Gesundheitsbericht

Berliner leben immer länger und gesünder

In Berlin ist seit Anfang der 90er-Jahre die Lebenserwartung bei Männern um 5,5, die der Frauen hingegen nur um 3,8 Jahre gestiegen. Damit wächst aber auch die Zahl der Hilfebedürftigen. Die längste Zeit ihres Lebens sind die Hauptstädter allerdings fit.

Die Einwohnerzahl Berlins nimmt weiter zu. Wie aus dem am Dienstag vorgestellten Gesundheitsbericht 2010/2011 hervorgeht, lebten Ende vergangenen Jahres 3.460.725 Menschen in der Hauptstadt. Das waren nach Angaben der Senatsgesundheitsverwaltung 18.000 mehr als ein Jahr zuvor. Der Bevölkerungszuwachs setzte sich damit im sechsten Jahr in Folge fort.

Eine Ursache dafür war der fortgesetzte Geburtenüberschuss. Im Jahr 2010 kamen in Berlin 33.393 Kinder lebend zur Welt. Das waren 1289 Mädchen und Jungen beziehungsweise vier Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Insgesamt 32.234 Frauen und Männer starben im vergangenen Jahr.

„Der Gesundheitszustand der Berliner ist im Allgemeinen gut“, konnte die scheidende Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linke) am Dienstag bei der Vorstellung des Berichts verkünden. Männer werden im Schnitt 77 Jahre alt, Frauen 82. Aber die Männer holen auf – seit Anfang der Neunziger ist ihre Lebenserwartung um 5,5 Jahre gestiegen, die der Frauen nur um 3,8 Jahre. Zugleich stirbt jeder vierte Mann und jede achte Frau vor dem 65. Lebensjahr. Hauptursache: Lungenkrebs. Ein Drittel dieser Todesfälle hätte laut Bericht durch Prävention und Früherkennung vermieden werden können.

Nahezu jede zweite in Berlin lebende Frau (48 Prozent) und fast jeder dritte Mann (32 Prozent) erlebten den 85. Geburtstag. Zwar sei die Lebenserwartung für beide Geschlechter gestiegen. Nach wie vor hätten Männer im Vergleich zu Frauen aber eine um durchschnittlich fünf Jahre niedrigere Lebenserwartung.

Die höchste Lebenserwartung hätten Frauen aus Steglitz-Zehlendorf und Charlottenburg-Wilmersdorf, die niedrigste Frauen und Männer aus Friedrichshain-Kreuzberg, gefolgt von Neukölln und Mitte. „In Bezirken mit ungünstigen sozialen Bedingungen gibt es also auch die niedrigste Lebenserwartung“, sagte Lompscher.

Mit der kontinuierlichen Lebenserwartung der Berliner steigt aber auch die Zahl derer, die pflegebedürftig werden. Wie aus dem Bericht für Berlin hervorgeht, nimmt aber nicht nur die Zahl der Pflegebedürftigen zu, in Berlin werden auch überdurchschnittlich viele Menschen von ihren Angehörigen zu Hause gepflegt.

Ende 2009 waren demnach rund 100.000 Menschen in der Hauptstadt anerkannt pflegebedürftig, zehn Jahre zuvor waren es noch rund 80.000. Seit 1999 nahm die Zahl bei den Frauen um 20 Prozent zu, bei den Männern sogar um 39 Prozent. Die Zahlen des Gesundheitsberichts zeigen deutlich, wie stark die Pflegebedürftigkeit mit dem Alter in Zusammenhang steht. Gut 80 Prozent der Pflegefälle sind älter als 65 Jahre. Interessant ist auch, dass Frauen in jeder Altersstufe häufiger pflegebedürftig sind als Männer. Jede zweite Berlinerin über 85 Jahren muss gepflegt werden, aber nur ein Drittel der Männer im selben Alter. Der Trend zeigt sich für das gesamte Bundesgebiet. Als Gründe hierfür nennt der Bericht sozioökonomische Faktoren, also etwa das höhere Armutsrisiko bei Frauen im Alter.

Heimplätze sind ausreichend

Der Gesundheitsbericht zeigt auch, wie viel Verantwortung für die Pflege von Familienangehörigen übernommen wird. Denn wer in Berlin zum Pflegefall wird, der wird höchstwahrscheinlich zu Hause gepflegt und nicht stationär in einem Heim. Auf 74 Prozent (rund 75.000 Personen) der Betroffenen trifft diese Aussage zu – auf Männer noch häufiger als auf Frauen (80 beziehungsweise 71 Prozent). Berlin liegt damit fünf Prozentpunkte über dem Bundesschnitt. Nur in Brandenburg und Hessen leben pflegebedürftige Menschen noch seltener im Heim. Warum hierzulande besonders oft zu Hause gepflegt wird, müsse näher untersucht werden, sagte Gesundheitssenatorin Lompscher. Zu wenig vorhandene Pflegeheimplätze schloss sie als Grund aus.

Ein Großteil derer, die zu Hause gepflegt werden, empfängt in Berlin Pflegegeld. Das bedeutet, dass die Pflege allein durch Personen aus dem privaten Umfeld geleistet wird, in der Regel durch die Familie. 55 Prozent der bedürftigen Männer werden so ausschließlich von ihren Angehörigen gepflegt, 45 Prozent der Frauen. Je nach Pflegestufe liegt die Höhe des Pflegegeldes zwischen rund 200 und knapp 700 Euro. Doch auch angesichts der steigenden Zahl von Pflegebedürftigen gilt laut dem Gesundheitsbericht, dass die Durchschnitts-Berliner den größten Teil ihres immer länger werdenden Lebens fit sind. In ihrem gesamten Leben müssen Männer mit gut zwei, Frauen mit fast vier Jahren rechnen, in denen sie auf Pflege angewiesen sind.

Für den mehr als 200 Seiten umfassenden Gesundheitsbericht konnte die Senatsverwaltung erstmals auch die Daten von 2,7 Millionen Berlinern auswerten, die im Jahr 2007 von Vertragsärzten der gesetzlichen Krankenversicherungen behandelt wurden. So stellte man unter anderem fest, welche Diagnosen am häufigsten gestellt werden und wo diese Krankheitsbilder in Berlin besonders häufig auftreten. Die drei häufigsten Behandlungsursachen sind in Berlin demnach Rückenschmerzen, Bluthochdruck und Sehfehler, also augenärztliche Diagnosen.

Bei der räumlichen Verteilung der Krankheitsbilder zeigte sich, dass Behandlungen von Typ-II-Diabetes und Vorsorgemaßnahmen wie Impfungen besonders oft in den östlichen Stadtbezirken vorkommen, Depressionen und Angststörungen eher im Westen Berlins. Auch für diesen Befund sei eine vertiefte Untersuchung der Ursachen nötig, hieß es. Krankheiten, die auf einen ungesunden Lebensstil zurück zu führen sind, wie Fettleibigkeit, Lungenkrankheiten wie die „Raucherlunge“ oder der Typ-II-Diabetes tauchen den Untersuchungen zufolge besonders häufig in Kiezen mit eher schwacher Sozialstruktur wie Moabit, Wedding oder Kreuzberg auf. „Als Konsequenz aus dieser Erkenntnis kann man nur immer wieder betonen, dass der Schwerpunkt der Gesundheitsarbeit bei der Kindergesundheit liegen muss“, sagte Lompscher. „Da werden die Weichen für die Gesundheit des weiteren Lebens gestellt.“

Als häufigste Todesursache nennt der Bericht Herzkrankheiten, Infarkte und Lungenkrebs. Bei „vorzeitigem“ Tod, der Sterblichkeit vor dem 65. Lebensjahr, steht Lungenkrebs bei Männern wie Frauen sogar an erster Stelle der Ursachen. Was die Entwicklung der größten Gesundheitsrisiken angeht, zeigt sich in Berlin eine leichte Verbesserung, wenn auch auf hohem Niveau: Der Anteil der Raucher an den über 15-Jährigen ist leicht gesunken, liegt mit 31 Prozent aber noch an der Spitze aller Länder. Dafür sind „nur“ 46 Prozent der Erwachsenen übergewichtig, nur die Hamburger sind schlanker.