Hauptstadtflughafen BER

Lufthansa greift in Berlin die Billigflieger an

Die Fluggesellschaft stockt ab Juni 2012 kräftig auf. Künftig sollen 15 statt neun Flugzeuge ständig in Berlin stationiert sein, 500 neue Mitarbeiter sollen eingestellt werden. Um im Wettbewerb bestehen zu können, bietet die Lufthansa Tickets ab 49 Euro ein – und bezahlt Crew-Mitglieder schlechter.

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Die Lufthansa stockt ihr Angebot von Berlin mit Eröffnung des Hauptstadtflughafens BER deutlich auf. Die Airline will künftig 38 statt bisher acht Ziele aus Berlin anfliegen. Zugleich greift der deutsche Marktführer die Billigflieger an.

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Wenn der neue Hauptstadtflughafen „Willy Brandt“ (BER) am 3. Juni 2012 offiziell in Betrieb geht, dann will die Lufthansa auf keinen Fall übersehen werden. Deutschlands Luftverkehrs-Marktführer geht an diesem Tag mit seinem Flaggschiff, einem nagelneuen A380, an den Start. Der Airbus, der zuvor den Namen „Berlin“ erhalten wird, soll als eine der ersten Maschinen von der neuen Startbahn in Schönefeld abheben. Unter den Passagieren des Flugs nach Frankfurt werden dann auch Berliner Kinder sein, die noch nie in ihrem Leben geflogen sind, kündigte Lufthansa-Vorstand Carsten Spohr am Mittwoch bei der Vorstellung der Pläne für Berlin an.

Danach soll die Präsenz der Airline in der Bundeshauptstadt machtvoller ausfallen als bisher. Lufthansa will dazu erheblich mehr Ziele von Berlin aus direkt anfliegen: Statt der aktuell acht wird es ab Juni nächsten Jahres immerhin 38 Nonstop-Verbindungen geben. Darunter Ziele, die – wie Valencia, Bologna oder Birmingham – ohne Umsteigen von Berlin aus per Flugzeug derzeit nicht erreichbar sind:

Rechnet man die Angebote der Lufthansa-Töchter Germanwings, Swiss, Austrian oder Brussels Airlines sowie der Star-Alliance-Partner hinzu, so wird das Luftfahrtbündnis insgesamt 49 Ziele von Berlin aus anfliegen.

Damit schließt Lufthansa zumindest etwa zum bisherigen Platzhirsch, der Air Berlin, auf, die nonstop mehr als 70 Ziele von Berlin aus anfliegt (darunter New York, Los Angeles, Miami und Dubai). Wer nun darauf hoffte, dass auch die Lufthansa künftig von der deutschen Hauptstadt wieder Interkontinentalflüge anbieten wird, der wurde indes enttäuscht. Ziele in Amerika und Asien werden von Lufthansa weiterhin nur von ihren Drehkreuzen Frankfurt/M. und München sowie von Düsseldorf aus angeboten. Lediglich Tel Aviv und Beirut nahmen sie als neue außereuropäische Ziele von und nach Berlin in ihren Flugplan 2012 mit auf.

Lufthansa-Vorstand Spohr kündigte jedoch an, dass ein Jahr nach Eröffnung des BER geprüft werde, ob auch ein USA-Direktflug noch dazukommen könnte. Als denkbare Ziele nannte Spohr New York, Washington oder Chicago – in jedem Fall werde es ein Drehkreuz des Star-Alliance-Partners United Airlines sein. Die US-Fluggesellschaft fusioniert gerade mit Continental Airlines, die aktuell von Tegel direkt nach New York (Newark) fliegt.

500 neue Mitarbeiter in Berlin

Trotz der Beschränkung bei Interkontinental-Verbindungen will die Lufthansa im Luftverkehrsmarkt Berlin-Brandenburg künftig „überproportional“ wachsen. Dazu baut die Airline mit dem Kranich ihre Kapazitäten am künftigen Großflughafen in Schönefeld gegenüber den bisherigen Aktivitäten in Tegel erheblich aus. So will die Lufthansa künftig 15 statt bislang neun Flugzeuge ständig in Berlin stationieren. Zugleich wird die Zahl der Arbeitsplätze in Berlin von 3500 auf 4000 aufgestockt. Die Maschinen in Schönefeld sollen dabei nicht älter als zwei Jahre alt sein und allesamt zur A320-Familie gehören. Sie sind also der Fuhrpark für die vielen neuen Direktverbindungen von und nach Berlin. Mit dieser Flotten-Strategie will die Lufthansa vor allem Kosten sparen. Dies ist wiederum die Grundlage für die forsche Preis-Strategie, mit der die Lufthansa ihren Marktanteil von aktuell 25 Prozent in Berlin kräftig erhöhen will.

Die Erkenntnis der Lufthansa-Manager: Nirgendwo in Deutschland sind die Fluggäste „preissensibler“ als in Berlin. Das heißt, beinahe wie im Supermarkt wird der Wettbewerb um den Kunden vor allem über den Preis entschieden. Als Konsequenz daraus geht die Airline in Berlin nun mit einem derzeit einzigartigen Angebot an den Start – mit einem Inklusivpreis für einen einfachen Flug von nur 49 Euro. Bislang kosten One-Way-Tickets im günstigsten Fall 59 Euro, Hin- und Rückflug gibt es ab 99 Euro. Mit dem „Einstiegspreis“ von 49 Euro will Lufthansa offenbar vor allem für die vielen Städtereisenden attraktiv werden, die einerseits aus ganz Europa gern nach Berlin kommen, aber auch die Berliner, die überdurchschnittlich gern verreisen. Gerade die Jüngeren unter ihnen bescherten in der Vergangenheit Billigfliegern wie Easyjet und Ryanair kräftige Zuwächse. Doch auch für Air Berlin, die derzeit jeden dritten Passagier in Tegel oder Schönefeld befördert, dürfte das aktuelle Lufthansa-Angebot eine echte Kampfansage sein.

Crews werden schlechter bezahlt

Um dennoch wirtschaftlich zu bleiben, fährt die Lufthansa eine weitere neue Strategie. Das für die neuen Flugverbindungen benötigte Personal – 130 Piloten, 200 Flugbegleiter, 170 Kräfte am Boden – wird von einem externen Dienstleister eingestellt. Sie sollen dann zwar nach Lufthansa-Standards ausgebildet, jedoch nicht so gut bezahlt werden. Abstriche soll es speziell in der Altersversorgung geben, kündigte Projektleiter Josef Bogdanski an. Unterm Strich bringe das einen Kostenvorteil gegenüber den Lufthansa-Standorten Frankfurt oder München von 20 Prozent. Zudem sollen alle Neuen zunächst nur einen befristeten Vertrag erhalten. Die Gewerkschaft der Flugbegleiter (Ufo) kündigte gegen diese als Leiharbeit bezeichnete Beschäftigungsform bereits Widerstand an. Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit erklärte, dass es bei der Lufthansa keinen zweiten Billigtarif für Piloten geben werde.