Berliner Geschäfte

Reformationstag - Shoppen wie vor Weihnachten

Am Reformationstag haben die Kassen der Berliner Einzelhändler kräftig geklingelt. Vor allem aus dem Umland kamen viele Familien zum Einkaufs-Ausflug in die Hauptstadt.

Foto: Sven Lambert

Der erste Schwung Einkaufstüten muss bereits am Mittag im Auto verstaut werden. Einkaufstüten voll mit Winterjacken für die Kinder, Mützen, warmen Pullovern. Familie Quick aus Oberhavel gönnt sich eine kurze Pause vor der Wasseruhr im Europacenter. Nach dem Frühstück ist Simone Quick mit ihrem Mann, Annika (6) und Leon (7) in Glienicke/Nordbahn aufgebrochen. Vier Stunden später sind die beiden Kleinen immer noch bei bester Laune. „Wir schieben immer wieder Aktionen für die Kinder ein“, erklärt die Mutter. So durften sie gerade im Lego-Laden am Kudamm mit dem Computer spielen. Als nächstes ist Annika dran: Sie darf sich noch Haarschmuck aussuchen. Das Mädchen strahlt.

So wie Familie Quick haben zahlreiche Brandenburger den Reformationstag für eine Einkaufstour nach Berlin genutzt. Viele waren aber auch aus anderen Bundesländern angereist. Nicht nur der Reformationstag bot Gelegenheit, ein langes Wochenende in Berlin zu verbringen, auch Allerheiligen am heutigen Dienstag. Hinzu kommt, dass in Nordrhein-Westfalen in dieser Woche noch Herbstferien sind.

Der Einzelhandel war auf den Ansturm vorbereitet. Mit dem umsatzstärksten Tag des Jahres hatte so auch Detlef Steffens, Centermanager der Galeria Kaufhof am Alex, gerechnet. Er hatte das Personal verstärkt und alle Kassen besetzt. Auch in den anderen Häusern waren Lager und Regale gut gefüllt. Im Kadewe kamen die beiden Damen am Infopoint ins Schwitzen. „Das ist schon wie im Weihnachtsgeschäft“, sagt eine von ihnen. Obwohl das Weihnachtsgeschäft offiziell erst Mitte November anläuft, gilt der Reformationstag als inoffizieller Auftakt.

Die Erwartungen der Einzelhändler sind aufgegangen. Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbandes, spricht anlässlich des Reformationstages sogar von einem „kleinen Gottesgeschenk“ für die Berliner Kaufleute. Je nach Standort, so seine ersten Schätzungen, hätten die Händler 10 bis 20 Prozent mehr Umsatz gemacht. Berlin sei am Reformationstag für ganz Ostdeutschland eine Insel, wo die Geschäfte geöffnet haben. Alle anderen Bundesländer in dieser Gegend hätten zu.

Viele standen im Stau

Stau war das Thema des Tages. Stau auf den Zufahrtsstraßen nach Berlin, Stau auf den Straßen in Berlin. Zwischen die Berliner Kennzeichen mischten sich auffallend viele Fahrzeuge aus dem Umland mit LDS, TF, PM oder BAR auf dem Nummernschild. Im Einkaufscenter „Das Schloss“ an der Steglitzer Schloßstraße war bereits um 11 Uhr das Parkhaus voll. „So eine Situation haben wir nur sonst nur im Weihnachtsgeschäft“, sagt Centermanager Thomas Stoyke. Die Händler im Center hätten sich bereits am Nachmittag zufrieden über die Umsätze am Reformationstag geäußert. In den Gropiuspassagen in Neukölln waren 500 Pfannkuchen – als Begrüßungs-Berliner – für die Brandenburger schnell verteilt und aufgegessen. „Das Geschäft war wie an einem richtig starken Sonnabend“, sagt Centermanager Oliver Mohr. Der Start des Weihnachtsgeschäfts und Aktionen mit 20 Prozent Rabatt hätten die Umsätze zusätzlich angekurbelt. Auch in den Potsdamer Platz Arkaden lief das Geschäft „sehr gut“ – so die Auskunft von Centermanager Marcus Eggers.

Weihnachtsgeschenke und Winterjacken waren auch in der Galeries Lafayette nachgefragt. Birgit (39) und Michael (41) Scheit aus Potsdam sind schon seit Jahren nicht mehr dazu gekommen, mal an der Friedrichstraße gemütlich entlang zu schlendern. Der Reformationstag ermöglichte es dem Paar, sich während eines Werktages mal in aller Ruhe in dem französischen Kaufhaus umzuschauen. Zur Freude der Söhne Emil (4) und Edwin (2), die den gläsernen Innenraum interessiert inspizierten. Dienstag müssen die Apothekerin und der Arzt wieder arbeiten.

Heiko Schulz (42) kam mit seiner Frau und den zwei Kindern aus Magdeburg zum Shoppen nach Berlin. Weil der Familienvater seinen Kindern noch unbedingt den Fernsehturm zeigen wollte, musste er sich beim Kauf seiner Jacke in der Galeria Kaufhof sputen. Schließlich muss der Autoverkäufer am Dienstag wieder in Magdeburg arbeiten. In Sachsen-Anhalt ist schließlich am 1. November kein Feiertag wie in Rheinland-Pfalz.

Den jedoch nutzen Dieter (50) Mentges, seine Frau Gabriele Dinkhauser (53) und Tochter Annemarie (23) für ein verlängertes Wochenende in Berlin. Zusammen mit Luitgard Mentges (83) läuft die Familie aus Ludwigshafen durch die Galeries Lafayette, das Kadewe soll später folgen. Strümpfe sind schon gefunden, Hosen und Schuhe fehlen aber noch.

Großes Angebot mit Rabattaktionen

Shoppen als Freizeitbeschäftigung macht der Familie Spaß, alle loben das große Angebot. Den Hauptanlass ihres Kurztrips nach Berlin haben die Rheinland-Pfälzer allerdings schon genossen: Die Theateraufführung „Die (s)panische Fliege“ in der Volksbühne. Am Mittwoch werden der Arzt und die Lehrerin wieder arbeiten.

Das hat auch Erzieherin Wencke Werner (45) aus Göppingen nahe Stuttgart vor. Doch bis es soweit ist, genießt sie mit ihrer Mutter den Besuch in der Galeria Kaufhof – während Mann und Sohn sich im Filmpark Babelsberg amüsieren. Schon jetzt hofft die Familie, dass sie auf dem Rückweg nicht wieder zwei Stunden länger braucht wie auf dem Hinweg nach Berlin.

Auf dem Breitscheidplatz suchte Sonja Schmidt vergeblich nach den Porträtzeichnern. Sie wollte ihre Kinder zeichnen lassen – als Krönung ihres Berlin-Aufenthaltes und als Erinnerung an die erste große Reise ihrer drei Kleinen. „Doch wir müssen sie im Trubel übersehen haben“, sagt die junge Frau aus Großenhain (Sachsen). Sie ist mit ihrer Familie schon seit Sonnabend in der Hauptstadt. Nachdem sie das Brandenburger Tor, den Potsdamer Platz und das Regierungsviertel am Wochenende besucht hatten, war der Montag für eine Einkaufstour reserviert. Schließlich landeten vor allem Souvenirs in den Einkaufstüten.

Noch mehr Tüten haben Julia Wiemers (26) und Nadine Wolters (25) aus Dortmund zu bieten. Sie ziehen gerade auf dem Kudamm von Shop zu Shop. „Wir nutzen den Brückentag“, sagen die Freundinnen. Hosen und Oberteile haben sie bereits gefunden. Am Abend geht es zurück. Allerheiligen wollen sie zu Hause sein und sich von ihrer Berlin-Tour erholen.