuchs, volles Astwerk, lotrechte Spitze. Die Kundin nickt und zückt das Portemonnaie. Zufrieden? „Ja, wie immer hier“, sagt sie. Diedrich grinst. Dass er ausgerechnet diesen Baum empfohlen hat, ist kein Zufall. Denn wenn er seinen perfekten Weihnachtsbaum beschreiben soll, ähnelt der Steckbrief verdächtig dem gerade verkauften Gewächs: „Eine Nordmanntanne, zwei Meter groß, ordentlich gewachsen. Fertig!“

Detlef Diedrich ist Weihnachtsbaumverkäufer. Einer von Hunderten (meist) Männern, die in diesen Tagen in Berlin für die passende Deko zum Fest sorgen – in Restaurants und Läden, in Behörden und Firmen und natürlich in Hunderttausenden Haushalten. Die Stände, an denen sie arbeiten, heißen Tannen-Glück oder Weihnachtsbaum-Paradies, Tannenmann oder Tannen-Quelle. Die Männer haben wettergerötete Gesichter, tragen Arbeitshosen, dicke Pullover, Wollmützen und Handschuhe. Sie netzen ein und spitzen an. Ein paar Wochen im Jahr brummt ihr Geschäft. Doch: Was sind das für Männer und – vor allem – was machen sie im Rest des Jahres?

Keine Angst vor Kälte

Im Fall von Detlef Diedrich ist die Antwort ganz einfach. Weihnachtsbäume sind seine Leidenschaft. Eine Leidenschaft, für die sich der 51-Jährige in diesem Jahr sogar unbezahlten Urlaub von seinem Hauptberuf als Kraftfahrer („Strecke Berlin–Hamburg“) genommen hat. In der 13. Adventssaison steht er jetzt hier an der Prenzlauer Allee, fünf Wochen lang, sieben Tage die Woche, zehn Stunden am Tag – wenn es sein muss auch länger. Regen, Kälte, Einsamkeit beim Warten auf den nächsten Kunden? Für Ersteres gibt es gute Kleidung. Wer Kälte nicht aushalte, sei in dem Job aber falsch, sagt Diedrich. Für Letzteres gibt es Aco, den „Haus- und Hofhund“ des Weihnachtsbaumstandes vom Tannenhof in Werder. Aco wuselt tagsüber zwischen Tannen und Fichten umher und sorgt nachts gemeinsam mit einer menschlichen Wache dafür, dass Baumdiebe keine Chance haben. Der Hund weiß, um was es geht. „Wo sind die Banditen?“, fragt Diedrich. „Wuff wuff!“

Service

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Eigentlich sind es aber die Menschen, auf die sich der rundliche Mann mit der Brille jedes Jahr wieder freut. Bevor er beruflich in den Lkw stieg, hat Diedrich allerhand gemacht, was mit Menschen zu tun hatte. Er war Inhaber eines Trödelladens, dann eines Handyladens, er stand am Schnellimbiss am Grill. Jetzt sind es eben Bäume, die er an den Mann und die Frau bringt. Über eine Zeitungsanzeige ist er zu dem Job gekommen, der inzwischen längst zur Passion geworden ist. Welche Qualifikation es dafür außer der Liebe zum Kundenkontakt braucht? „Na ja“, sagt Diedrich, „man sollte schon wissen, was für eine Tanne man da verkauft.“

Jeder Baum handverlesen

Klingt nicht nach hoher Kunst. Doch man kann die Sache auch anders sehen. So wie Jan Kaminski. Wenn er den perfekten Weihnachtsbaum beschreibt, wird es fast wissenschaftlich. „Die Internodien“, sagt er, sollten tunlichst nicht größer als 25 Zentimeter sein. Gemeint ist der Abstand zwischen den Zweigkränzen. Ansonsten gilt aber auch an dem Stand an der Karl-Marx-Allee die Regel. Gleichmäßig und voll hat er zu sein, der Vorzeigebaum. 300 dieser Prachtexemplare stehen in ihren Ständern, weitere 600 liegen auf Lager. Nordmann- und Nobilistannen aus Dänemark, Fichten aus dem Sauerland, Kiefern aus Brandenburg. Letztere waren in der DDR als Weihnachtsbäume beliebt und gehen hier, nahe dem Alexanderplatz, immer noch gut. Und – auf diese Feststellung legt Kaminski wert – wie alle Bäume an seinem Stand sind sie handverlesen. „Keine Einheitsware wie bei den Billiganbietern“, sagt er.

Mit seinen 31 Jahren ist Kaminski schon ein alter Hase im Weihnachtsbaumgeschäft. Seit zehn Jahren macht er das schon. Der Chef, der für den Stand namengebende Tannenmann also, ist ein Freund von ihm. Mit ihm fährt er schon im Herbst nach Dänemark, um in den riesigen Schonungen die Bäume auszusuchen, die er später seinen Kunden verkauft. Zettel dran, und wenige Wochen später wird geliefert. Auch Kaminski mag seinen Job zwischen Bäumen. Vor allem ist jener aber eine gute Gelegenheit, sein Sportstudium zu finanzieren. „Ich gehe lieber fünf Wochen richtig arbeiten, als fünf Monate ab und an“, sagt Kaminski. Zum Glück kann er sich zumindest am Anfang der kurzen Saison die Arbeitszeit noch mit seinen Kollegen teilen. Am Ende, wenn an der Uni ohnehin keine Vorlesungen mehr stattfinden, steht aber auch er täglich bis zu zehn Stunden am Tag am Tannenstand.

Lohnt sich der Job wirklich – finanziell gesehen? Kaminski lächelt freundlich und schweigt. Sein Kollege Enrico Milenz (31), eigentlich Tauchlehrer und Weltenbummler und inzwischen seit fünf Jahren im Teilzeit-Baum-Business, grinst breit über seinem buschigen Ziegenbart: „Das nächste Flugticket nach Asien ist auf jeden Fall drin.“

Dafür sind jetzt auch die anstrengenden Wochen, sozusagen der Endspurt. Das wissen die beiden aus Erfahrung. „In den ersten Wochen der Saison kommen vor allem Hausmeister, die Bäume für Firmen oder öffentliche Einrichtungen kaufen“, sagt Kaminski. Die Masse der Käufer, die Familien, die einen Baum für die eigene Wohnung suchen, die kommen zwischen dem dritten Advent und Heiligabend. Deshalb sind sie jetzt auch insgesamt zu dritt am Stand, beraten, spitzen an, netzen ein und – auf diese Service-Erfindung ist Kaminski stolz – liefern täglich aus.

Dass die Geldbeutel nicht mehr so prall gefüllt sind, dass der Euro in der Krise steckt, die Angst umgeht, davon merken sie wenig. Sparen, ausgerechnet beim Weihnachtsbaum, scheint nicht die Devise der Berliner zu sein. „Höchstens nimmt mal jemand statt einer Zwei-Meter-Tanne eine, die nur 1,78 Meter groß ist“, sagt Kaminski.

Viel mehr als vermeintlich knappe Kassen macht den Männern in diesem Jahr das Wetter zu schaffen. „Kälte ist nicht schlimm. Dagegen muss man sich einfach einpacken wie eine Zwiebel“, sagt Milenz. „Schlimm sind nasse Füße.“

Doch weder nasse Füße noch Finanzkrisen können die Weihnachtsbaum-Männer davon abhalten, auch im nächsten Jahr wieder an ihrem Platz zu stehen – irgendwo an einem der Dutzenden Stände in Berlin, zwischen Fichten, Tannen und Kiefern, zwischen Anspitzmaschine und Netztrichter, fünf Wochen vor dem Fest, Tag für Tag. Und manche können es gar nicht erwarten. „Manchmal denke ich schon im Januar, dass eigentlich bald wieder Weihnachten sein könnte“, sagt Detlef Diedrich, der freundliche Mann von der Prenzlauer Allee. „Aber ich bin – glaube ich – auch etwas extrem.“