Brandsätze

Experten fürchten weitere Anschläge auf die Bahn

| Lesedauer: 4 Minuten
Hans H. Nibbrig und Peter Oldenburger

Bei den Attentaten auf die Bahn in Berlin sieht der Verfassungsschutz eine isolierte Gruppe aus der linksradikalen Szene am Werk. Trotz der neuen Bedrohung weist Berlins Innensenator Körting (SPD) Forderungen nach mehr Polizisten zurück.

Die Leiterin des Berliner Verfassungsschutzes, Claudia Schmid, geht davon aus, dass hinter der Serie von Anschlägen auf Bahnstrecken eine in der Szene isolierte Tätergruppe steckt. Solche Angriffe auf die Infrastruktur mit dem Ziel, maximalen Schaden zu verursachen, seien auch für die gewaltbereite Szene in Berlin eine Besonderheit. Schmid bezeichnete die Sabotageaktionen als „Eigentor“ für die Täter, weil damit die ganz normale Bevölkerung getroffen werde. Eine Einschätzung zu den mutmaßlichen Tätern – eine bis dahin unbekannte Gruppe namens Hekla hatte sich zu den Anschlägen bekannt – lehnt die Behörde jedoch ab. Als Begründung hatte diese Gruppe im Internet ihren Protest gegen den Einsatz deutscher Truppen in Afghanistan genannt. Gerade die Annahme, die Tätergruppe sei weitgehend isoliert, bereitet den Sicherheitsbehörden besondere Sorgen. „Solche Gruppen schotten sich selbst gegenüber anderen Gruppierungen in der linksradikalen Szene ab und sind auch für Kritik aus diesen Reihen nicht mehr empfänglich. Das sind Fanatiker, unbeirrt in dem Glauben, im Recht zu sein. Die ziehen ihre einmal angefangenen Aktionen durch, ohne auf irgendwas und irgendwen Rücksicht zu nehmen“, sagt ein Verfassungsschützer. Der Beamte fürchtet daher wie viele seiner Kollegen, dass die Anschläge weitergehen werden.

Auch die Ankündigung drastisch verstärkter Sicherheitsmaßnahmen kann solche Gruppen kaum stoppen. „Wir haben zuletzt bei Anschlägen durch linksextremistische Täter eine deutlich erhöhte Aggressivität und vor allem Risikobereitschaft festgestellt“, sagte am Mittwoch ein Experte des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Äußerungen zu den aktuellen Vorfällen in Berlin, man könne ein Streckennetz von mehr als 36.000 Kilometern nicht umfassend schützen, täten dabei ein Übriges. „Die Feststellung ist leider zutreffend, signalisiert den Leuten aber auch, man kann einen Anschlag riskieren, wenn man es nur geschickt und vorsichtig genug anstellt“, so der Beamte der Kölner Behörde.

„Perfide Züge“

Skeptisch beurteilen Szenekenner der Sicherheitsbehörden Berichte über Ablehnung und Kritik an den jüngsten Anschlägen innerhalb der linken und linksradikalen Szene. Die Logik, mit der in dieser Szene die Frage diskutiert wird, ob und in welchem Umfang Gewalt ein legitimes Mittel ist, trage perfide Züge, sagte ein Staatsschützer. „Die Ablehnung von Gewalt erfolgt oft nur dann, wenn sie als ungeschicktes Vorgehen angesehen wird, das auf die gesamte Szene und ihre Ziele zurückfällt“, so die Erklärung des Beamten.

Grundsätzlich gelte in der Szene, Gewalt ist legitim, sie muss allerdings die Richtigen treffen. Und die Bahn ist für die gewaltbereite Linke immer ein richtiger Adressat, ganz gleich ob sie Rüstungstechnik im Auftrag der Bundeswehr oder Castoren im Auftrag der Atomindustrie transportiert. Gewalt gegen Einrichtungen der Bahn sei nicht nur legitim, sondern dringend zur Nachahmung empfohlen, hieß es unlängst in einer Szenepublikation.

Dass gewaltbereite Gruppen bevorzugt in Berlin aktiv werden, ergibt sich schon aus einem Blick auf die von den Behörden ermittelte bundesweite Präsenz der radikalen Linken. Deutschlandweit sind 6100 gewaltbereite Autonome registriert. Der Berliner Verfassungsschutz geht aktuell von etwa 1100 gewaltbereiten Personen im linksextremistischen Spektrum allein in der Hauptstadt aus– jeder sechste Autonome ist damit in Berlin aktiv.

Trotz der Bedrohung wies Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) Forderungen nach einer Aufstockung der Zahl von Polizisten zurück. Er warnte vor übertriebenen Reaktionen: Ein Bürgerkrieg solle nicht an die Wand gemalt werden, sagte er am Donnerstagmorgen im Inforadio des RBB. Und: Berlin habe bereits die höchste Polizeidichte in Deutschland.