Jahrestag

Berlin gedenkt deportierter Juden am "Gleis 17"

Zusammen mit mehreren hundert Berlinern hat der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit am S-Bahnhof Grunewald der Deportation der Berliner Juden gedacht. Dort rollte vor genau vor 70 Jahren der erste Zug in die Vernichtung.

Foto: dpa / dpa/DPA

Am 18. Oktober 1941 begann die nationalsozialistische Deportation von Juden aus Berlin. Am Dienstag, auf den Tag genau vor 70 Jahren, gedachten der Senat und die Jüdische Gemeinde zu Berlin erstmals mit einer gemeinsamen Veranstaltung am Denkmal „Gleis 17“ auf dem S-Bahnhof Grunewald. Eingeladen hatten auch die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und die Deutsche Bahn. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Lala Süßkind, als auch Zeitzeugin Inge Deutschkron richteten mahnende und erinnernde Worte an die mehreren hundert Besucher der Veranstaltung. Die Autorin Deutschkron überlebte die NS-Zeit im Berliner Untergrund. Es ist ihre Initiative gewesen, an den 70. Jahrestag der ersten Massendeportation von Berliner Juden nach Osteuropa, mit der Veranstaltung am Bahnhof Grunewald zu erinnern.

„Mit diesem zahlreichen Erscheinen haben wir ein Zeichen gesetzt“, sagt Wowereit. „Damit erinnern wir an das schmerzlichste Kapitel Berlins.“ Die Stadt bekenne sich zu ihrer Verantwortung. „Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit werden wir auch zukünftig bekämpfen.“ Dem Aufruf der Initiatoren der Gedenkveranstaltung, weiße Rosen am „Gleis 17“ abzulegen, kamen die meisten der Gäste nach. Mehrere hundert Meter an den beiden Gleiskanten entlang lagen die Blumen.

„Es ist eine eindrucksvolle Gedenkstätte und sie befindet sich mitten in unserem Alltag, mitten in unserem Leben. Mit meiner 15-jährigen Tochter habe ich oft über die schrecklichen Ereignisse von damals gesprochen. Ich war auch schon in Israel“, sagt Katrin Hirsch. „Ich wohne in der Nachbarschaft und gehe regelmäßig über diesen Bahnsteig. Den Termin heute um 14 Uhr hatte ich mir schon lange vorgemerkt.“ Auch sie trägt eine weiße Rose bei sich und legt sie an der Bahnsteigkante nieder.

Während der Reden herrscht auf dem Bahnsteig ein Kommen und Gehen. Die meisten der Besucher treten an das Gleisbett. Dort lesen sie die Inschriften der Metalleinlassungen im Boden. Da stehen die Zahlen der Deportierten für jeden Transport Richtung Osten, das dazugehörige Datum und die Namen der Konzentrationslager. Beim ersten Transport am 18. Oktober vor 70 Jahren wurden 1089 Juden in Güterzügen der Reichsbahn deportiert. Ziel war das Ghetto in Litzmannstadt (Lodz) in Polen. Weitere Transporte führten nach Minsk und Riga sowie zum Konzentrationslager Auschwitz. Insgesamt verließen während der NS-Zeit 60 so genannte Osttransporte den Bahnhof Grunewald. Die Transporte in die Ghettos und Konzentrationslager rollten bis März 1945. 55.000 von 160.000 Mitgliedern jüdischer Gemeinden in Berlin fielen dem nationalsozialistischen Vernichtungsprogramm zum Opfer. Die Reichsbahn war einst federführend an der Deportation der Juden beteiligt. Erst 1988 wurde an dem Gleis 17 ein Mahnmal eröffnet, das an die Verschleppung erinnert. Zeitgleich wurden mit aufwändigen Arbeiten die historischen Anlagen vor dem Verfall gerettet. Der 160 Meter lange Bahnsteig wurde nachgebaut.

„Wir forschen viel über Nazideutschland und auch über die Geschichte unserer Väter“, sagen Eva Züchner und Peter Hahn. Auch sie tragen weiße Rose mit sich und legen sie nieder. Die Kunsthistorikerin und Schriftstellerin und der ehemalige Direktor des Bauhaus Archivs engagieren sich seit Jahren auch für das Verlegen der Stolpersteine in Schöneberg. „Wir haben in Archiven herausfinden können, wo früher jüdische Mitbürger an der Trautenaustraße gelebt haben. Vor den Häusern erinnern jetzt die Stolpersteine an die verschleppten Nachbarn.“ Beide besuchen die Gedenkveranstaltung mit einer für sie sehr wichtigen Frage im Kopf: „Wie hätte ich mich damals verhalten? Hätte ich wie die meisten weggesehen oder hätte ich den Mut gehabt, einzugreifen?“

Unter den Besuchern der Gedenkveranstaltung waren auch Austauschschüler aus Israel. Sie besuchen für eine Woche Schülerinnen und Schüler der Jüdischen Oberschule. „Für mich ist es sehr wichtig, hier in Berlin zu sein“, sagt Omer Eshkol aus Haifa. „Das gehört zu der Geschichte der Juden und es ist sehr wichtig, über die Vergangenheit Bescheid zu wissen.“ An diesem Tag hatten die Schülerinnen und Schüler des Leo Beck Education Centers in Haifa eigentlich einen Besuch des Holocaust-Mahnmals nahe dem Brandenburger Tor geplant. Von der Gedenkveranstaltung am Bahnhof Grunewald hatten sie erst während ihres Aufenthaltes in Berlin erfahren. „Nachdem wir von unserer Gastschule von der Veranstaltung gehört hatten, haben wir kurzfristig unsere Pläne geändert“, sagt Ayelet Shatzov, Sozialarbeiterin aus Israel.

„Die Großeltern meines Vaters sind in den Lagern umgekommen“, sagt Sebastian Band. „Ich bin in Berlin geboren und aufgewachsen, aber einen direkten Bezug zu diesem Teil der Geschichte habe ich nicht. Die Jüdische Oberschule und die Austauschschüler sind ebenfalls mit weißen Rosen zu der Gedenkveranstaltung gekommen. „Wir sind es den Vorfahren schuldig, dass wir uns mit der Vergangenheit auseinander setzen“, sagt eine Schülerin.

Kritik gab es von der Israelitischen Synagogen-Gemeinde Adass Jisroel. Sie wirft dem Senat vor, sie beim Gedenken an die Judendeportation im Dritten Reich außen vor zu lassen. Die Gemeinde sei vom Senat nicht zur Beteiligung an der Veranstaltung aufgefordert worden.