Online-Lexikon

Berliner Schüler bekommen Wikipedia-Unterricht

Ein landesweites Projekt des Wikimedia e.V. will in Schulen über den richtigen Umgang mit der Online-Enzyklopädie Wikipedia aufklären. Denn kaum eine Website benutzen die Schüler zum Lernen häufiger.

Foto: Jakob Hoff

Sein erster Beitrag war eine Definition der Orange. „Es handelt sich um eine orangefarbene Frucht“, oder so ähnlich, lautete die Beschreibung des damals Zwölfjährigen in der Enzyklopädie, die daraufhin weltweit im Netz zu lesen war. Inzwischen ist daraus durch die Mithilfe zahlreicher Autoren ein mehrseitiger Eintrag mit Unterpunkten wie Geschichte, Verbreitung und Verwendung geworden. Es gibt Tabellen Fotos und Literaturhinweise. In mehr als 100 Sprachen kann man sich über die Frucht informieren. Und Kilian Kluge, jetzt 21 Jahre alt und Physikstudent, der steht nun als Referent im Humboldt-Gymnasium in Tegel – und erklärt Schülern, wie die Wiki-Welt funktioniert.

Mit dem Projekt „Wikipedia macht Schule“ will der Verein Wikimedia e.V. bundesweit Lehrer und Schüler über den richtigen Umgang mit der Wissenssammlung aufklären. Dazu gehen Wikipedia-Autoren wie Kilian Kluge in Schulen und geben Workshops. Am Montag war das Humboldt-Gymnasium in Tegel an der Reihe, die Elftklässler empfingen den 21-Jährigen in ihrem Oberstufenkurs „Wissenschaftliches Arbeiten“.

Äußerlich ist Kilian Kluge kaum von den Elftklässlern des Humboldt-Gymnasiums zu unterscheiden. Erst zwei Jahre bevor er seinen ersten Beitrag mit der Definition über die Orange schrieb, war die frei zugängliche Internetplattform in deutscher Sprache gegründet worden. „Damals war Wikipedia noch Kraut und Rüben“, sagt Kilian Kluge. Er habe es spannend gefunden, sich verewigen zu können, sagt er. Inzwischen versucht er, Laien die Vor- und Nachteile der freien Enzyklopädie im Netz zu erklären. „Die Kinder wachsen heute ganz selbstverständlich mit Wikipedia auf, doch viele wissen gar nicht, was sich dahinter verbirgt.“

Zur Recherche oft verboten

Bisher ist Wikipedia an den Oberschulen verpönt. Die Nutzung der Online-Wissenssammlung wird von den Lehrern für Hausarbeiten kaum anerkannt, wenn nicht sogar verboten. Und dennoch wird nach Google und Facebook kaum eine Internetseite häufiger von den Schülern aufgesucht. „Wir wissen, dass die Schüler Wikipedia für ihre Arbeiten nutzen, ob wir es wollen oder nicht“, sagt Lehrerin Dörte Schubert. Also sei es das Beste, sie über ihre häufig genutzte Quelle aufzuklären. Deshalb habe sie ihre Schüler für den Workshop angemeldet.

Die 18jährige Schülerin Sophia gesteht, dass sie für die Unterrichtsvorbereitung immer zuerst bei Wikipedia nachsieht. Als Quelle für Referate werde die Enzyklopädie zwar nicht anerkannt, aber meist bekomme sie einen guten ersten Überblick zu einem Thema. Allerdings wusste sie bis zu dem Workshop nicht, dass sie sich dabei auch teilweise auf Texte von Neunjährigen verlässt. Denn auf der freien Internetplattform kann jeder seinen Beitrag leisten. „Neunjährige gehören auf den Spielplatz und sollten nicht ihre Zeit mit Wikipedia verbringen“, findet sie. Was sie am meisten erstaunt, ist die Tatsache, dass so viele Menschen freiwillig und ehrenamtlich für die Wissenssammlung schreiben. „Einige arbeiten drei Jahre in ihrer Freizeit an einem Beitrag, ohne einen Pfennig damit zu verdienen“, sagt Sophia. Sie könne sich das nicht vorstellen.

Überrascht hat sie aber auch die Tatsache, dass es eine ständige Qualitätskontrolle durch die vielen freiwilligen Autoren gibt. Wer selbst mehr als 200 Einträge geschrieben hat, ist bevollmächtigt, andere Beiträge oder Änderungen zu bestätigen. Sogenannte vertrauenswürdige Autoren wie Kilian Kluge können somit entscheiden, ob ein Artikel für Jeden zugänglich ist oder wieder gelöscht wird. „Allerdings kann man nicht wirklich die fachliche Richtigkeit überprüfen, nur offensichtlicher Unsinn oder Spaßbeiträge werden so herausgefiltert“, sagt Kluge. Eine Qualitätsgarantie gibt es also nicht. Wer bereits mehr als 50 Beiträge veröffentlicht hat, wird automatisch freigeschaltet.

Beim Workshop mit Kilian Kluge testen die Schüler des Humboldt-Gymnasiums alle eigene Änderungen in willkürlich gewählten Beiträgen aus. Meist sind es kleine Rechtschreibfehler, die sie korrigieren. Der 15-jährige Kerem gehört zu den Schnell-Lernern der Klasse. „Die Lehrer mögen es nicht, aber ich arbeite schon immer mit Wikipedia“, sagt er. Immerhin ist Kerem damit weit gekommen. Im Zuge der Hochbegabtenförderung des Gymnasiums hat er eine Klasse übersprungen und wird nun schon mit 16 Jahren sein Abitur machen. „Wikipedia ist auf jeden Fall immer ein guter Anfang“, sagt er. Nützlich seien die vielen Links und Literaturhinweise, um von dort aus weiter zu recherchieren, sagt Kerem.

Nach drei Stunden ist der Workshop vorbei. Referent Kilian Kluge fasst zusammen. „Wikipedia ist ein guter Ausgangspunkt aber ein schlechtes Ende für eine Recherche“, sagt er. Lehrerin Dörte Schubert ist zufrieden nach dem Kurs mit dem Autoren. Sie jedenfalls werde Wikipedia künftig weniger verteufeln. „Wichtig ist, dass die Schüler die Einträge auch bis zum Quellenverzeichnis lesen und nicht nach der Gliederung Schluss machen“, sagt sie.