Prozessauftakt

Messerstecher trotz starker Beweise in Freiheit

Abdulrahman I. steht vor Gericht, weil er im Sommer in Berlin-Schöneberg auf seine Ex-Freundin eingestochen hat. Eine Überwachungskamera filmte die Tat. Für die Richter war das allerdings kein Grund für eine U-Haft. Das Opfer lebt in ständiger Angst.

Theresa J. will ihn nicht sehen. Die 21-Jährige steht in einer Ecke, unweit des Saales 606 des Moabiter Kriminalgerichts. Eine Freundin hält ihr die Hand, versucht sie zu beruhigen. Ein paar Meter entfernt sitzt ihr ehemaliger Lebensgefährte Abdulrahman I. auf einer Bank. Er wird wenig später in den Verhandlungssaal gerufen werden. Der 25-Jährige ist angeklagt wegen gefährlicher Körperverletzung.

Am 30. Juli 2011 betrat Abdulrahman I. gegen 12 Uhr einen Backshop an der Rubensstraße in Schöneberg. Die Zeugin Tülin T. und Theresa J. arbeiteten dort als Verkäuferinnen. Tülin T. schildert vor Gericht, dass der Angeklagte gegrüßt, seine ehemalige Freundin Theresa diesen Gruß aber nicht erwidert habe. Es sei zu einem Streit gekommen, und von ihm seien Worte wie „Hure und Schlampe“ gefallen. Als Theresa J. kurz darauf den Verkaufsraum verließ, habe Abdulrahman I. aus einer Aktentasche „einen schwarzen Gegenstand genommen und ihn in die Hosentasche gesteckt“. Nach ihrer Rückkehr sei Abdulrahman I. „dann plötzlich auf Theresa zustürmt“.

Dem Anklagesatz zufolge soll der gebürtige Libanese mit einem Messer „mehrmals von oben herab in Richtung des Kopfes und des Oberkörpers“ gestochen haben. Tülin T. habe versucht, ihn zurückzuziehen. Nachdem er sich losreißen konnte, habe er die Ex-Freundin jedoch erneut mit dem Messer attackiert. Theresa J. erlitt Stichverletzungen am Kopf, an der linken Hand und am rechten Unterschenkel. Sie musste operiert werden, lag mehrere Tage im Krankenhaus.

Videoaufnahme als Beweismittel

Abdulrahman I. stellte sich am späten Abend des 30. Juli 2011 der Polizei. Zuvor suchte er einen Anwalt auf. Auch vor Gericht gesteht er, die Ex-Freundin verletzt zu haben. Allerdings könne er sich nur noch verschwommen erinnern. Er habe sich von Theresa „beleidigt gefühlt“, sagt er. „Es ging alles so schnell. Ich wollte sie nicht abstechen. Es war einfach eine unkontrollierte Sache.“ Wenig später fügt er hinzu: „Ich liebe sie doch. Ich würde sie niemals verletzen wollen.“ Den Vorfall zu leugnen, wäre ohnehin wenig sinnvoll gewesen. In dem Backshop befand sich eine Überwachungskamera.

Theresa J. ist Nebenklägerin, hätte also bei der Aussage des Angeklagten anwesend sein dürfen. Sie wollte es nicht. Ihr Anwalt Roland Weber hat ihr davon abgeraten. Weil es so für die Glaubwürdigkeit ihrer eigenen Zeugenaussage besser ist. Aber vermutlich war es ihr ohnehin angenehmer, eine Begegnung mit Abdulrahman I. zu vermeiden.

Nicht zur Zeugenaussage erschienen

Den Ermittlungen zufolge soll es zwischen den beiden immer wieder Streit gegeben haben. Auch die Zeugin Tülin T., die erst seit wenigen Tagen Theresa J.'s Kollegin war, wusste davon. Diese habe ihr erzählt, dass Abdulrahman I. sie eingeengt und ständig kontrolliert habe. „Wenn sie einen kurzen Rock trug, hat er gesagt, sie sehe aus wie eine Prostituierte.“ Er soll sie mehrfach auch geschlagen und sogar mit dem Tode bedroht haben. „Ich habe sie gefragt, warum sie dann trotzdem noch Kontakt mit ihm hält“, berichtet Tülin T. Darauf habe Theresa J. erwidert, dass sie trotz allem mit ihm klar kommen wolle. Schon wegen der gemeinsamen Tochter, die im Dezember 2009 geboren wurde.

Abdulrahman I. wurde nach seinem Geständnis Ende Juli festgenommen, am nächsten Tag aber wieder auf freien Fuß gesetzt. Die Staatsanwaltschaft legte Beschwerde ein, und am 5. August wurde Abdulrahman I. erneut inhaftiert. Am 24. Oktober 2011 wurde der Haftbefehl vom Kammergericht außer Kraft gesetzt. Abdulrahman I. war wieder in Freiheit. Und Theresa J. lebte wieder in ständiger Angst.

Die beisitzende Richterin erwähnt bei der Befragung des Angeklagten, dass es schon einige Verfahren wegen Gewalttätigkeiten gegeben habe. Sie seien aber jedes Mal von der Staatsanwaltschaft eingestellt worden, weil Theresa J. zu den Zeugenvernehmungen nicht erschienen war. Das ist typisch für häusliche Gewalt. Die gepeinigten Frauen scheuen oft die letzte Konsequenz.

Am nächsten Verhandlungstag soll Theresa J. in diesem Verfahren als Zeugin vernommen werden.