U-Bahnopfer

Giuseppe M. unter großer Anteilnahme beigesetzt

Freunde und Verwandte haben auf dem Waldfriedhof in Dahlem Abschied von Giuseppe M. genommen. Der 23-Jährige war vor zwei Angreifern aus einem U-Bahnhof geflohen, in Panik vor ein Auto gelaufen und tödlich verletzt worden.

Es ist ein schlichter heller Holzsarg, der in der kleinen Kapelle auf dem Waldfriedhof in Dahlem aufgebahrt ist. Der Boden davor hat sich in ein Meer aus Blumen, Kerzen und Kränzen verwandelt. „Ultimo saluto“ – letzter Gruß, steht auf einem der Kränze. Die Kapelle am Hüttenweg ist an diesem Freitagvormittag bis auf den letzten Platz belegt. Knapp 300 Menschen sind gekommen, um sich von Giuseppe M. zu verabschieden.

Der 23-Jährige mit italienischen Wurzeln war in der Nacht zum 17.September auf der Flucht vor mutmaßlichen U-Bahn-Schlägern am Kaiserdamm tödlich verunglückt.

Die Anteilnahme ist so groß, dass die Flügeltüren der Kapelle weit geöffnet sind und noch einmal mehrere Dutzend Trauernde Sicht auf die Feier bekommen. Einige von ihnen halten weiße Rosen in den Händen. Viele tragen Sonnenbrillen, um ihre Augen dahinter zu verstecken. Es sind vor allem junge Menschen, Freunde und Bekannte von Giuseppe, die an diesem Tag nach Dahlem gekommen sind. Sie wollen trotz des Schmerzes Abschied nehmen. Und es scheint, als wollten sie auch der Familie zeigen, dass sie in diesen schweren Tagen nicht alleine ist.

Auch der Bruder ergreift das Wort

„Er wollte die Welt ein Stück verbessern“, sagt Rabbiner Andreas Nachama, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, in seiner bewegenden Trauerrede. Er versucht, den Angehörigen Trost zu spenden. „Wir glauben an das ewige Leben der Seele“, sagt er. Giuseppe habe während seines Lebens, wie jetzt auch die große Anteilnahme an seinem Tod zeige, „die Herzen vieler Menschen bewegt“. Nach Andreas Nachama ergreift Giuseppes älterer Bruder, Velin M., das Wort. Dem 28-Jährigen fällt es sichtlich schwer, sich zu sammeln und seine Trauer in Worte zu fassen. Tränen stehen in seinen Augen. In einer sehr emotionalen Rede spricht er über die innige Beziehung zu seinem Bruder und dankt für die Anteilnahme. „Normalerweise ist der älteste Bruder immer ein Vorbild für seine jüngeren Geschwister“, sagt er. „Jetzt ist Giuseppe mein Vorbild.“

Auch Giuseppes bester Freund Raoul S. spricht zu den Trauernden. Er war in der Unglücksnacht mit Giuseppe unterwegs. Er berichtet von der gemeinsamen Schulzeit, einem Urlaub in Italien und den vielen geteilten Erlebnissen.

Nach der rund 40-minütigen Gedenkfeier setzt sich der Trauermarsch in Gang. Durch ein dichtes Spalier aus Menschen tragen sechs Männer den Sarg bis zu der Grabstätte. Giuseppes Mutter kann den Tod ihres Sohnes immer noch nicht fassen. Sie bricht in Tränen aus. Familienmitglieder stützen sie. Auch am Grab nehmen sich Familie und Freunde immer wieder in die Arme. Der Schmerz über den Verlust ihres Freundes, Sohnes und Arbeitskollegen zeigt sich in ihren Gesichtern. Unter die Trauer mischt sich aber auch Wut. Giuseppe habe sterben müssen, weil er in den Augen seiner Angreifer fremd gewirkt habe, vermuten viele.

Tod am Kaiserdamm

In der Nacht zum 17. September sind Giuseppe und sein Freund Raoul S. mit der U-Bahn auf dem Weg nach Hause. Im U-Bahnhof Kaiserdamm treffen sie auf Ali T. (21) und Baris B. (22). Die beiden türkischstämmigen jungen Männer aus Neukölln sind betrunken und in einer aggressiven Stimmung. Einer der beiden baut sich vor Giuseppe bedrohlich auf und verlangt nach Zigaretten. Irgendwann muss es dann zu Pöbeleien und bald darauf zu einer Prügelei gekommen sein. Giuseppe M. und Raoul S. rennen davon. Während sich der 22-Jährige in Sicherheit bringen kann, rennt Giuseppe in Panik auf den Kaiserdamm.

Offenbar achtet er in seiner Angst nicht auf den Verkehr. Ein roter VW Sharan prallt frontal auf Giuseppe und schleudert ihn gegen eine Ampelanlage. Durch die Wucht des Aufschlags bricht sie aus der Fassung. Noch am Unfallort versucht sein Freund, Giuseppe wiederzubeleben. Doch vergeblich. Der 23-Jährige stirbt noch am Kaiserdamm.

Am selben Abend stellen sich Ali T. und Baris B. dann der Polizei. Sie geben zu, in den Fall verwickelt gewesen zu sein, bestreiten aber, am Tod von Giuseppe verantwortlich zu sein. Die beiden sind bereits wegen Diebstahls, gefährlicher Körperverletzung und mehrerer Raubüberfälle bei der Polizei bekannt. Einen Tag später erlässt ein Richter Haftbefehle wegen des Verdachts auf Körperverletzung mit Todesfolge.

Ein dritter mutmaßlicher Beteiligter stellt sich am darauffolgenden Montag der Staatsanwaltschaft. Er wird aber nur als Zeuge vernommen. Knapp zwei Wochen nach dem Unglück kommt Baris B. aus der Untersuchungshaft frei. Eine Rekonstruktion des Vorfalls hatte ergeben, dass er nicht an der Hetzjagd beteiligt war. Dennoch wird gegen ihn wegen Körperverletzung ermittelt. Ali T. hingegen bleibt weiterhin in U-Haft.