Stadtentwicklung

Schöneweide soll wieder Wirtschaftszentrum werden

Von dem einst belebten Industriegebiet Schöneweide ist nur wenig geblieben. Das soll sich jetzt ändern. Bürger und Standortmanager wollen gemeinsam den Stadtteil zu einem attraktiven Zukunftsort machen - nicht nur für die Industrie.

Foto: Christian Hahn

Karl-Thomas Brie denkt auch an Kleinigkeiten. In einem Nachrichtenmagazin hat der Chef der „For Life GmbH“ eine Passage im Interview mit dem Starbucks-Chef angestrichen. „Hier, der sagt, sie haben in Deutschland zu wenige Filialen. Wir sollten ihn anschreiben und anbieten, eine in Oberschöneweide zu eröffnen“, sagt der Unternehmer zum Standortmanager Helge Neumann.

So ist das in dem traditionsreichen Industriegebiet im Berliner Südosten, wo Emil Rathenau mit seiner AEG im vergangenen Jahrhundert Industriegeschichte schrieb und Europas größter Standort der Elektrotechnik 25000 Menschen Lohn und Brot sicherte. Langsam beginnen engagierte Bürger und Unternehmer, die Gegend rund um die auf dem alten AEG-Gelände angesiedelte Hochschule für Technik und Wirtschaft wieder zu einem Wirtschaftszentrum zu entwickeln. Und dazu gehören eben auch die weichen Faktoren wie Cafés, Restaurants und Schulen.

Europas Zentrum für Elektrotechnik

„Wir sind noch kein Zukunftsort in Schöneweide, obwohl wir die Hochschule für Technik und Wirtschaft haben“, sagt Helge Neumann. Er ist Chef des neuen, professionellen Standortmanagements, das – von Senat und Bezirk beauftragt –die nächsten drei Jahre arbeiten soll. Bisher war Neumann im nahe gelegenen Technologiepark Adlershof für internationale Kooperationen zuständig. Die Adlershof-Betreibergesellschaft Wista hat die Ausschreibung für Schöneweide gewonnen.

Nach seinen Schätzungen gibt es nach einem beispiellosen Exodus des verarbeitenden Gewerbes noch etwa 1000 Industriearbeitsplätze in dem Stadtteil entlang der Oberspree. Ein paar Ausgründungen aus dem ehemaligen Werk für Fernsehelektronik der DDR, die Batteriebauer von BAE, die Sensor-Produzenten von First Sensor in ihrem schmucken neuen Firmensitz am Spreeufer, die geschrumpften Kabelwerke Oberspree, die Werkzeugbauer von Christian Dunkel mit Sitz im Peter-Behrens-Bau der früheren AEG, die Manufaktur der FES, die High-Tech-Sportgeräte wie Bobs, Segelboote oder Rennräder fertigt. Und Karl-Thomas Brie, der Bruder des Linken-Politikers André Brie, der seine Medizintechnik-Firma mit 130 Mitarbeitern führt.

„Das sind aber alles Einzelkämpfer“, sagt Neumann. Die Firmen seien zwar international vernetzt, hätten untereinander aber kaum Kontakt. Obwohl es Schwerpunkte in Optik, Sensorik, Kreativtechnik und Design gebe, könne der Stadtteil noch lange nicht als „Cluster“ gelten, als einer jener Standorte wie Adlershof also, wo Wissenschaftler und Unternehmen verschiedener Branchen gemeinsam zusammenwirken und neue Firmen durch den regen Austausch angelockt werden.

Eine solche Entwicklung für Schöneweide auf den Weg zu bringen, ist das Ziel aller Bemühungen. Wenn Berlin seine Industrie wieder aufbauen will, muss gerade an einem Ort wie diesem mehr passieren. Die Vorarbeiten sind geleistet. „Wir haben lange um die Hochschule gekämpft“, sagt Unternehmer Brie, der einst durch die Bürgerplattform „Organizing Schöneweide“ zum Einsatz für seinen Kiez kam. Jetzt erwarte die Stadt auch einen „Return of investment“. Die 125 Millionen Euro, die es kostete, die 6000 Studenten in die sanierten gelben Klinker-Etagenbauten und einige gut eingepasste Neubauten zu bringen, sollen sich auszahlen.

„Die Hochschule ist das Samenkorn, das eine Zukunft möglich macht“, sagt Brie. Es dürfe nicht länger so sein, dass in Schöneweide Ingenieure und Designer ausgebildet würden, die dann nach Süddeutschland abwandern.

Brie saß mit seiner Firma einst in Lichtenberg. Die Banken, so sagt er, wollten ihn dann nach Brandenburg auf die grüne Wiese schieben, wegen der billigen Grundstücke. Er aber wollte nicht, schon aus Rücksicht auf seine Belegschaft. „For Life“ bekam ein Areal an der Tabbertstraße. „Heute höre ich, dass Firmen in Brandenburg Probleme haben, Ingenieure und Facharbeiter zu finden“, sagt Brie.

Jetzt sollen mehr Firmen so handeln wie der Hersteller medizinischer Utensilien. Sie sollen in der Nähe von Wissenschaft und Absolventen bleiben. „Es geht erst mal darum, den Standort wieder sichtbar zu machen“, sagt Standortmanager Neumann.

Die Wista-Leute loben das kooperative Klima in Oberschöneweide. Anders als bei vergleichbaren Projekten wie in Charlottenburg rund um den Ernst-Reuter-Platz seien alle bereit, zusammen zu arbeiten. Das reicht weit über gute Worte hinaus. Um 150000 Euro haben lokale Firmen die 600000 Euro Fördermittel für das Standortmanagement aufgestockt.

Andrea Engel von der bezirklichen Wirtschaftsförderung verweist auf die Pläne, sich mit dem einzigartigen Industrie-Ensemble um den „Weltkulturerbe“-Status zu bewerben.

Aber die Reaktion des Unternehmers Brie macht deutlich, dass es auch unterschiedliche Sichtweisen gibt: „Die Mehrheit der Bewohner wollen kein kulturelles Erbe, sondern Zukunft“, sagt Brie. Wenn jemand hier 3000 Arbeitsplätze ansiedelt, würden die Leute gerne alles abreißen lassen, ist er überzeugt.

Da es aber nicht wahrscheinlich ist, dass solch ein wirtschaftlicher Impuls von außen kommt, müssen sich Standortmanager Neumann und seine Mitarbeiter auf die „Tippel-Tappel-Tour“ durch den Stadtteil begeben. Dabei helfen auch Bürger der Plattform „Organizing Oberschöneweide“, die mit Fragebögen durch die alten Industriegebäude ziehen und aufnehmen, was es alles so gibt in ihrer Umgebung. Denn 70 Prozent der Liegenschaften gehören Privatleuten. Die müssen überzeugt werden, selbst zu investieren. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu Adlershof, wo die Entwickler großflächig planen und Gewerbegrundstücke ausweisen konnten. Außerdem fehlen die Millionen aus den öffentlichen Kassen, mit denen der Aufschwung in Adlershof in Gang gesetzt wurde.

Was man mit riesigen, denkmalgeschützten Liegenschaften wie den 23000 Quadratmeter großen Rathenau-Hallen anfangen will, die einem irischen Konsortium gehören, wissen auch die Standortmanager noch nicht. Schwer vorstellbar sei es, dass dort ohne enorme Investitionen eine dauerhafte wirtschaftliche Aktivität außer Events und Messen stattfinden könnte.

In den nächsten Monaten will Neumann erst mal ein Register erstellen, um zu sehen, welche Flächen und Grundstücke tatsächlich für ansiedlungswillige Firmen oder Gründer bereit stehen. Ein Investor, der unweit der neuen HTW-Mensa an der Spree ein Wohnhaus für Studenten bauen wollte, musste passen, weil die Vorarbeiten nicht weit genug waren. „Im Detail ist es eben oft schwierig“, weiß der Standortmanager. Viele Hallen seien nicht vermietbar. „Da zieht es und eine Heizung gibt es auch nicht.“

Nicht nur Industrie

Auch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung müsse sich bewegen, fordert die Wirtschaftsförderin des Bezirks, Engel. Denn die Senatsbeamten bestünden zu oft darauf, dass die alten Industrieareale eben nur als Industriegebiete genutzt werden dürfen. So würden kreative Nutzungen verhindert. Aber inzwischen seien die Behörden dabei, mehr Flexibilität zuzulassen. Neben der Bestandsaufnahme müssten die Standortmanager aber auch definieren, was denn genau das Besondere sei an Schöneweide. Alte Industriearchitektur hätten eben viele zu bieten in Deutschland, auch die Wasserlage sei nicht einmalig. „In Adlershof haben wir zwei Jahre darüber nachgedacht, was uns von anderen Standorten unterscheidet“, sagt Neumann: „In Schöneweide muss das schneller gehen.“