"Goodbye Berlin"

Rund 10.000 Berliner wandern jährlich aus

Es gibt nicht nur die unzähligen Menschen aus den unterschiedlichsten Ecken der Welt, die nach Berlin ziehen, sondern auch eine Vielzahl von Hauptstädtern die auswandern und woanders ihr Glück versuchen. Morgenpost Online stellt Ihnen zwei Auswanderer vor.

Foto: picture alliance / dpa Themendie / picture alliance / dpa Themendie/dpa Themendienst

Sie werden Betreiber der Tapas-Bar um die Ecke, eröffnen einen Thai-Massage-Salon oder laden im American Diner zu Burgern und Chili Cheese Fries. Berlin ist voll von Zuwanderern aus aller Welt. Jeden Tag begegnet man ihnen. Weit weniger präsent als die Neu-Berliner sind jedoch die Berliner, die der Stadt „Goodbye Berlin“ sagen – und auswandern. So wie Carolin Möllmann und ihr Freund Erich Quass. Vor ein paar Monaten zog das Paar ins ecuadorianische Quito.

Dass es sie nach Ecuador führt, hat einen Grund. Erich Quass ist dort geboren. Da sein Großvater aus Berlin stammt, beschloss er im Jahr 2001 während seines Architektur-Studiums, nach Berlin zu gehen. Aus der Weile wurden zehn Jahre. Er machte seinen Hochschulabschluss, begann zu arbeiten und lernte Carolin Möllmann kennen und lieben. Alles in Berlin. Und mit seiner Freundin Carolin machte er jetzt den „Schritt zurück nach vorn“.

Mit ihrem Ziel liegen sie abseits des Trends. Nur wenige der Berliner Emigranten – seit 2007 immerhin 9000 bis 10000 pro Jahr – zieht es nach Südamerika. Stattdessen führen Schweiz, Spanien und Großbritannien die Rangliste bei Auswanderern an – außereuropäischer Favorit sind die USA. Die beiden „Neu-Ecuadorianer“ sind mit ihren 31 Jahren in der Altersgruppe, in der die meisten emigrieren – den 26- bis 35-Jährigen. Und auch sonst entsprechen sie dem, was in aktuellen Studien als „typische Auswanderer“ bezeichnet wird. Sie sind gut ausgebildet, kinderlos und haben Auslandserfahrung. Statistisch gesehen blieb in den letzten Jahren nur etwa ein Viertel der Berliner dauerhaft im Ausland. Die übrigen kehrten zurück, wobei sie der Heimat unterschiedlich lange fern blieben.

Ganz spontaner Entschluss

Carolin Möllmann und Erich Quass wollen mindestens drei Jahre in Ecuador bleiben, um zu entscheiden, ob es „ihr Land“ ist. „Der Entschluss zu gehen, kam spontan und hat nichts damit zu tun, dass uns unser Leben hier nicht mehr gefallen hätte“, sagen sie. Tatsächlich finden beide, dass Berlin „eine der besten Städte zum Leben“ sei. Sie hätten dort einen großen Freundeskreis und auch mit dem Job seien sie zufrieden gewesen. „Ich habe als PR-Beraterin bei einer großen Agentur gearbeitet und Erich in einem Architekturbüro“, erzählt Carolin Möllmann. Doch: „Wir wollten einfach mal für eine Weile raus aus dem Alltag – mal wieder was ganz anderes machen“, sagt Erich Quass. Ursprünglich hatten sie überlegt, für ein Jahr mit dem Work-and-Travel-Programm nach Australien zu gehen. Dann schalteten sich plötzlich die Eltern von ihm ein. „Sie meinten, wenn wir einen Tapetenwechsel bräuchten, könnten wir genauso gut zu ihnen nach Quito kommen und hier leben und arbeiten“, erinnert er sich. Ein guter Vorschlag, wie er fand, bot der Vater ihm doch an, in seine Firma einzusteigen – ein renommiertes Veranstaltungsarchitektur-Unternehmen.

„Das war Anfang Januar und wir haben es gleich allen erzählt“, sagt Carolin Möllmann. Von ihrer Familie in Lünen und Erichs Bruder und Schwester, die in Berlin und Hamburg leben, über den Freundeskreis, bis zu den Arbeitskollegen. „Natürlich sorgte es teils für Erstaunen und manche waren sehr traurig darüber, dass wir weggehen. Letztlich haben sich aber alle für uns gefreut“, sagt Carolin Möllmann. Mit Blick auf die Trennung wurde so viel Zeit wie möglich mit den Freunden und der Familie verbracht. Parallel dazu gab es jede Menge zu erledigen.

„Wir haben eine To-do-Liste gemacht und alles nach und nach abgearbeitet“, sagt Erich Quass. Zu den wichtigsten Punkten gehörten das fristgerechte Kündigen von Job, Wohnung und Verträgen, sowie die Abmeldung bei den Ämtern. Außerdem mussten sie entscheiden, wo ihr Besitz unterkommt und wie er nach Ecuador gelangt. „Wir haben fast alles verkauft und verschenkt, der Rest ging im Container nach Ecuador“, sagt Erich Quass. Im Zielland selbst gab es vor der Abreise recht wenig zu organisieren: „Dass wir erst mal bei Erichs Eltern wohnen und er bei seinem Vater arbeitet, hat alles einfacher gemacht“, sagt Carolin Möllmann. Schließlich seien weder länderübergreifende Wohnungs- noch Jobsuche nötig gewesen. Und auch die Visums-

Angelegenheiten seien unkompliziert gewesen. Erich Quass hat die uneingeschränkte Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung, deutsche Staatsbürger wie Carolin Möllmann können mit einem Touristenvisum einreisen – und erhalten diese vor Ort, sobald sie einen Job haben.

Dank der Zeitersparnis konnte sich das Paar trotz des engen Zeitfensters von nur sechs Monaten zwischen Entschluss und Abreise neben all den Vorbereitungen ihr ganz persönliches „Abschiedszeremoniell“ gönnen. „Wir haben uns gefragt, was wir unbedingt noch machen wollen, bevor wir nach Übersee ziehen“, sagen die beiden. Dies habe zu ausgiebigen „Sit-ins“ am Ufer von Spree und Landwehrkanal und Kurztrips nach Prag, London oder Lissabon geführt –„weil du von hier schnell mal für ein Wochenende hin kannst und es von Ecuador aus eine halbe Weltreise ist“, wie sie sagen.

Mittlerweile haben Carolin Möllemann und Erich Quass einige Monate in der „neuen Heimat“ Quito verbracht und sich eingelebt. Anders als bei ihrem Freund, der zwei Drittel seines Lebens hier verbracht hat, wird es bei Carolin Möllemann wohl noch dauern, bis sie sich wirklich heimisch fühlt. „Erichs Familie hat uns herzlich aufgenommen und Ecuador ist wunderschön, aber die Umstellung ist schon groß“, sagt die 31-Jährige.

Sehnsucht nach deutschem Brot

Gewöhnungsbedürftig sei etwa, dass man hier für jede noch so kleine Erledigung riesige Distanzen überwinden müsse. Oder dass es ganz alltäglich ist, dass man auf der Straße beklaut werde. Es gibt Dinge, die Carolin jetzt schon vermisst, wie „ordentliches Brot“ oder „mit dem Fahrrad zum Einkaufen fahren“. Aber es gibt auch viel Ecuadorianisches, das sie begeistere. Wie die Früchte, gegen die jene in Deutschland wie Pappe schmecken. Oder die entspannte „Mañana-mañana“-Attitüde, die sie der deutschen „Komplett-Durchtaktung“ des Alltags vorzieht, wie sie sagt.

All die kleinen „persönlichen Eigenschaften“ der beiden Länder werden wohl letztlich über Bleiben oder Gehen entscheiden. Und zwar nicht nur bei Carolin Möllmann, sondern auch bei Erich Quass, der manch „typisch deutsche“ Tugend wie Pünktlichkeit oder Genauigkeit zu schätzen gelernt hat. Erich Quass lernt gerade die ecuadorianische Arbeitswelt kennen. Und Carolin Möllemann stockt ihr Spanisch durch einen Intensivkurs auf. Parallel dazu ist sie auf Jobsuche. Gerne wieder was im PR-Bereich soll es sein, sagt sie.

Sobald sie genug Geld verdienen, wollen sie sich eine eigene Bleibe suchen. „Vielleicht bauen wir ja auch irgendwann ein kleines Haus“, sagt Erich Quass. Seine Freundin lacht. „Wobei wir dann schon Kinder kriegen müssen, die wir darin aufziehen“, sagt sie.