Urteil erwartet

El-Halabis Stiefvater drohen sieben Jahre Haft

Am Moabiter Kriminalgericht fällt am Montag das Urteil gegen den Stiefvater der Boxerin Rola El-Halabi. Er hatte ihr vor einem Kampf in Karlshorst in Hand und Beine geschossen. Angeblich weil er sich bedroht fühlte.

Es geschah am Ende ihrer Aussage. Rola El-Halabi, zweifache Profi-Weltmeisterin im Boxen, saß noch auf dem Zeugenstuhl. „Und wie geht es mit Ihnen jetzt weiter?“, fragte der Vorsitzende Richter Thomas Groß. Statt zu antworten, hob die 26-Jährige ihre rechte Hand – der Mittelfinger war nach vorn gekrümmt, der Zeigefinger abgespreizt. Die Hand zur Faust zu ballen, war unmöglich. „Was wird nun mit dem Boxen?“, wollte der Richter wissen. Und Rola El-Halabi antwortete mit brüchiger Stimme: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Eine junge Frau, die bei ihrer Aussage unglaublich gefasst wirkte. Die vor dem Angeklagten stark sein wollte. Und die jetzt, in diesen letzten Sekunden, bevor sie den Gerichtssaal verließ, nun doch noch zu weinen begann.

In dem Prozess, in dem am Montag im Moabiter Kriminalgericht das Urteil gesprochen wird, sitzt Rola El-Halabis Stiefvater, Hicham El-Halabi, auf der Anklagebank. Ein kräftig wirkender Mann, der immer ein wenig traurig wirkt, aber gleichzeitig auch wachsam und sichtbar angespannt, als wolle er sich kein Wort entgehen lassen. Dank seiner Hilfe wurde Rola El-Halabis Karriere erst möglich. Aber er war es dann auch, der diese Karriere vermutlich für immer zerstörte.

Rola war noch ein Baby, als ihre Eltern 1985 aus dem Libanon nach Deutschland flohen. Sie bekamen in Ulm eine Wohnung. Drei Jahre später verließ der Vater die Familie. Die Mutter lernte einen neuen Mann kennen: den gelernten Goldschmied Hicham El-Halabi, von allen Roy genannt. Auch er ein gebürtiger Libanese. Auch er seit 1985 in Deutschland. Er warb um die Mutter, zeigte sich als fürsorglicher, einfühlsamer Mann, der alles für seine neue Familie tat und Rola und ihre drei Jahre jüngere Schwester sogar adoptierte.

Als Rola neun Jahre alt war, fuhr Hicham El-Halabi mit ihr in die Nachbarstadt Neu-Ulm zu einem Box Gym. Er überredete einen Trainer, das scheu wirkende Mädchen zu trainieren. Es werde in der Schule gehänselt, sagte er, und es wäre doch gut für ihr Selbstbewusstsein, hier zu lernen, sich zu wehren. Der Trainer weigerte sich zunächst, erkannte aber schnell das Bewegungstalent des Mädchens. Rola trainierte zunächst Kickboxen. Mit 16 wurde sie baden-württembergische Meisterin. Mit 18 errang sie den Pokal für den Titel deutsche Meisterin im Leichtgewicht, jetzt schon bei den richtigen Boxerinnen. 2007 ging sie zu den Profis, verlor keinen einzigen ihrer elf Kämpfe, gewann sechs Mal durch K. o.

Hicham El-Halabi galt jahrelang als größter Förderer seiner Stieftochter, als ihr Manager, Berater, Beschützer. Auch Rola sah das so: „Der größte Dank geht an meine wundervolle Familie, die zu hundert Prozent hinter mir steht und mich bei allem unterstützt“, schrieb sie im März 2010 nach einem gewonnenen Kampf auf ihrer Website. Ihr Dank gelte „vor allem meinem Papa, der das alles möglich macht“. Und Papa – das war kein anderer als Hicham El-Halabi.

Rola war schon Profi-Weltmeisterin zweier Boxverbände, als sie am 1. April dieses Jahres in der Halle an der Trabrennbahn Karlshorst gegen die Bosnierin Irma Balijagic-Adler ihren WM-Titel im Leichtgewicht verteidigen wollte. Doch inzwischen war viel passiert. Es begann – zumindest für Rola – mit etwas sehr Schönem: Sie war 25 und traf im Mekong Box Gym in Neu-Ulm auf ihre große Liebe. Kosta P. war drei Jahre älter sie, kam aus Griechenland. Er arbeitete als Gastwirt in Ulm. Und er war verheiratet, lebte aber von seiner Frau getrennt. „Er war der erste Mann, mit dem ich mir was Festes vorstellen konnte“, sagte Rola El-Halabi vor Gericht. Sie und Kosta, der inzwischen geschieden ist, sind verlobt.

Rola ahnte damals wohl schon, wie der Stiefvater reagieren könnte. Sie konnte kaum noch trainieren, wurde krank, erlitt Ohnmachtsanfälle, für die es zunächst keine Erklärung gab. Als sie dem Stiefvater schließlich von Kosta erzählte, war Hicham El-Halabi außer sich. „Ich habe zu ihr gesagt: Du hast mich monatelang hintergangen. Ein verheirateter Mann – du bist charakterlos und gewissenlos“, erinnert er sich vor Gericht. „Und ich habe gesagt: Meinen Segen hast du nicht!“

Doch die Tochter reagierte nicht, wie er es hoffte. Und seitdem war alles anders. Hicham El-Halabi war nicht mehr zu beruhigen. Anfang Dezember versuchte Rola, ihren Stiefvater bei einem Treffen in einer Ulmer Bäckerei noch einmal zu überreden, sich wieder vernünftig zu verhalten und ihre Beziehung zu Kosta zu akzeptieren. Als der Stiefvater ablehnte und weiterhin harsch die Trennung von dem verheirateten Gastwirt forderte, zog sie einen Schlussstrich: „Schade“, sagte sie, „aber dann können wir auch geschäftlich nicht mehr zusammenarbeiten.“

Das verschlimmerte die Situation. Hicham El-Halabi verbreitete Schmähtexte im Internet, verprügelte Kosta P., verließ die Ehefrau, weil die es mit ihm nicht mehr aushalten konnte. Er soll dann auch mehrfach Drohungen geäußert haben, dass er die Tochter und ihren Geliebten zu Krüppeln machen wolle. Es gibt Zeugen dafür: eine Familientherapeutin, einen Cousin von Rola El-Halabis Mutter und auch Rola selbst. Er habe sie am 11. März 2011 bei einem zufälligen Treffen in einem Café auf den geplanten Weltmeisterschaftskampf angesprochen, gab sie vor Gericht zu Protokoll. Er habe gesagt: „Glaubst du wirklich, ihr kommt heil nach Berlin, du und dein Team? Glaubst du wirklich, du kommst heil in den Ring?“

Am 1. April waren Rola El-Halabis Begleiter also schon gewarnt, dass es mit dem Stiefvater Probleme geben könnte. Sie hatte zwei Bodyguards dabei. Und gegen 22.50 Uhr erschien Hicham El-Halabi dann auch wirklich in der Halle an der Trabrennbahn Karlshorst. Wenige Minuten vor Beginn des geplanten WM-Kampfes. In der Tasche eine scharf geladene Pistole. Einer der Bodyguards sagte vor Gericht aus, Hicham El-Halabi habe sich immer wieder in die Kabine seiner Stieftochter Rola drängen wollen, die dort schon mit Boxhandschuhen saß, umgeben vom Trainer, einem Physiotherapeuten und einem Arzt. „Lasst mich zu ihr, ich will ihr doch nur zwei Worte sagen“, soll Hicham El-Halabi mehrfach zu den Bodyguards gesagt haben. Er stieß sie schließlich beiseite. Ein Mitarbeiter eines Security-Dienstes, der den Streit zunächst aus der Entfernung beobachtete, versuchte, ihn von hinten festzuhalten. Und plötzlich war die Pistole im Spiel. Hicham El-Halabi gab mehrere Schüsse ab. Der erste ging in die Decke, der zweite traf einen Bodyguard in der Hüfte, der dritte den Security-Mitarbeiter im Oberschenkel.

Als er die Bewacher auf diese Art ausgeschaltet hatte, stürzte Hicham El-Halabi in die Kabine seiner Stieftochter und brüllte ihre Begleiter an, sie sollten sofort den Raum verlassen – was diese angesichts der Pistole auch sofort taten.

Vor Gericht schilderte die junge Frau, wie sie vergeblich versuchte, den Stiefvater zu besänftigen. Wie er ihr zunächst in die Hand und in den Fuß schoss, die Waffe durchlud und dabei sagte: „Du hast alles kaputt gemacht. Jetzt siehst du, wohin du mich getrieben hast.“ Und wie er sie „eiskalt anschaute“ und nochmals schoss – diesmal in das linke Knie und in den anderen Fuß. Sie habe dann am Boden gelegen, nicht mehr aufstehen können, aber weiterhin versucht, auf den Stiefvater beruhigend einzureden, sagte sie. Als die Polizei den Raum stürmte, ließ sich Hicham El-Halabi widerstandslos festnehmen.

Er habe der Tochter vor dem wichtigen Kampf eigentlich nur Mut zusprechen wollen, behauptete Hicham El-Halabi vor Gericht. „Ich wollte ihr sagen: Rola, es ist Scheiße, was du gemacht hast, aber ich wünsche dir trotzdem alles Gute!“ Als er den Raum betrat, habe er sich jedoch plötzlich bedroht gefühlt. Rola habe die Schlaghand ausgestreckt. Und er sagte dann auch: „Ich war nicht mehr ich selbst. Ich weiß nicht, warum ich geschossen habe.“

Oberstaatsanwalt Ralph Knispel forderte eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren und zehn Monaten . Bisher sei ungewiss, ob die Boxerin bleibende körperliche Schäden behalte. Ihre behandelnden Ärzte und auch der Gerichtsmediziner gehen jedoch davon aus, dass der jungen Frau wieder ein normales Leben möglich sein werde. „Unklar ist jedoch“, so Knispel, „ob sie jemals wieder in den Boxring steigen kann“.

Hicham El-Halabi trug bei seinen sogenannten letzten Worten mit tränenerstickter Stimme vor: „Leider ist es geschehen. Ich kann es nicht zurücknehmen.“