Flughafenkomplex

So wird der Mythos Tempelhof saniert

Der ehemalige Berliner Flughafen Tempelhof soll endlich vermarktbar werden. Deshalb wird der marode Riese ab 2012 modernisiert. Neben Restaurants mit Dachterrasse und Laufsteg ist auch ein Kreativzentrum geplant.

Der Flughafen Tempelhof ist aufgrund seiner Rolle als Luftbrückenstützpunkt während des Kalten Krieges längst ein Mythos, der für die Freiheit der westlichen Welt steht. Seit der Schließung des Flughafens vor drei Jahren fehlt dem denkmalgeschützten Wahrzeichen jedoch die wirtschaftliche Grundlage. Das soll sich jetzt ändern. Im kommenden Jahr beginnt die Sanierung des in großen Teilen leer stehenden Mega-Baus. Geplant sind in einem ersten Schritt ein Dachrestaurant sowie ein Aussichtspfad über das weit geschwungene Dach, um so für mehr öffentliche Aufmerksamkeit zu sorgen. Aus dem ehemaligen Alliierten-Hotel im Gebäudetrakt direkt am Platz der Luftbrücke soll zudem ein Kreativzentrum werden. Doch diese ersten Maßnahmen sind nur ein bescheidener Anfang angesichts der gewaltigen Dimensionen des Gebäudes.

Welche enormen Flächen das Flughafengebäude bereithält, verdeutlicht Rudenz Purr gerne mit einer eindrucksvollen Zahl: 44?857 Schlüssel passen in die Türschlösser zu den schier endlosen Zimmerfluchten des 1,2 Kilometer langen Bauensembles, öffnen die großen Hallentore und kleinen Nebentürchen zu den sieben Hangars, sichern die Eingänge zu den 13 Treppenhäusern, in die unzähligen Kellerräume, Lagerflächen und Technikräume. „Es wäre schön, wenn diese Unmengen Räume endlich genutzt werden könnten“, so Purr, dessen Firma Wisag nach der Schließung des Flughafens in Tempelhof 2008 die Hausmeisterfunktion am ehemaligen Flughafengebäude in Tempelhof übernommen hat. Damit dieser Wunsch in Erfüllung geht, muss erst mal viel Geld investiert werden.

Das Gebäude ist in vielen Bereichen nur im Rohbau fertig, die technischen Anlagen sind hoffungslos veraltet. Auf mehr als 100 Millionen Euro schätzt Gerhard W. Steindorf, Geschäftsführer der Tempelhof Projekt GmbH allein den Investitionsbedarf für die Sanierung der landeseigenen Immobilie, deren Vermietung derzeit jährlich lediglich zehn Millionen Euro einspielt und damit in etwa soviel, wie der jährliche Unterhalt verschlingt. „Von einer Modernisierung, die das Gebäude in allen Teilbereichen auch vermietbar machen würde, ist damit noch nicht mal die Rede“, sagt Steindorf.

Das Gebäude mit einer Bruttogeschossfläche von rund 30.0000 Quadratmetern verfügt über eine theoretisch vermietbare Fläche von rund 20.5000 Quadratmetern. 70.000 Quadratmeter werden aktuell als Eventfläche, etwa an Messen wie die Bread & Butter wochenweise vergeben, weitere 81.000 Quadratmeter Bürofläche sind aktuell fest vermietet. Das Polizeipräsidium mit rund 47.000 Quadratmetern ist dabei der größte Mieter. Damit bleibt immer noch die enorme Fläche von 54000 Quadratmetern, die dauerhaft ungenutzt ist.

Grandioser Blick aufs Feld

?Ab kommendem Jahr soll sich das ändern. „Wir beginnen mit der Sanierung der maroden Dachflächen“, so Steindorf. Zunächst wird dabei ab dem Frühjahr 2012 für rund vier Millionen Euro das 20000 Quadratmeter große Vordach über dem Rollfeld am Hauptgebäude saniert, außerdem der Dachbereich am östlichen Kopfbau am Columbiadamm. Damit sich der Mythos Tempelhof gewinnbringend vermarkten lässt, soll bis spätestens zur Eröffnung der Internationalen Gartenausstellung 2017 am Columbiadamm eine 1200 Quadratmeter große Dachterrasse mit angeschlossenem Café und grandiosem Blick auf das 240 Hektar große Tempelhofer Feld entstehen.

Angesichts der gesamten Dachfläche von 60.000 Quadratmetern ist das zwar nur ein winziger Teil. „Aber es ist ein Anfang, aus dem später mehr werden kann“, so Steindorf. Immerhin ist auch ein 700 Meter langer und drei Meter breiter Laufsteg geplant, über den Besucher bis zum Hauptgebäude laufen können, auf dessen Dach ein weiteres Restaurant mit angeschlossener Terrasse geplant ist. „Für beide Restaurants suchen wir derzeit noch Betreiber“, verrät Steindorf. Stabil genug ist das Hallendach für diese Nutzung allemal. Die ursprünglichen Planungen des Flughafen-Architekten Ernst Sagebiel aus den 30er-Jahren sahen vor, das 1,2 Kilometer lange Dach als Tribüne für 85.000 Besucher auszubauen – ein Plan, der durch den Kriegsbeginn nie verwirklicht wurde.

Geprüft wird derzeit noch, ob weitere Dachflächenbereiche mit Photovoltaik-Anlagen zur Energiegewinnung bestückt werden können. Schließlich stammt die Heizungsanlage aus dem Jahr 1936 und ist mit ihrer Langlebigkeit zwar ein „Beleg für deutsche Wertarbeit“, so Hausverwalter Rudenz Purr. Energetisch gesehen sei das Haus jedoch eine Katastrophe, was ein Besuch in den endlosen Leitungsschächten im Keller bestätigt: Die hier entlangführenden Heizungsrohre sind so schlecht isoliert, dass schweißtreibende Sauna-Atmosphäre herrscht. Ob die Sonnenkollektoren tatsächlich aufs Dach kommen, ist jedoch noch offen. „Da hat der Denkmalschutz Mitspracherecht“, so Steindorf.

Büros im Alliierten-Hotel

Vier Millionen Euro sollen zudem in den Ausbau kleinerer Bürotrakte und andere notwendige Baumaßnahmen wie die schrittweise Erneuerung der veralteten Stromversorgung und die Herrichtung der nur im Rohbau fertiggestellten Treppentürme fließen. Drei Millionen Euro Landesmittel werden in den Umbau des ehemaligen Alliierten-Hotels in unmittelbarer Nähe zur großen Empfangshalle des einstigen Flughafens investiert. Auf einer Fläche von insgesamt 8000 Quadratmetern soll ein Kreativzentrum mit Büros für die Medien- und Softwarebranche entstehen. „Obwohl wir damit noch gar nicht in die Vermarktung gegangen sind, haben wir schon viele Nachfragen“, so Steindorf. Geplant sind Mietpreise von fünf bis zwölf Euro (nettokalt). „Die Bauarbeiten sind bereits mit dem Denkmalschutz abgestimmt, die Vermarktung beginnt im Sommer kommenden Jahres“, sagt Steindorf.