Ernst-Reuter-Platz

TU-Präsident will einen Ort für Kreative schaffen

Am Mittwoch wollen Anrainer über die Umgestaltung des Charlottenburger Ernst-Reuter-Platzes beraten. Auch TU-Präsident Steinbach schaltet sich in die Diskussion ein. Er will einen Ort schaffen, der zum Verweilen einlädt – und dadurch Kreative anziehen.

Foto: Christian Hahn

Ganze Gebäude stehen am Ernst-Reuter-Platz leer. Das muss sich dringend ändern, fordern die Anrainer des Platzes. Auf einer Standortkonferenz am kommenden Mittwoch wollen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik Strategien vereinbaren, um die Entwicklungshemmnisse am Platz zu beseitigen. Schirmherr soll Edzard Reuter, der Sohn von Ernst Reuter, sein. Doch noch klaffen die Vorstellungen von Nutzern, Hauseigentümern und Stadtplanern weit auseinander . Nun meldet sich TU-Präsident Jörg Steinbach zu Wort.

"Der Ernst-Reuter-Platz ist eine der größten Verkehrskreuzungen in der Stadt, hier dominieren Autos statt Fußgänger", kritisiert Steinbach. Der Charlottenburger Verkehrsknotenpunkt lade viel zu wenig zum Verweilen ein. Dies ließe sich ändern, wenn die unteren Geschosse der Häuser, die oft leer stehen, mit neuen Läden wieder belebt würden. So entstünde mehr Urbanität, mehr Leben. Zusätzlich müsse man mehr internationale Unternehmen dazu bewegen, sich am Ernst-Reuter-Platz anzusiedeln, junge Start-Ups etwa oder Forschungsverbünde. "Damit kann eine Mischung aus Wissenschaft, Wirtschaft und kreativen Milieus entstehen, die die Trendsetter an den Campus Charlottenburg ziehen", sagt Steinbach.

Ballung von IT-Firmen

Schon jetzt gebe es am Ernst-Reuter-Platz eine Ballung von IT-Firmen, selbst Skype-Mitgründer Niklas Zennström komme von London nach Berlin, um hier nach zukunftsträchtigen Marktideen zu suchen. Den Hochschulen ist es zu verdanken, dass der denkmalgeschützte Platz äußerst moderne Anrainer bietet. So betreibt die TU rund um den Platz eines der weltweit größten Funknetze für Internetzugang: Insgesamt 46 Sendeanlagen auf fast alle Dächern der TU auf dem Campus Charlottenburg gehören zur offenen Experimentierplattform für das Internet der Zukunft. Es trägt den Namen Berlin Open Wireless Lab (BOWL).

Doch was kann der Senat dazu beitragen, dass aus dem Ernst-Reuter-Platz und seiner Umgebung auch städtebaulich ein Vorzeigemodell wird? Steinbach fordert, dass kleine und große international agierende Unternehmen, die die Nähe zur Universität suchen, stärker mit der Wissenschaft verzahnt werden müssten. Dort gebe es starke Wachstumspotenziale, die lange nicht ausgeschöpft seien. Die TU wolle auch selbst aktiv werden. So gibt es Planungen, das denkmalgeschützte Gebäude für Bergbau- und Hüttenwesen zu öffnen. Ein Café soll in dem Haus entstehen und ein Durchgang zum Campus der Technischen Universität in Richtung Hertzallee. "Damit lockern wir das Architekturensemble an der Ecke Hardenbergstraße/Straße des 17. Juni auf", sagt der TU-Präsident. Mit neuen Konzepten müsse es gelingen, mehr Begegnung und Austausch auf dem Platz herzustellen.

Drehscheibe für Auto-, Rad- und Fußgänger

Seit Jahrzehnten zählt der Ernst-Reuter-Platz zu den wichtigsten Verkehrsknoten im Westen Berlins. Drehscheibe für Auto-, Rad- und Fußgänger. Bekannt für seine verkehrsumtoste Mittelinsel, die von freistehenden Hochhäusern eingerahmt wird. In den 60er-Jahren wurde der Platz gestaltet, nun sind die Umschreibungen für das denkmalgeschützte Bauensemble wenig schmeichelhaft. Als fußgängerfeindlich, lärmend, wenig urban empfinden ihn Anwohner und Besucher.

Auch Studenten wünschen sich eine Verbesserung des Standorts. Ein Problem ist, dass das Umrunden des Platzes lange dauert, da es keine auf die Fußgänger abgestimmten Ampeln gibt. Zwar führt eine Unterführung zur Mittelinsel. Allerdings gibt es dort nichts, was zum Verweilen einlädt. Der Ernst-Reuter-Platz, so sagen Immobilienexperten, habe ein Imageproblem. Denn der extrem große und extrem zentrale Platz in Charlottenburg erfreue sich schon jetzt zunehmender Beliebtheit. Technologieorientierte und kreative Unternehmen suchen die Nähe zu den Universitäten. Nicht nur zur Technischen Universität Berlin (TU), sondern auch zur Universität der Künste (UdK).

Ohne Denkblockaden

Doch auch die Politik ist gefragt. Marc Schulte (SPD), Baustadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf wünscht sich eine autogerechte Gestaltung. "Ich würde mir wünschen, dass wir ohne die Denkblockaden durch den Denkmalschutz überlegen, ob der Platz noch das ist, was wir im Jahr 2011 brauchen", sagt Schulte mit Blick auf die Standortkonferenz. Denn selbst das Verrücken von Blumenkübeln ist aufgrund der Vorgaben der Denkmalschützer verboten. Sie sehen den Platz als großes Ensemble, das als Baudenkmal die 50er- und 60er-Jahre repräsentiere. Ob hier ein Umdenken möglich ist, will auch die Standortkonferenz ausloten.

TU-Präsident Steinbach fordert von der Politik vor allem eines: Verlässlichkeit, Aufmerksamkeit für die Probleme und Zukunftsvisionen des Forschungsstandortes. "Wir haben einen massiven Instandhaltungs- und Sanierungsstau, der unvermindert ansteigt", kritisiert Steinbach. Aus eigener Kraft könne dieser weder aufgehalten noch rückgängig gemacht werden. Es sei wichtig, dass dringend benötigte Baumaßnahmen in die Planungen des Landes aufgenommen werden. "Das betrifft zum Beispiel das Mathematikgebäude in unmittelbarer Nähe des Ernst-Reuter-Platzes."

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