Neues Museum

Berliner Studenten restaurieren Grabungsfunde

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Isabell Jürgens

Foto: © JÖRG KRAUTHÖFER

In jahrelanger Arbeit haben HTW-Studenten archäologische Überreste, die bei den Grabungen am Schlossplatz gefunden wurden, aufbereitet. Zu den Funden zählen unter anderem drei Kindersärge aus dem 17. Jahrhundert. Jetzt kommen die Stücke ins Neue Museum.

Das Leben von Charlotte Luise währte nur kurz und noch ist nicht bekannt, was zu ihrem Tod im Alter von nur acht Jahren führte. Sicher ist jedoch, dass ihre adeligen Eltern das kleine Mädchen standesgemäß beisetzten. Der Sarg des Kindes, den die Archäologen bei den Ausgrabungen vor dem einstigen DDR-Staatsratsgebäude in Mitte freilegten, hat die Jahrhunderte in einer Gruft unmittelbar neben den Fundamentresten der Dominikaner-Klosterkirche immerhin in so gutem Zustand überdauert, dass es den Restaurierungsexperten der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) gelungen ist, ihn so weit aufzuarbeiten, dass er im Januar 2012 mit weiteren Funden in einer Sonderausstellung im Neuen Museum gezeigt werden kann.

Särge sind verschollen

„Ohne den Einsatz unser Studenten wären viele Informationen rund um die Funde vermutlich verloren gegangen“, sagt Alexandra Jeberien, Professorin im Studiengang „Konservierung und Restaurierung/Grabungstechnik“. Tausende Arbeitsstunden in den Restaurierungsstudios der Hochschule an der Wilhelminenhofstraße in Oberschöneweide waren erforderlich, so die Professorin, bis die Ende 2008 bei archäologischen Grabungen auf dem Berliner Schloßplatz entdeckten vier Särge eingemessen, dokumentiert, untersucht, freigelegt und restauratorisch behandelt waren.

Eigentlich hatten die Archäologen gehofft, an dieser Stelle die Überreste der Särge der drei Kurfürsten Johann Cicero, Joachim I. und Joachim II., die seit rund 260 Jahren als verschollen gelten, zu finden. Bis Ende dieses Jahres haben die Forscher Zeit für die Suche, doch vermutlich bleiben die drei unauffindbar, denn schon 2012 beginnen die Vorbereitungen für den Bau des Humboldt-Forums und die Archäologen müssen abrücken. Statt der Kurfürsten entdeckte das Team um Grabungsleiter Michael Malliaris südwestlich der 1747 abgerissenen Kirche jedoch eine bis dahin ungestörte Gruft mit insgesamt 18 Bestattungen von sechs Erwachsenen und zwölf Kindern, die etwa ab 1680 dort beigesetzt worden waren. Die Archäologen suchten vier zur weiteren Untersuchung geeignete Särge aus. „Wir haben diese Särge rundum abgegraben, Holzkästen drumherum gebaut, Eisenplatten untergeschoben und das Ganze mit dem Lkw zur Hochschule gefahren“, sagt Malliaris. Dort warteten schon die Studenten. Marianne Landvoigt war eine von ihnen.

Inschrift eingehämmert

Mit ihren Kommilitonen übernahm sie einen der drei angelieferten Kindersärge. Stück für Stück befreiten sie unter Anleitung ihrer Dozenten den Fund von Sand und Lehm, bis schließlich die Überreste des längst eingesunkenen Sargdeckels freilagen. Auf den mit Ziegenleder bespannten Eichenplanken tauchte nach und nach die mit vergoldeten Messingnägelchen eingehämmerte Inschrift auf: „Carolota Ludovica De Canitz“. Die Eltern hatten der Mode folgend die latinisierte Form des Namens Charlotte Luise von Canitz gewählt.

Auch die Knochen des Kindes bargen sie. Diese wurden jedoch – wie auch die Skelette aus den anderen angelieferten Särgen – zur weiteren Untersuchung an einen Anthropologen nach Thüringen übersandt. „Vielleicht gelingt es ihm zu entschlüsseln, woran das Kind gestorben ist“, hofft die Studentin, die gut anderthalb Jahre an dem Sarg gearbeitet hat. Immerhin haben die Studenten mit ihrer akribischen Forschungsarbeit nicht nur den Namen, sondern auch Geburts- und Sterbedatum des Kindes ermittelt, die an den Seitenplanken des Sarges angebracht waren: 1. Juli. 1684 bis 28. 2. 1692. Der 25-Jährigen und ihren Mitstreitern ist es zu verdanken, dass die Holz-, Leder- und Textilreste so konserviert wurden, dass sie nun im Museum ausgestellt werden können. „Das Holz und die Lederbespannung sind für einen 300-jährigen erdfeuchten Bodenfund eigentlich erstaunlich gut gewesen“, sagt die Restaurationsexpertin Alexandra Jeberien. Dennoch sei es eine unendlich mühsame und komplexe Arbeit gewesen, die die rund 60 Studenten, die im Laufe der vergangenen fünf Semester an den Särgen gearbeitet hätten, leisten mussten. In dem kleinsten der Kindersärge war übrigens ein weiteres Kind der Familie von Canitz beigesetzt worden: Charlottes Schwester Hedwig Sophie starb im Alter von nur zwei Monaten. Der dritte Kindersarg dagegen diente dem Spross einer weiteren Adelsfamilie als letzte Ruhestätte: Den Inschriften zufolge ruhte dort Heinrich von Brandt. Er wurde elf Jahre alt.

In dem einzigen Metallsarkophag, den die Studenten zur Analyse bekamen, fanden sich die Überreste eines einst mächtigen Mannes am Hofe des Kurfürsten: Konrad Alexander Magnus von Burgsdorff, der als Geheimrat und Oberkommandant aller Brandenburger Festungen erheblichen Einfluss genoss. Konrad von Burgsdorff starb 1652 im Alter von 57 Jahren. Die Forscher vermuten, dass der Adelige zunächst in einer Gruft innerhalb der ehemaligen Domkirche beigesetzt wurde, aus Platzgründen aber zu einem späteren Zeitpunkt bei den Nachkommen der Familien Burgsdorff und von Canitz in seinem aufwendigen Sarkophag aus einer Blei-Zinn-Legierung zu seiner vorläufig letzten Ruhe gebettet wurde.