Diagnose Hirninfarkt

Schlaganfall - 10.000 Berliner jährlich betroffen

Der Schlaganfall ist längst nicht mehr nur ein Problem von älteren Menschen. Die Zahl von Hirninfarkten bei jüngeren Menschen steigt. Katja H. erlitt vor einigen Wochen mit nur 29 Jahren einen Schlaganfall. Jährlich ereilt 10.000 Berliner dieses Schicksal.

Foto: Amin Akhtar

Plötzlich sacken Katja H. die Beine weg. Sie stürzt und kann sich kaum noch bewegen, ihre komplette linke Körperhälfte fühlt sich taub an. Katja H.s Freund begreift sofort, dass dies kein Schwäche- oder Migräneanfall sein kann, er ruft den Notarzt. Eine halbe Stunde später liegt Katja H. in der Rettungsstelle des Helios-Klinikums Buch. CT-Bilder des Gehirns zeigen: Die junge Frau hat einen Schlaganfall erlitten.

Mit dieser Diagnose beginnt für die Ärzte ein Wettlauf mit der Zeit. „Das Gehirn ist sehr sauerstoffsensibel, beim Schlaganfall zählt jede Minute“, sagt Chefarzt Georg Hagemann. In Buch diagnostizieren Ärzte etwa zwei Mal am Tag einen Hirninfarkt, jährlich werden hier rund 800 Betroffene behandelt. In den vergangenen Jahren, berichtet Hagemann, gibt es eine steigende Tendenz bei jüngeren Schlaganfallpatienten. Inzwischen sind fünf Prozent der Betroffenen unter 45 Jahre alt, ein bis zwei Prozent unter 30.

Schnelle Rettungskette

Berlin ist wie kaum eine andere Stadt auf Schlaganfälle vorbereitet. 10.000 Menschen trifft es pro Jahr. Einmal pro Stunde, heißt es aus der Charité, erleidet ein Mensch einen Hirninfarkt. Seit 2009 sind im Centrum für Schlaganfallforschung (CBS) über 40 Einrichtungen aus Berlin und Brandenburg vernetzt. Kliniken, die über eine Stroke Unit verfügen, Forschungseinrichtungen wie das MDC, das nach Ursachen für Schlaganfälle forscht. Auch Nachsorge, Rehabilitation und Betreuung von Angehörigen sollen gestärkt werden. Seit Februar steht ein Schlaganfallmobil zur Verfügung, bei dem Ärzte im Rettungswagen schon eine CT-Untersuchung vornehmen können und Blutverdünner bereits auf dem Weg ins Krankenhaus verabreichen können.

Trotzdem stirbt statistisch gesehen ein Drittel aller Betroffenen, ein weiteres Drittel trägt bleibende Behinderungen davon. Besonders jüngeren Menschen, die im Beruf stehen, fällt es oft schwer, mit Einschränkungen wieder in den Alltag zurückzufinden.

Dass es eine junge Frau wie Katja H. getroffen hat, erschien selbst Experten rätselhaft. Sie ist nicht stark übergewichtig und lebt eher gesund. Übergewicht ist ein Risikofaktor, der auch bei jungen Menschen zum Schlaganfall führen kann. Der Grund, warum etwa in den USA immer öfter jüngere Menschen betroffen sind. Die junge Zahnarzthelferin mit den roten Locken aber galt als agil, als sportlich und schlank. Sie raucht nicht und legt Wert auf gesunde Ernährung. Sämtliche Risikofaktoren, die einen Schlaganfall begünstigen, scheinen bei ihr nicht vorhanden.

Zwei Stunden nach Katja Hs. Zusammenbruch kann Neuroradiologe Marius Hartmann operieren. Hartmann vermutet einen Blutpfropf im Gehirn, der die Blutzirkulation behindert.

Die Krankheit, die so schlagartig beginnt, hinterlässt oft lebenslange, die Lebensqualität erheblich beeinträchtigende Behinderungen. Eine plötzliche Durchblutungsstörung in den fein verästelten Hirngefäßen kann schnell dazu führen, dass Hirnareale zu wenig Nährstoffe erhalten und absterben. „Nervenzellen verzeihen so etwas nicht“, erklärt Chefarzt Hagemann. Die Folge: Dauerhafte Funktionsstörungen, z.B. Lähmungen in Gesichts- oder Körperregionen, die mit Reha-Maßnahmen zwar zum Teil kompensiert, aber selten vollständig wieder beseitigt werden können.

Um einen großen Schlaganfall zu verhindern, führt Professor Hartmann einen dünnen Katheter über Katja H.s Leiste durch die Venen, schiebt ihn bis ins Gehirn. Mit Verdünnungsmitteln werden die Blutgerinnsel langsam aufgelöst, nach anderthalb Stunden ist die chirurgische Feinstarbeit gelungen: Mit viel Fingerspitzengefühlt zieht Hartmann den Blutpropf mit einem Spezialwerkzeug heraus. Als Katja H. aus der Narkose aufwacht, befühlt sie als erstes ihre linke Körperhälfte. Sie spürt Arme, Beine und das Gesicht. „Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich bemerkte, dass ich alles wieder bewegen kann“, sagt sie rückblickend. Elf Tage wurde sie stationär behandelt, in der Zeit suchten Ärzte nach des Rätsels Lösung.

Loch im Herzen

Die Ursache für den Schlaganfall musste gefunden werden, um das Risiko zu minimieren, dass es zu einem weiteren kommen würde. „Wir haben mehrere Untersuchungen vorgenommen und stellten plötzlich fest, dass Katja H. ein kleines Loch im Herz hat“, sagt Hagemann, Chefarzt der Neurologie. Sehr wahrscheinlich sei das der Grund für den Schlaganfall. Ein paar Wochen später sitzt Katja H.wieder im Helios-Klinikum, in wenigen Minuten beginnt die Reha. Dass die junge Patientin wenige Wochen zuvor einen Schlaganfall hatte, sieht man ihr nicht mehr an. Sie lächelt, sie weiß, dass sie Glück hatte, bleibende Behinderungen trug sie nicht davon. Doch ein weiterer Eingriff steht bevor. Das kleine Loch soll mit einer winzigen Kunststoffplatte dauerhaft verschlossen werden. Katja H. fürchtet sich davor nicht. „Ich lebe jetzt mit der Angst“, sagt sie. Das Risiko eines weiteren Schlaganfalls soll jetzt so gut wie möglich minimiert werden.