Umfrage

Weihnachtsgeld - wer zahlt wie viel in Berlin

Die große Übersicht von Morgenpost Online: Bei welchen der 50 großen Unternehmen es in diesem Jahr das Extra-Gehalt gibt – und bei welchen nicht.

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Die derzeitigen Nachrichten ließen eigentlich anderes vermuten: Europa steckt tief in der Krise, die Schuldenberge wachsen und Anleger bangen um ihr Erspartes. Doch die Berliner können trotzdem zuversichtlich auf das Jahresende blicken. Denn die meisten der größten Arbeitgeber in der Hauptstadt zahlen ihren Angestellten auch in diesem Jahr ein Weihnachtsgeld – und viele Mitarbeiter bekommen sogar mehr als 2010.

Wie die jährliche Umfrage von Morgenpost Online zeigt, gibt es bei fast allen der 50 großen Berliner Unternehmen eine Sonderzahlung zum Jahresende. Der Großteil der Firmen berechnet diese prozentual zum Bruttogehalt der Mitarbeiter. Der Prozentsatz hat sich zwar im Vergleich zum Jahr 2010 bei den meisten Firmen nicht verändert – trotzdem bedeutet er oft mehr Geld. Besonders dann, wenn die Mitarbeiter nach Tarif bezahlt werden – und das gilt für die meisten. „Viele Tarifabschlüsse in diesem Jahr brachten ein Gehaltsplus zwischen drei und vier Prozent“, sagt Reinhard Bispinck, Chef des Tarifarchivs des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. „Und damit steigt automatisch auch die Höhe des Weihnachtsgeldes, das an das Monatseinkommen gekoppelt ist.“

Bis zu 14 Monatsgehälter

Immerhin neun Firmen zahlen ihren Mitarbeitern ein volles 13. Monatsgehalt. Traditionell gut kommen die Bankangestellten weg. So können die Beschäftigten der Deutschen Bank sogar noch mehr bekommen: Je nach Jahresergebnis zahlt das Unternehmen bis zu vierzehn Monatsgehälter – gesplittet in eine Zahlung im November und eine weitere im Frühjahr.

Großzügig sind auch die Autobauer. BMW muss seinen Mitarbeitern nach Tarif eigentlich nur 55 Prozent zahlen, überweist ihnen nach eigenen Angaben jedoch hundert Prozent eines Monatseinkommens, wenn sie mindestens sechs Jahre im Betrieb sind. Sowohl bei BMW als auch bei Daimler gibt es ähnlich wie bei der Deutschen Bank je nach Jahresergebnis im Frühjahr noch eine Sonderzahlung.

Form und Höhe des Weihnachtsgeldes variieren ansonsten sehr deutlich – teilweise auch in den Unternehmen selbst. So machen insbesondere die Betriebe der Branche Gebäudemanagement keine genauen Angaben zu ihren Zahlungen, die oft in Form von individuellen Leistungsprämien erfolgen. So schwankt die vorweihnachtliche Belohnung etwa bei der Sicherheitsfirma Securitas zwischen 20 Prozent und 100 Prozent eines Extra-Gehaltes. „Mitarbeiter, die nach Tarif bezahlt werden, haben viel bessere Chancen, ein Weihnachtsgeld zu bekommen“, sagt WSI-Chef Bispinck. Doch auch dann gibt es große Unterschiede. Die bekommen beispielsweise die Beschäftigten des Berliner Einzelhandels zu spüren. Nach Tarif erhalten die Mitarbeiter von Rewe, Schlecker, Lidl und Kaufland 62,5 Prozent Weihnachtsgeld – im Westen. Im Osten gibt es zehn Prozentpunkte weniger.

Soziale Stadtreinigung

Besonders freuen dürften sich die Beschäftigten der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) und ihrer Tochterfirma BT Berlin Transport. Dort gibt es eine feste Zahlung statt Prozente – in diesem Jahr 200 Euro mehr und damit insgesamt 1200 Euro für jeden Mitarbeiter. Andere Unternehmen unterscheiden stärker zwischen ihren Angestellten. So ist die Dauer der Betriebszugehörigkeit ein wichtiger Faktor für die Höhe der Sonderzahlung. Daimler und Osram etwa richten sich nach dem Flächentarifvertrag der IG Metall und zahlen demnach ab einem halben Jahr 25, ab drei Jahren 55 Prozent Weihnachtsgehalt. Besonders sozial zeigt sich die Berliner Stadtreinigung. Hier bekommen diejenigen mehr Weihnachtsgeld, die weniger verdienen: Angestellte der höchsten Lohnstufe erhalten 60 Prozent ihres monatlichen Lohns, geringer Verdienende 90 Prozent.

„Einen gesetzlichen Anspruch auf Weihnachtsgeld gibt es nicht“, erklärt Nathalie Oberthür, Mitglied im Ausschuss für Arbeitsrecht des Deutschen Anwaltvereins. Das Weihnachtsgeld ist eine freiwillige Leistung des Arbeitgebers. Ein Recht auf die Sonderzahlung hat ein Arbeitnehmer dann, wenn dies entweder im Arbeitsvertrag, im geltenden Tarifvertrag oder in einer Vereinbarung zwischen Betriebsrat und Unternehmensleitung festgehalten ist. Grundsätzlich gilt dabei die Gleichbehandlung: Nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes müssen sowohl Vollzeit- als auch Teilzeitkräfte ein Weihnachtsgeld bekommen. Doch auch wenn im Vertrag keine solche Zahlung vorgesehen ist, kann ein Arbeitnehmer Anspruch auf Weihnachtsgeld erheben. Und zwar dann, wenn sein Unternehmen dieses drei Jahre lang vorbehaltlos ausgezahlt hat. „In diesem Fall spricht man von der sogenannten betrieblichen Übung“, so Anwältin Oberthür. „Das heißt, dass der Arbeitgeber über Jahre ein gleichmäßiges Verhalten gezeigt hat, und der Arbeitnehmer darauf vertraut, dass er auch in Zukunft Weihnachtsgeld bekommt.“ Dem kann eine Firma nur vorbeugen, indem es die Zahlung vorher ausdrücklich als freiwillig im Vertrag vermerkt.

Doch selbst dann können Beschäftigte in bestimmten Fällen ein Weihnachtsgeld einfordern – wie erfolgreiche Klagen gezeigt haben. Wichtig ist der Blick ins Kleingedruckte des Arbeitsvertrags. Steht dort, Sonderleistungen werden „rein freiwillig und ohne rechtliche Verpflichtung gewährt. Sie sind daher jederzeit widerruflich“ – hat der Arbeitnehmer gute Chancen, trotzdem Weihnachtsgeld zu bekommen. „Denn laut dem Bundesarbeitsgericht ist dieser Vorbehalt widersprüchlich formuliert“, sagt Oberthür. „Ein Widerruf setzt voraus, dass bereits ein Anspruch besteht. Das wird durch die Formulierung ‚rein freiwillig und ohne rechtliche Verpflichtung' jedoch ausgeschlossen.“ Wer einen solchen Widerspruch in seinem Vertrag entdeckt, kann also auf eine Zahlung hoffen. „Der Arbeitgeber sollte im Arbeitsvertrag allein die Freiwilligkeit betonen, um Klagen von vornherein auszuschließen“, sagt Oberthür. Dies sollte aber von Anfang an geschehen. Laut einem aktuellen Urteil des Landesarbeitsgerichts Rheinland-Pfalz (Az.: 5 Sa 604/10) ist es nämlich nicht rechtens, wenn der Arbeitgeber schon mehrere Jahre lang vorbehaltlos Weihnachtsgeld gezahlt hat und erst später beginnt darauf hinzuweisen, dass die Zahlung rein freiwillig erfolgt. Denn dann ist die „betriebliche Übung“ längst entstanden und kann nicht rückgängig gemacht werden.

Allerdings kann der Arbeitgeber das Weihnachtsgeld auch zurückverlangen. „Das kann dann passieren, wenn es im Vertrag eine Rückzahlungsklausel gibt“, erklärt Oberthür. So kann der Arbeitgeber etwa festlegen, dass Weihnachtsgeld nicht mehr gezahlt wird, wenn der betreffende Mitarbeiter gekündigt hat. In manchen Fällen verlangt der Chef Betriebstreue, etwa bis zum März des Folgejahres. Geht der Mitarbeiter vorher, muss er den Bonus eventuell zurückzahlen.

Mitarbeit: Simon Nüsseler