Berlins Innensenator

Ehrhart Körting steht "nicht mehr zur Verfügung"

Von seinen SPD-Genossen wird er liebevoll "Weißbier-Ehrhart" genannt. Jetzt zieht sich Innensenator Körting zurück. Er wünscht sich mehr "Zeit für anderes".

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Nach rund zehn Jahren bekommt Berlin einen neuen Innensenator. Amtsinhaber Ehrhart Körting (SPD) gab seinen Rückzug bekannt.

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Am Ende sind aus sechs Monaten zehneinhalb Jahre geworden. Als Ehrhart Körting im Juni 2001 den Anruf des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit erhielt, mit der Bitte, vorübergehend die Innenverwaltung zu führen, sagte Körting in der Gewissheit zu, dass der grüne Innenexperte Wolfgang Wieland den Posten nach den vorgezogenen Neuwahlen spätestens nach einem halben Jahr übernehmen werde.

Doch daraus wurde nichts. Wowereit entschied sich für eine Koalition mit der PDS/Linkspartei – und Körting blieb im Amt. Dabei spielten auch die Anschläge auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 eine Rolle. Der neue Innensenator Körting reagierte damals besonnen, schnell und allseits anerkannt auf die neue terroristische Bedrohung – und blieb folgerichtig im Amt.

Jetzt aber ist Schluss. „Ich habe mich zehneinhalb Jahre in die Pflicht nehmen lassen“, sagte er am Donnerstag am Rande der konstituierenden Sitzung des Abgeordnetenhauses. „Jetzt ist es Zeit, etwas anderes zu machen, mit 69 Jahren stehe ich nicht mehr für fünf weitere Jahre zur Verfügung“, sagte Körting zur Begründung.

Dass Körting auf eine imposante politische Karriere zurückblicken kann, erstaunt ihn womöglich selbst am meisten. Nach seiner Zeit als Bau- und Volksbildungsstadtrat in Charlottenburg zwischen 1975 und 1981 hatte er sich aus dem politischen Leben bereits weitgehend zurückgezogen und arbeitete als Rechtsanwalt in seiner eigenen Kanzlei. Zwar wurde er 1989 in das Abgeordnetenhaus gewählt, ein hauptberufliches politisches Amt strebte er aber damals nicht mehr an.

Als die damalige Justizsenatorin Lore Maria Peschel-Gutzeit allerdings 1997 überraschend nach Hamburg wechselte, sprang Körting zum ersten Mal ein. Allerdings sagte er nur unter der Bedingung zu, einen Nachmittag in der Woche frei zu haben. „Durch meine politische Tätigkeit ist meine erste Ehe in die Brüche gegangen, das will ich nicht noch mal riskieren“, begründete er den selbstverordneten Schongang damals.

Souveräne Gelassenheit

Die souveräne Gelassenheit ist im Lauf der Jahre zu einem Markenzeichen Körtings geworden. Seine stets ausgeglichene Art war auch ein Grund dafür, dass er in Meinungsumfragen nach Wowereit stets die höchsten Sympathiewerte erhielt. Körting hat sich über die Parteigrenzen hinweg hohe Anerkennung erarbeitet. In den vergangenen Jahren wandte sich sein Interesse verstärkt dem Islam und den Muslimen in Berlin zu. Er besucht regelmäßig Moscheen und ist im Gespräch mit Imamen aller Glaubensrichtungen.

Es war aber vor allem die juristische Expertise, die Körting die Wertschätzung einbrachte. Der promovierte Jurist arbeitete als Anwalt, stellvertretender Präsident des Berliner Verfassungsgerichtshofes und auch als Gesetzgeber: Zusammen mit Renate Künast (Grüne) und Klaus Finkelnburg (CDU) entwarf er nach dem Fall der Berliner Mauer die Verfassung für das vereinte Berlin.

Die Kollegen im Abgeordnetenhaus lobten die Arbeit Körtings am Donnerstag. „Ich habe großen Respekt vor seiner Entscheidung und wünsche ihm für die Zukunft alles Gute“, sagte CDU-Landes- und Fraktionschef Frank Henkel zum angekündigten Rücktritt Körtings. „Wir standen oft genug auf unterschiedlichen Seiten und hatten häufig andere Auffassungen.“ Der Umgang miteinander sei jedoch immer fair und angenehm gewesen. „Ich habe ihn als Gegenpart durchaus schätzen gelernt“, so Henkel weiter. Auch der grüne Innenexperte Benedikt Lux würdigte Körtings Leistung. „Mit Körting geht eine Ära zu Ende. Ich zolle ihm Hochachtung.“

"Weißbier-Erhart"

In den eigenen Reihen wird das Wirken Körtings ebenfalls gelobt. „Er war ein Senator mit ruhiger und sicherer Hand“, sagte SPD-Chef Michael Müller. „Wenn man zurückdenkt, dann waren das sicherheitspolitisch ganz und gar keine leichten Zeiten. Kurz nach seiner Wahl fanden am 11. September die Anschläge in den USA statt, danach der Terror in Madrid und London. In diesen schlimmen Situationen hat Ehrhart Körting immer mit der notwendigen Ruhe und Gelassenheit, aber auch mit Konsequenz gehandelt.“ Sein Ausscheiden sei ein Verlust.

Von den eigenen Genossen wird Körting liebevoll „Weißbier-Ehrhart“ genannt, weil er häufig schon vor Ende der Sitzungen des Abgeordnetenhauses ein Hefeweizen gegen den Durst trinkt. Dabei schart er dann seine Mitarbeiter im Casino um sich und bespricht die anstehenden Themen. Seine Mitarbeiter berichten durchweg Positives über ihren Chef.

In den vergangenen Monaten hatte Körting jedoch häufig tiefere Falten als gewohnt auf der Stirn. Die Serie von Brandstiftungen an Autos verhagelte ihm zum Ende seiner Amtszeit seine Bilanz. Bis zum Schluss verstand er nicht, welche Motivation hinter den Taten stand. Und auch die missratene Neubesetzung des Polizeipräsidenten wirft einen Schatten auf seine Amtszeit. Körting setzte seinen Lieblingskandidaten Udo Hansen nur unter großen Mühen gegen den Mitbewerber Klaus Keese durch – entsprechend massiv fiel die Kritik daran aus. Die Opposition hatte eine Neuausschreibung des Postens gefordert.

Der neue Innensenator wird es dennoch nicht leicht haben, ähnlich erfolgreich zu arbeiten. Früher standen Berliner Innensenatoren immer im Zentrum scharfer Auseinandersetzungen zwischen linker und konservativer Politik. Körting gelang es, das Gewaltritual am 1. Mai zu durchbrechen. Zusammen mit den Anwohnern und den Initiatoren des Myfestes erreichte die Polizei durch ihr gemäßigtes Vorgehen einen Rückgang der Gewalt. Körting selber relativierte seine eigene Leistung dabei. Er habe auch einfach Glück gehabt, sagte er. Wie sich die Feierlichkeiten am 1. Mai entwickelt hätten, wenn bei den Auseinandersetzungen jemand zu Tode gekommen wäre, hätte niemand voraussagen können. Eine weitere Eskalation der Gewalt hätte ihn womöglich den Job gekostet.

Jetzt will der Vater von fünf Töchtern aus zwei Ehen andere Schwerpunkte setzten. „Ich bin 69 Jahre alt. Da will man mit seinem Leben noch etwas anderes machen“, sagte Körting. Worum es sich dabei genau handelt, verriet Körting nicht. In jedem Fall hat er künftig wieder mehr Zeit für seine Hobbies. Dazu gehören das Angeln und auch das Übersetzen mitteldeutscher Schriften ins Hochdeutsche. Oder er liest wieder mehr in der Bibel und dem Koran. Jeweils ein Exemplar der Schriften lag stets auf dem Stehpult in seinem Büro in der Klosterstraße.