Verbeamtungsstopp

Berlins junge Lehrer proben den Aufstand

Berlins angestellte Lehrer sind wütend auf die Landesregierung. Denn auch der neue rot-schwarze Senat will sie nicht verbeamten. Dagegen machen immer mehr Pädagogen mobil – und drohen mit Abwanderung.

Foto: Reto Klar

Sie unterrichten Mathematik, Informatik, Physik oder Deutsch, Französisch, Biologie, Sport oder Geschichte. Sie arbeiten an Berliner Grundschulen, an Sekundarschulen, Oberstufenzentren oder Gymnasien. In einem Klassenzimmer der Tempelhofer Luise-Henriette-Schule haben an diesem Donnerstag nicht Schüler, sondern mehr als 40 Lehrer Platz genommen. Die meisten sind zwischen Ende 20 und Mitte 40, alle gut ausgebildet. Was sie eint, ist die Wut über ihre Landesregierung.

Sie wollen nicht länger Lehrer zweiter Klasse sein, nicht länger als Angestellte mit verbeamteten Kollegen in einem Lehrerzimmer sitzen, die für die selbe Arbeit bis zu 500 Euro Brutto mehr verdienen, bessere Aufstiegschancen haben und im Krankheitsfall besser abgesichert sind. Viele von ihnen haben sich bereits in anderen Bundesländern beworben. Andere haben die Hoffnung auf eine politische Lösung zwar noch nicht ganz aufgegeben, werden aber gehen, wenn sich nicht bald etwas tut. Die Anträge auf Freistellung haben sie jedenfalls schon zu Hause liegen.

Viele junge Lehrer hängen nicht am Beamtenstatus

Sven Kozelnik, Lehrer am Rückert-Gymnasium in Schöneberg, sagt, was viele seiner angestellten Kollegen denken: „Wir hängen nicht am Beamtenstatus. Was wir wollen, ist eine Gleichbehandlung.“ Er fühle sich wie ein Discounter-Beamter, sagt Sven Kozelnik. Patrick Ulrich kann das nur bestätigen. Der 29 Jahre alte Pädagoge unterrichtet Mathematik und Physik am Romain-Rolland-Gymnasium in Reinickendorf. Angestellte Lehrer müssten auch hinsichtlich Altersvorsorge und Krankenversicherung besser gestellt werden, fordert er. Natürlich gehe es ihnen nicht schlecht. Vor zwei Jahren hätten sie eine Zulage bekommen. Die könne der Senat aber jederzeit wieder zurücknehmen. Ulrich will sich in Hamburg oder Baden-Württemberg bewerben. „Aber erst in einem Jahr. Ich kann meinen Mathe-Leistungskurs jetzt nicht im Stich lassen.“

Berlins angestellte Lehrer beklagen sich seit 2003, dass sie bei gleicher Ausbildung und gleichen Arbeitsanforderungen viele Nachteile gegenüber ihren verbeamteten Kollegen haben. Damals schaffte die Hauptstadt die Verbeamtung von Lehrern ab. Seitdem sind junge Pädagogen in andere Bundesländer abgewandert. Schließlich werden Lehrer überall in Deutschland verbeamtet, außer in Berlin. Waren es bisher aber eher Einzelfälle, werden die Lehrer nun scharenweise die Stadt verlassen. Bitter enttäuscht darüber, dass auch die neue Landesregierung an ihrer Situation nichts ändern will. Die 40 Lehrer im Klassenzimmer des Tempelhofer Gymnasiums betonen jedenfalls, dass sie nur die Spitze des Eisbergs seien.

Netzwerk bereitet Streiks vor

Hallina Apelles, Chemielehrerin am Steglitzer Beethoven-Gymnasium, sagt, dass sich inzwischen weit über 100 angestellte Lehrer in einem Netzwerk zusammengeschlossen haben, das gemeinsame Aktionen wie Streiks vorbereiten will. Man will Druck machen und auch an Tagen die Arbeit niederlegen, an denen es „richtig weh tut“. Beispielsweise während der Prüfungen zum Mittleren Schulabschluss. Katharina Unger, Lehrerin am Goethe-Gymnasium in Lichterfelde, fordert ihre Kollegen auf, endlich ein klares Signal zu senden.

Die Pädagogen wissen, dass sie große Lücken in ihre Kollegien reißen, wenn sie gehen. Schon jetzt würden Lehrer fehlen, an vielen Schulen könne der Betrieb nur aufrecht erhalten werden, weil die Schulleiter unermüdlich nach Lösungen suchen, sagen sie. Trotzdem sind sie nicht mehr bereit, still zu halten, derart abgewertet fühlen sie sich. Die meisten werden von ihren Schulleitern darin bestärkt, sich zu wehren.

Verbeamtete Lehrer unterstüzten junge Kollegen

Michael Wüstenberg, Leiter des Lessing-Gymnasiums in Wedding, bezeichnete die Entscheidung der Koalition gegen die Verbeamtung der Lehrer, als „blanken Wahnsinn.“. Er mache sich große Sorgen, sagt er. Berlin treibe seine Lehrer fort, dabei würden sie dringend gebraucht. „Meine Kollegen sind schon jetzt völlig überlastet, wenn dann auch noch etliche gehen, ist das eine Katastrophe.“

Rainer Völkel, der Schulleiter des Robert-Koch-Gymnasiums in Kreuzberg – hier haben bereits zwei angestellte Lehrer ihre Freistellung beantragt – sagt, dass er nun schon keinen Lateinunterricht mehr anbieten kann. „Demnächst werden wir wohl auch den Informatikunterricht einstellen müssen.“ Für Physik habe er kürzlich nur noch einen Quereinsteiger finden können.

Was die angestellten Lehrkräfte besonders aufbringt, ist die Tatsache, dass Berlin in anderen Bundesländern um Lehrer wirbt und damit durch die Hintertür doch verbeamtet. Claudia Drescher, Lehrerin an der Annedore-Leber-Grundschule in Lichtenrade, sagt, dass diese Praxis die angestellten Pädagogen geradezu dazu aufruft, die Hauptstadt zu verlassen, um einige Jahre später als Beamte zurückzukehren. „Nur wer nach seiner Ausbildung in Berlin bleibt, wird nicht verbeamtet“, sagt Drescher.