Illegale Arzneimittel

Kriminelle fälschen bevorzugt Viagra

Der Handel mit gefälschten Arzneimitteln boomt in Deutschland. Auch die Hauptstadtregion gerät ins Visier der organisierten Banden und entwickelt sich zum Hauptumschlagplatz.

Foto: David Heerde

Es ist ein riesiger Berg von Postsäcken, der sich da auftürmt: Insgesamt 25 Stück mit mehreren Hunderttausend gefälschten Tabletten hat das Zollfahndungsamt Berlin-Brandenburg am Mittwoch der Öffentlichkeit präsentiert. Die Säcke sind das Ergebnis eines erfolgreichen Schlags gegen den organisierten Handel mit illegalen Arzneimitteln.

Ein aufmerksamer Zollfahnder am Leipziger Flughafen hatte während einer Routinekontrolle einen der Säcke geöffnet und war auf den brisanten Inhalt gestoßen. Die Tabletten, die in den rund 1000 Päckchen steckten, waren alle für den deutschen Markt bestimmt. Den Wert der sichergestellten Menge schätzen Zollfahnder auf rund 60.000 Euro.

Bundesweit wächst der Handel mit illegalen Arzneimitteln, der Großteil wird über das Internet vertrieben. Im Jahr 2010 stellte der deutsche Zoll mehr als zehn Millionen gefälschter Tabletten sicher. Zusätzlich beschlagnahmten die Fahnder 14,5 Millionen Ampullen mit Anabolika. „Berlin ist dabei nach Frankfurt/Main einer der Hauptumschlagplätze“, sagte der Sprecher des Zollfahndungsamtes Berlin-Brandenburg, Norbert Scheithauer.

Potenzmittel, Blutdrucksenker

Gefälscht wird alles, was Gewinn verspricht. In der Regel werden jedoch besonders häufig die Potenzmittel „Viagra“ von Pfizer, „Cialis“ von Lilly Pharma oder „Levitra“ von Bayer nachgemacht. Die Banden fälschen jedoch auch Schlankheitspräparate, Blutdrucksenker, Medikamente gegen Parkinson oder anabole Steroide. Offizielle Zahlen über das Marktpotenzial gibt es keine. Dennoch gehen die Fahnder davon aus, dass die Region Berlin/Brandenburg immer stärker ins Visier der organisierten Kriminalität gerät. Hinweise sind zum einen die sichergestellten Mengen an gefälschten Präparaten. Zum anderen werden in Berlin immer wieder Produktionsstätten entdeckt. „Die Täter haben sich mittlerweile hier niedergelassen“, sagt Scheithauer. Darüber hinaus gilt Berlin als internationales Drehkreuz für den Schmuggel von Arzneimitteln nach Westeuropa und Skandinavien.

Für die Verbraucher kann der Konsum der gefälschten Arzneimittel schwere gesundheitliche Folgen haben. Denn die Mittel sind oft falsch dosiert, enthalten keinen oder den falschen Wirkstoff und sind häufig unter unhygienischen Bedingungen hergestellt worden. Der Pharmakonzern Pfizer kennt Fälle, bei denen die Fälscher Schmerzmittel mit Straßenfarbe, Borsäure und Bodenreiniger versetzt hatten. In einem anderen Fall beschwerte sich ein Patient, dass seine Bluthochdruck-Tabletten auf einmal zerbröselten. Tests ergaben, dass die Tabletten nur Talkpuder enthielten.

Die Arbeit der Ermittler ist schwierig, das Geschäft undurchsichtig. Und die Hintermänner sind nur schwer zu fassen. Dennoch ist Fahndern im Mai vergangenen Jahres ein großer Ermittlungserfolg gelungen. Während eines Zugriffs gegen eine Fälscherbande in Lichtenberg konnten die Ermittler in einer 120 Quadratmeter großen Lagerhalle neben umfangreichen Mengen Herstellungs- und Verpackungsmaterial 50 Kilogramm Substanzen zur Herstellung von Amphetamin beschlagnahmen. Mit der Menge hätten rund 50.000 Tabletten produziert werden können.

Nur wenig später entdeckten Ermittler in einer Wohnung eines 21-jährigen Deutschen in Bernau ein illegales Labor zur Herstellung von Dopingmitteln. Insgesamt stellten die Beamten über 130 Ampullen verbotener Substanzen und 340 Gramm pulveriges Testosteron sicher. Die Ampullen waren bereits verkaufsfertig verpackt und mit Namensaufklebern versehen worden. Bei den Ermittlungen stießen die Experten schließlich auf eine Internetseite, über die der Mann die Mittel verkaufte.

100.000 Euro Umsatz pro Monat

Ein weiterer Hinweis für die zunehmende Konzentration der Arzneimittelfälscher ist ein seit 2008 geführtes Ermittlungsverfahren des Zollfahndungsamtes Berlin-Brandenburg. Unter dem Namen „Männerapotheke“ versuchen die Fahnder mit der Staatsanwaltschaft Potsdam, Täter zu überführen, die über Versandapotheken im Internet Potenzmittel und Schlankheitspräparate verkaufen. Der Markt scheint riesig zu sein. „Bislang haben wir schon rund 75000 Gigabyte an Beweismitteln gesammelt und stoßen schon jetzt an unsere Grenzen“, sagt ein Ermittler. Die Strukturen sind meist ähnlich. Der Produzent der gefälschten Ware beschäftigt mehrere Helfer für Lagerung, Versand und die IT. Vertrieben werden die Arzneimittel über Hunderte Internetportale. Für die Betreiber dieser Plattformen ist das ein lohnendes Geschäft. Nach Angaben der Ermittler locken die Kriminellen mit Verkaufsprovisionen zwischen 25 und 40 Prozent. Die Gewinnmargen sind gigantisch, da eine Tablette in der Produktion gerade einmal 25 Cent kostet. Ein guter Verkäufer kann so im Monat bis zu 100.000 Euro verdienen.