Wintereinbruch

Berliner S-Bahn plant bereits den Notfall

Trotz Investitionen von mehr als 20 Millionen Euro rechnet die S-Bahn Berlin auch im kommenden Winter mit Problemen. Denn Risiken bei Zügen und Weichen bleiben.

Foto: HARALD THIERLEIN HARALD THIERLEIN

Es war im November vorigen Jahres, da stand S-Bahn-Chef Peter Buchner im Bahnhof Friedrichstraße auf dem Bahnsteig und verteilte gut gelaunt Adventskalender an die Fahrgäste. Seine Botschaft damals: „Freuen Sie sich auf Weihnachten, die S-Bahn bringt sie gut durch den Winter.“ Eine Woche später gab es in der Nacht den ersten Schnee, und am Morgen danach fielen zahllose Fahrten aus. Wie schon im Winter zuvor mussten sich Hunderttausende Fahrgäste wochenlang über Zugausfälle und Verspätungen ärgern.

Im November 2011 ist S-Bahn-Chef Buchner bei der Präsentation der aktuellen Winter-Vorbereitungen mit Prognosen vorsichtig geworden. Sein Botschaft lautet nun: „Wir haben viel getan, aber einige Risiken bleiben.“ Mehr, so betont Buchner beim Werkstattbesuch in Wannsee mehrfach, könne bei einem so komplexen Verkehrssystem wie der S-Bahn niemand versprechen. „Kälte ohne Schnee und Schnee ohne Kälte machen der S-Bahn nicht viel aus. Fallen aber beide Wetterlagen in extremer Form zusammen, bekommen wir auch wieder Probleme“, sagt er.

Notfahrplan tritt kurzfristig in Kraft

Immerhin: Die S-Bahn hat aus den Erfahrungen der letzten beiden Katastrophenwinter gelernt. Ein Notfahrplan ist bereits erarbeitet und soll kurzfristig dann in Kraft gesetzt werden, wenn starke Schneefälle und tiefe Minusgrade drohen. Es gebe bereits entsprechende Bahnhofsaushänge und Datensätze, die nur noch in die Rechner der Leitzentralen eingespeist werden müssen, heißt es bei der S-Bahn.

Basis des sogenannten Schneefahrplans ist eine Höchstgeschwindigkeit von 60 Kilometern pro Stunde. Schneller dürfen die Züge der zahlenmäßig stärksten S-Bahn-Baureihe 481 nicht fahren, wenn ihre Besandungsanlagen eingefroren sind. Ähnlich wie das ABS beim Auto sorgt dieses System bei Zügen dafür, dass sich die Bremswege auf nassen und rutschigen Schienen nicht gefährlich verlängern.

Doch gerade in den beiden vergangenen Wintern waren diese Anlagen massenhaft ausgefallen. Inzwischen hat die S-Bahn gemeinsam mit dem Hersteller Knorr-Bremse eine Heizung und eine Funktionskontrolle entwickelt, die einen Ausfall der Besandungsanlage im Winter verhindern sollen. Das weltweit einmalige System steht allerdings erst seit August zur Verfügung, Bis Mitte Dezember wird erst die Hälfte der 500 Viertelzüge der wichtigen Baureihe 481 über die Heizung verfügen. Die 70 Viertelzüge der noch für die Westberliner BVG entwickelten Baureihe 480 sollen gar erst 2012 umgerüstet werden. Einzig für die Reichsbahn-Baureihe485 besteht kein Nachrüstbedarf, weil sie über kein Sand-ABS verfügt. Stattdessen sind die Züge mit kräftigeren Bremsen ausgerüstet. Doch von dieser Baureihe sind wegen anderer Probleme täglich nur etwa 30 Zwei-Wagen-Einheiten im Einsatz.

Bereits im vorigen Winter hatte die S-Bahn ihre Züge nach einem „Schleich-Fahrplan“ fahren lassen. Doch wegen fehlender Vorbereitungen trat dieser erst Ende Januar 2011 in Kraft, als das schlimmste Wetter vorbei war. Durch technische Defekte war zuvor die Zahl der verfügbaren Fahrzeuge auf bis zu 219 Zwei-Wagen-Einheiten gesunken, damit war nur noch ein Drittel der S-Bahn-Flotte einsatzbereit.

Einen solchen Tiefstand wird es im kommenden Winter nicht noch einmal geben, verspricht Buchner. Er verweist darauf, dass andere technische Probleme wie die rissanfälligen Achsen und Räder weitgehend beseitigt seien. Ein weiterer Schwachpunkt waren indes die Fahrmotoren, die bei Eis und Schnee reihenweise ausfielen. Die S-Bahn lässt nun alle Elektroantriebe ab einer bestimmten Kilometerleistung vorsorglich erneuern. 1900 von 2500 Motoren seien bereits getauscht.

150 Einsatzkräfte mehr als in 2010

Mehr als 20 Millionen Euro hat die S-Bahn nach eigenen Angaben in die Wintervorbereitung investiert. Fünf Millionen Euro kostet allein die Modernisierung der Besandungsanlagen. Angesichts dieses Aufwandes hofft Buchner, dass „wir in der kommenden Wintersaison eine bessere Leistung anbieten können als in den Vorjahren.“ Dazu beitragen sollen auch die Bahnmitarbeiter, die sich um die Infrastruktur kümmern. Die hatte sich im Vorjahr ebenfalls als nicht wintertauglich erwiesen. Vor allem Weichen und mechanische Zugsicherungen fielen vielfach aus. Helge Schreinert von der Bahntochter DB Netz verspricht Besserung. So würden inzwischen alle 950 betriebswichtigen Weichen im 332 Kilometer langen S-Bahn-Netz beheizt. Zudem sei die Zahl der Mitarbeiter, die den Schnee aus Weichen und Zugsicherungen fegen, um 93 auf 600 aufgestockt. Zusammen mit den Sicherungskräften, die bei Arbeiten im Gleisnetz notwendig sind, hat die Bahn 150 Einsatzkräfte mehr als im Vorjahr in Bereitschaft. Trotz der Maßnahmen ist Christfried Tschepe vom Berliner Fahrgastverband Igeb skeptisch. Er verweist auf aktuelle Probleme im Regionalverkehr und Missstände bei der Fahrgastinformation. „Angesichts dieser Erschwernisse schwindet meine Hoffnung, dass die Bahn ihre vollmundigen Versprechen zum Winterverkehr einlösen kann“, sagt er.

Peter Buchner will auch dieses Jahr wieder Adventskalender verteilen und sich der Kritik der Fahrgäste stellen. „Verstecken macht es ja nicht besser“, sagt er.