Testwohnen

Marzahner Platte ist besser als ihr Ruf

Die Wohnungsgesellschaft Degewo will Berlin-Marzahn attraktiv machen und lädt zum Testwohnen in die Platte ein. Morgenpost Online nahm das Angebot an und wechselte die Perspektive - mit angenehmer Überraschung.

Foto: Glanze

Es ist schon dunkel in Berlin-Marzahn, als ich einen Irrtum erkenne. Hell leuchtet der Imbiss, drinnen läuft Bier aus dem Zapfhahn, „Hausmarke“ für einen Euro. Die Männer reden über einen Kumpel, den mit Zollstock in der Hose. „Der muss jedem zeigen, dass er Arbeit hat“, sagt einer. Feuerzeuge klicken, Bärte werden noch gelber geraucht, die Geschichten noch vernebelter erzählt als in den Hartz-IV-Reportagen im Fernsehen. Zeit für eine Erfolgsmeldung. „Familien und Studenten aus ganz Berlin ziehen hierher“, sage ich. „Ja, die mögen es“, hustet einer. „Wo?“, lallt ein anderer.

„Hier bei uns, in Marzahn.“

Marzahn, was für ein Wort überhaupt? Andere Problem-Großsiedlungen heißen Queensbridge in New York oder Mümmelmannsberg in Hamburg. Freundliche Namen. Marzahn klingt giftig. Ich bin gekommen, um den Bezirk anzuschauen, den alle kennen, aber wo die wenigsten selbst waren. Zwei Nächte zur Probe schlafen, dazu lädt die städtische Wohnungsgesellschaft Degewo ein. Die Kampagne heißt „Mein Marzahn“. Wind fegt durch die Häuserschluchten, das Schwimmbad lockt mit einer Sauna. Kurz aufwärmen. Statt im Saunagarten laufen die Gäste zum Abkühlen auf Betonplatten im Kreis. Ich reihe mich in die Prozession wie auf einem Gefängnishof. Träge hier, denke ich.

Alles kein Zufall in Marzahn

Aber die Überheblichkeit ist ausgeschwitzt, nur einen Saunagang später. Der Aufguss war heftig, und diesmal bin ich es, der sich zu langsam für die anderen über die Steinplatten schleppt. Ich muss die Perspektive wechseln. Nicht auf den Irrtum hereinfallen, nur das zu sehen, was ich sehen will. Auch in anderen Bezirken sitzen Alkoholiker in Imbissen. Die Zahlen der Degewo klingen gut: Nur noch 4,8 Prozent Leerstand in ihren 18.000 Wohnungen. 2002 waren es 15 Prozent. Auf dem Kriminalitätsatlas ist Marzahn in der hellsten Farbe eingezeichnet, was gut ist. Mitte dagegen ist dunkelrot.

Als ich den Schlüssel für meine Wohnung im Servicebüro abhole, treffe ich Sören aus Charlottenburg. Der 29-Jährige will eine Eineinhalbzimmerwohnung mieten, 12. Stock, 300 Euro warm. Aber sie ist schon vergeben. „Ich mag Marzahn, seit ich hier mal bei einer Freundin gewohnt habe“, sagt er. „Ich bin nicht der Einzige aus meinem Haus, der umziehen will.“ Das liegt auch an den steigenden Mieten in beliebten Quartieren, aber günstiger könnte man auch in anderen Bezirken wohnen. Für Sören jedenfalls ist Marzahn kein Zufall. „Es ist ruhig hier.“

Plattenbauten sind hellhörig, doch der Morgen beginnt wirklich ruhig. Zwischen den Blöcken fahren keine Autos, hier wird nur gewohnt. Der Aufzug fährt in den 11. Stock. Das Linoleum riecht nach DDR, doch hinter der Tür liegt England. Keine Schrankwände und Flachbildschirme, sondern ein britischer Salon wie in einem Clubraum. Kamin, Bücher über Golf im Regal, ein Teeservice. Der Blick aus dem Fenster schweift über die Brandenburger Hügel, im Sommer blühen dort die Rapsfelder.

Im 11. Himmel liegt England

Die Platte kann gediegen sein, aber viel wichtiger: In den Wohnungen steckt nicht das Erwartete. „Marzahn passiert im Kopf“, sagt Marina Bikádi, sie ist Sozialarbeiterin in diesem Kunstprojekt, der Pension „11. Himmel“. Sie kam 1988 nach Marzahn, der Staat teilte ihr die Wohnung zu. Für viele galt das als Ticket ins Luxusquartier, um den Hinterhöfen und Kohleheizungen am Prenzlauer Berg zu entkommen. Ihre Freunde sind längst nach Mitte oder Friedrichshain weitergezogen und fragen: „Wie, du wohnst da immer noch?“ Doch Bikádi hat eine Mission zu erfüllen: Touristen nach Marzahn locken. Sogar Japaner reisen an, die Pension ist Geheimtipp in einigen Reiseführern. Klar, es gebe hier nicht die Cafés und Galerien wie in den Szenekiezen. Aber viele Marzahner wollten das auch nicht, glaubt sie. Die Tür zu und mit der Familie zusammen sein, das ist die Art zu leben. „Hier wird viel zu Hause gekocht.“

Wie ein Monster mit Tentakeln liegt die Märkische Allee über der Reißbrettsiedlung, mit der die DDR sämtliche Wohnprobleme auf einen Schlag lösen wollte, ähnlich wie der West-Berliner Senat mit der Gropiusstadt. Mehr als 100.000 Menschen leben in Marzahn.

Es ist kaum möglich, Hausnummern zu finden, und so lande ich bei der „Schule unterm Regenbogen“ vor einem Zaun. Eine Lehrerin zeigt mir den Tunnel, den ich verpasst habe und der unter einem Hochhaus entlangläuft. Marzahn muss man kennen.

Aber es gibt viele Menschen, die gerne helfen. Gegenüber dem Bahnhof Springpfuhl liegt das Paradies für gut situierte Rentner. Auf die Steinbänke am Markt wurden Holzsitze montiert, damit die Menschen im Winter länger draußen sitzen können. Unten in den Hochhäusern sind Arztpraxen und Reisebüros, oben im 22. Stock wohnen Helgard und Fritz Bräuer. Als sie sich kennenlernten in den 80er-Jahren, hatte Fritz schon seine Wohnung. Helgard verliebte sich in ihn, aber auch ein bisschen in die Platte. Auf dem Balkon hat sie leuchtenden Weihnachtsschmuck drapiert, das ist ein informeller Wettbewerb. Derzeit erwägen die Ruheständler, ein Loch in die Gipswand zwischen Schlafzimmer und Wohnzimmer zu sägen und den Fernseher dort einzuhängen. Drehbar. „Dann können wir vom Bett und vom Sofa schauen“, sagt Fritz Bräuer. Sie würden hier niemals ausziehen.

Eine schwarze Limousine hält vor dem deutsch-russischen Theater im nördlichen Marzahn. Frank Bielka steigt aus, Vorstandsmitglied der Degewo. Der Mann hat eine Botschaft mitgebracht, die er Morgenpost Online im Feld beweisen will. „Die Vorstellung, dass die Leute hier nur auf günstige Mieten schauen, ist falsch.“ Er zeigt auf den Bau vor ihm, ein unfreundlicher Betonberg, und erläutert ein Experiment, das er nicht wiederholen will: „Pinselsanierung“. Zum Wohnen okay, Anfangsmiete weniger als vier Euro pro Quadratmeter, aber schleppende Nachfrage. Bielka läuft weiter, jetzt sucht er das Gegenbeispiel zur Pinselsanierung. Er nimmt die Abkürzung über eine Wiese. Bielka ist ein ortskundiger Funktionär. Vor pastellfarbenen, vierstöckigen Häusern mit Dachterrassen bleibt er stehen. Sie waren mal elfstöckige Blocks, die Degewo hat die Platten herausgelöst wie aus einem Baukasten. Es gibt sogar Gärten mit Häuschen. Ein einmaliges Projekt, ermöglicht durch das Mammutprojekt Stadtumbau Ost, das 61 Millionen Euro verschlang sowie Fördermittel des Senats. „100 Prozent vermietet“, sagt Bielka. Italienischer Flair in Marzahn? „Nicht übertreiben, wir sind 60 Kilometer von Polen entfernt, so italienisch wird’s nicht.“

Kontrollierte Kunst aus der Dose

Seit einigen Jahren ziehen auch Neumieter her, die vorher nicht in Plattensiedlungen wohnten: Gemischtes Publikum, Stadtplaner lieben das. Die bauliche Zukunft Marzahns liegt zwischen Pinselsanierung und Architekturglanzstücken. Sanierung, barrierefreie Zugänge für Senioren. Familienwohnungen mit bunten Küchen und Kindersicherungen an den Steckdosen. Bäder mit dezenten Fliesen und Duschen mit Haltegriffen für die Älteren. Marketing teilt Menschen in Milieus.

Der Weg führt vorbei an Elch-Skulpturen und Spielplätzen. Für die Gestaltung und die Beteiligung der Anwohner daran gewann die Degewo einen Architekturpreis. Neben Frank Bielka geht der Bereichsleiter für Marzahn, ein geduldiger Mensch, der stehen bleibt, um einen Fahrradreifen aus den Büschen zu holen und in den Mülleimer zu werfen. Schweigender Automatismus. „Wir haben engagierte Mitarbeiter hier vor Ort“, erläutert Bielka. Wenig Müll, Schmierereien werden entfernt, dafür Kunstwerke aus der Sprühdose an einigen Flächen erlaubt. Bunt darf es sein, aber ordentlich. Die Degewo vergibt kostenlos Räume für soziale Projekte und beschäftigt Quartiersmanager. Geplant sind auch Gemüsegärten. Säen ist konstruktiv. Aber es dauert, ein negatives Image loszuwerden. „Der Gropiusstadt wurde jahrzehntelang das Drama um Christiane F. angehängt, in Marzahn wurden Rechtsradikale zur Stigmatisierung herbeigezogen.“ Im Jahr 2020, sagt Bielka, werde Marzahn eine ganz normale Großsiedlung sein. Aber was ist normal? Der Vorstand lächelt fein. Damals, sagt er, zogen die Menschen aus Prenzlauer Berg weg, um den Hinterhöfen zu entkommen und in der Platte zu wohnen. Heute sind die Wohnungen am Prenzlauer Berg knapp. Das sei nicht nur eine Ironie der Geschichte. „Es zeigt auch, was sich innerhalb weniger Jahre ändern kann.“

Michèle Wolff ist aus Pankow zusammen mit ihrer Freundin Sarah Schaaf hergezogen, die erste Wohngemeinschaft nach der Schule. Drei Zimmer, 73 Quadratmeter, Blick auf den Fernsehturm am Alexanderplatz vom 6.Stock. Michèle macht ein soziales Jahr in der Psychiatrie der Charité, Sarah studiert Lifescience im ersten Semester. Okay, einmal grölten Nachbarn weiter unten die ganze Nacht rechtsradikale Parolen vom Balkon. Aber die Rentnerin nebenan hat einen Blumenstrauß zum Einzug vorbeigebracht und sich auch nicht über den Lärm der Einweihungsparty beschwert. In Pankow, sagt Michèle, habe sie sich nachts weniger sicher gefühlt als hier. Wenn sie aufsteht morgens, dann denkt sie: „Guten Morgen, Marzahn.“

Plattenbauen in Marzahn

Die SED hat 1971 beschlossen, mit der Großsiedlung Marzahn „die „Wohnungsfrage als soziales Problem bis 1990“ zu lösen. Konzept war, Arbeits- und Wohngebiete voneinander zu trennen – eine Philosophie, die bis in die 70er-Jahre auch im Westen vorherrschte. Zu DDR-Zeiten kostete eine Zweizimmerwohnung etwa 80 Ost-Mark inklusive Nebenkosten. Nach der Wende verließen viele Bewohner ihren Bezirk. Das Programm Stadtumbau Ost stellte Bundesmittel bereit, um dem Leerstand zu begegnen. 1991 lag er in Marzahn bei 16 Prozent. Mehr als 60 Millionen Euro flossen in den Umbau.

Insgesamt wurden 3500 Wohnungen abgerissen, 1160 umgebaut. Begleitet von Protesten von Anwohnern.

Ähnlich wie in anderen Stadtteilen steigen auch in Marzahn die Mieten. Lag die Warmmiete im März 2006 noch bei 6,75 Euro, sind es nun 7,09 Euro pro Quadratmeter.