Drei Monate Haft

Böller-Attacke auf Kinder mit Müdigkeit erklärt

Ein 29 Jahre alter Kraftfahrer hatte im Mai 2011 einen Böller auf einen Spielplatz geworfen. Der Täter entschuldigte sich mit Müdigkeit, Hitze und zu viel Stress. Dafür muss er nun für drei Monate ins Gefängnis.

Foto: Steffen Pletl

Der laute Knall, mitten auf dem Spielplatz in der Ortolfstraße, hatte die Kinder fürchterlich erschreckt. Einige hatten sogar laut zu weinen angefangen. Nur ein paar Meter neben ihnen war der Böller explodiert – den Christian H. auf sie geworfen hatte. Der Anwohner der Ortolfstraße in Alt-Glienicke hatte ihn aus dem sechsten Stock eines Plattenbaus auf den Spielplatz geworfen. Er bekämpfte Lärm mit Lärm. Weil er seine Ruhe haben wollte.

Ein Moabiter Strafrichter verurteilte den 29-jährigen Christian H. am Montag jetzt zu einer Freiheitsstrafe von drei Monaten. Der Vorwurf lautete „strafbarer Umgang mit explosionsgefährlichen Stoffen“.

Christian H. hatte die Tat vom 1. Mai dieses Jahres zuvor umfassend gestanden. Er habe auch damals schon als Kraftfahrer gearbeitet, sagte er. Fast jeden Tag habe er Überstunden machen und auf Weisung seines damaligen Chefs wegen der überlangen Arbeitszeit sogar seinen Fahrtenschreiber manipulieren müssen. In der Regel sei er dann erst zwischen sieben und neun Uhr morgens wieder nach Hause gekommen. Dort habe er wegen der lärmenden Kinder, die auf dem Platz unmittelbar vor seinem Wohnhaus spielten, nicht schlafen können. „Ich habe an Tagen zuvor ja auch die Polizei angerufen und auf die fest geschriebene Mittagsruhe verwiesen“, sagte er. Die Beamten hätten jedoch geantwortet, dass er mit den Kindern reden und selber für Ruhe sorgen solle.

Zu warm, zu müde, zu viel Stress

Am 1. Mai, sagte der Angeklagte, sei auch noch ein Streit mit seinem damaligen Chef hinzugekommen. „Da habe ich mich hochgeschaukelt, das war falsch“, sagte er.

Nach Zeugenaussagen hatte Christian H. zunächst von seinem Fenster aus die Kinder auf dem Spielplatz angebrüllt und schließlich den Polen-Böller nach unten geworfen. Der illegale Knallkörper detonierte auf einer zum Spielplatz gehörenden Rasenfläche. Er habe ihn bewusst so geworfen, dass kein Kind getroffen werde, beteuerte der Angeklagte „Ich wollte niemanden verletzen.“

Anwohner alarmierten damals sofort die Polizei. Christian H. ließ die Beamten dann auch sofort in seine Wohnung und übergab ihnen neun weitere Polen-Böller, die jetzt zu den Beweismitteln gehörten. Sie haben nicht das Prüfsiegel des Bundesamts für Materialschutz (BAM). Der Besitz und das Verwenden dieser massiven und bei der Detonation als besonders geräuschvoll geltenden Knallkörper sind daher auch verboten.

Der Staatsanwalt hatte für Christian H. sogar sechs Monate Haft beantragt. „Es war heiß an diesem Tag, der Angeklagte war übermüdet und gereizt“, sagte er. Das könne er alles nachvollziehen. Es sei aber keine Entschuldigung für diese Tat. Ansprechpartner wäre in jedem Fall die Polizei gewesen. „Als er den Böller aus dem Fenster warf, nahm er das Recht in seine Hand und vertraute nicht mehr dem Staat.“

Christian H.'s Verteidigerin wertete den Antrag des Staatsanwaltes als überzogen. Sie hob hervor, dass es für die spielenden Kinder „keine Gefährdungssituation gegeben“ habe. Dennoch handele es sich auch aus ihrer Sicht „um eine total schwachsinnige Tat“. Sie habe selber einen achtjährigen Sohn, sagte die Anwältin. „Und Kinderlärm gehört zu unserem Leben nun mal dazu.“

Der Strafrichter betonte, dass es in diesem Prozess nicht um Verletzungen oder eine aktive Gefährdung der Kinder gegangen sei. Ansonsten hätte es eine ganz andere Strafe gegeben. Als strafmildernd wertete der Richter „die Einsicht und die Reue des Angeklagten“. Er habe auch nicht versucht, vor Gericht zu tricksen und offen zugegeben, dass ihm bekannt war, dass Polen-Böller verboten sind.

Übereinstimmung bei allen Prozessbeteiligten gab es darüber, dass die Strafe nicht mehr zur Bewährung ausgesetzt werden konnte. Christian H. hat schon 13 Eintragungen in seinem Strafregister; unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung, Diebstahl und Betrug. Derzeit ist noch eine Gesamtstrafe von zwei Jahren und vier Monaten offen, die er ab Mitte November dieses Jahres im Gefängnis antreten muss. Die am Montag verhängten drei Monate kommen noch dazu.

Christian H. hofft, dass er diese Strafe im offenen Vollzug verbüßen kann. Er habe jetzt eine neue Arbeitsstelle als Express-Fahrer bei der Post, sagte er. Mit ganz normalen Arbeitszeiten.

Gesetz zum Kinderlärm

Zumutbar: Geräusche, die durch spielende Kinder verursacht wurden, hatten für viele Klagen vor den Zivilgerichten gesorgt. Eine Klärung wurde dringend notwendig. Und seit Februar 2010 gibt es im Landes-Immissionsschutzgesetz Berlin eine spezielle Regelung zum Lärm von Kindern. In diesem Gesetz heißt es: „Störende Geräusche, die von Kindern ausgehen, sind als Ausdruck selbstverständlicher kindlicher Entfaltung und zur Erhaltung kindgerechter Entwicklungsmöglichkeiten grundsätzlich sozialadäquat und damit zumutbar.“

410.000 Kinder bis zu 15 Jahren leben laut Statistischem Landesamt in Berlin.

Verbot: Die Erlaubnis zum uneingeschränkten Lärmen haben Kinder und Jugendliche aber auch nach Einführung der gesetzlichen Regelung nicht. Die Wohnung kann kein Ersatz für den Sportplatz sein. So sind das Springen von Tischen und Stühlen oder Fußballspielen in der Wohnung nicht erlaubt. Auch stundenlanges Hopsen, Stühle umwerfen und ständiges Türenknallen sowie Rollschuh fahren sind dort laut Gesetz nicht gestattet.