Falling Walls Conference

In Berlin fallen die Mauern der Physik

Der Physiker Jean-Luc Lehners will die Mauern der Zeit überwinden und forscht am Albert-Einstein-Institut in Golm nach dem Ereignis vor dem Urknall. Am Tag des Mauerfalls machten sich Berliner auf einem Forschungsgipfel Gedanken über künftige Durchbrüche.

Foto: Christian Hahn

600 Menschen schauen unter ihren Stuhl. „Zehn von ihnen werden eine Zimbel unter ihrem Sitz finden“, sagt der junge Mann mit den roten Haaren auf der Bühne zu seinem Publikum. Zehn Zuhörer halten die Instrumente in die Höhe. Jean-Luc Lehners lässt einen von ihnen die Zimbel schlagen. „Das ist der Urknall, den wir uns als Anfang der Zeit vorstellen“, sagt der Physiker, „aber ich muss Ihnen leider sagen, diese Vorstellung ist sehr wahrscheinlich falsch.“ Lehners lässt nun alle zehn Zimbeln anschlagen. „Es hat wahrscheinlich unzählige Urknalle gegeben“, sagt der 33-Jährige. Seine Forschungen bringen die gängige Idee vom Beginn der Zeit zu Fall.

Mittwochvormittag im Radialsystem in Friedrichshain. Es ist der Tag des Mauerfalls und hier, auf dem ehemaligen Grenzstreifen, erzählen 16 herausragende Wissenschaftler aus aller Welt und allen Disziplinen, welche Mauern als nächste fallen werden – im übertragenden Sinne natürlich. Zum dritten Mal findet die „Falling Walls Conference“ statt, organisiert vom Unternehmer Sebastian Turner. Die Veranstaltung, die „die Faszination der Wissenschaft freilegen“ soll, hat es in kurzer Zeit zu erstaunlichem Ruf gebracht. Die Kanzlerin hält ein Grußwort, die Liste der Redner ziert unter anderem Chemie-Nobelpreisträger Aaron Ciechanover.

Dabei werden bei dieser Konferenz keine zähen Vorträge für Fachleute gehalten. „Bei uns reden Akademiker zu ihrem Publikum wie zu Freunden“, sagt Turner. Jeder Forscher hat nur eine Viertelstunde, um möglichst anschaulich zu erklären, an welchem Durchbruch er gerade arbeitet.

Überflieger der theoretischen Physik

Jean-Luc Lehners ist mit seinen 33 Jahren einer der jüngsten Redner. Lehners forscht am Albert-Einstein-Institut außerhalb Potsdams in Golm. Seit einem Jahr ist der Luxemburger dort, mitgebracht hat er ein knapp 1,2 Millionen Euro schweres Forschungsprojekt. Lehners leitet die Arbeitsgruppe „Stringkosmologie“ mit fünf Mitarbeitern. Er ist eine Art Überflieger der theoretischen Physik. Vor Potsdam hat er in Princeton und Cambridge geforscht.

Sein Arbeitszimmer in Golm ist winzig. Vielleicht zwei mal vier Meter misst es, ein Tisch passt hinein, ein schmales Regal, zwei Stühle, ein PC. Der wichtigste Gegenstand im Raum ist eine Tafel. Sie hilft ihm beim Denken und beim Rechnen. Seinen Computer braucht Lehners vor allem, um Mails zu schreiben. In der Forschung ist der PC ihm keine große Hilfe, denn was Jean-Luc Lehners erforscht, kennt und weiß und kann kein Computer.

Lehners will die Mauern der Zeit überwinden. „Der Urknall war nur ein Ereignis, es gab vorher schon etwas“, sagt er. „Die Frage ist natürlich, was.“ Um sich diesem großen Rätsel zu nähern, untersucht er die beim Urknall entstandenen Temperaturschwankungen in der sogenannten kosmischen Hintergrundstrahlung, die mit Hilfe von Satelliten gemessen werden kann. Aus den Messungen ergibt sich eine Art Bild des frühen Universums. „Ein Kinderfoto“ des Alls nennt es der Physiker. Er sucht darin nach mathematischen Mustern. So versucht er zu zeigen, dass die gemessenen Temperaturschwankungen nicht auf ein einziges Ereignis wie einen Urknall zurückgerechnet werden können, „sondern auf Millionen von Urknällen“.

Wie die Dinge zusammenhängen

Die Hälfte der Arbeitszeit verbringe er damit zu überlegen, wie die Messdaten zu deuten sein könnten, die andere Hälfte mit Rechnen, sagt Lehners. Auf seinem Schreibtisch liegt ein Schulheft mit karierten Seiten, sie sind bedeckt mit langen Reihen fremd aussehender Zeichen. „Da habe ich sogar mal besonders ordentlich geschrieben“, sagt der junge Mann, lacht und blättert durch das Heft. Durchgestrichen ist darin nichts, mehrere Seiten lang ist eine Rechnung, sie sieht aus wie eine Geheimsprache aus einem Dan-Brown-Roman. Auch die Wandtafel ist über und über bedeckt von einschüchternden Gleichungen. „Das Problem ist nicht, eine Rechnung zu machen, sondern zu überlegen, welche Rechnung die richtige ist“, sagt Lehners.

Unter seiner Tafel lehnt zusammengeklappt eine Liege an der Wand. „Für die Siesta.“ Denken ist anstrengend. Mehr als sechs Stunden am Tag könne er nicht produktiv grübeln, den Rest des Tages verbringe er mit administrativen Aufgaben. Und abends zu Hause habe er keine Lust, sich noch länger mit der Frage nach dem Beginn der Zeit zu befassen. Da spielt der Physiker lieber mit seinen zwei kleinen Kindern. Als Jean-Luc Lehners selbst noch ein Kind war, haben ihn die Sterne fasziniert. Mit etwa zehn Jahren fing er an, sich für Astronomie zu interessieren, bekam erst Fernrohr, dann Teleskop. „Ich wollte wissen, wie die Dinge zusammenhängen“, sagt Lehners. Mathematik und Physik fielen ihm leicht, die Wahl des Studienfachs später auch.

Lehners betreibt Grundlagenforschung, die helfen soll, die Entstehung des Universums zu begreifen, also eine Frage zu beantworten, die sich die Menschen von jeher stellen. Praktisch anwenden lassen sich seine Erkenntnisse nicht. „Damit fährt kein Auto schneller“, sagt er. Seine mathematischen Muster können von Astronomen aufgegriffen werden, die sie gezielt mit ihren Daten abgleichen und Lehners Theorien so überprüfen können.

Angst, nach jahrelangem Brüten über Rechnungen irgendwann widerlegt zu werden, hat Jean-Luc Lehners nicht. Das wäre Fortschritt, sagt er, zu wissen, wann eine der Theorien, die „pure Spekulation“ sind, wie er selbstironisch sagt, falsch ist. „Ich fände es viel schlimmer, wenn ich mein ganzes Leben an einer Frage arbeite und es ergibt sich daraus gar nichts.“