Gesangsprojekt

"Ich-kann-nicht-singen"-Chor braucht keine Noten

Seit Januar treffen sich rund 80 Berliner in Friedrichshain zum „Ich-kann-nicht-singen"-Chor. Das Motto: Jeder, der sprechen kann, kann auch singen. Das Ergebnis ist irgendwo zwischen Piepsen und Brummen.

Foto: Christian Hahn

Es sind viele Hinterteile, die sich kurz anstupsen. Dann erfüllt ein lautes, vielstimmiges "Hey!" den Raum. Es wird gelacht, noch einmal gestupst, wieder ertönt ein langgezogenes "Heeeey!" Zuvor hatten sich bereits die Knie berührt, die Ellenbogen auch. Jeweils gefolgt von einem raumdurchflutenden "Aaaaah" und einem anschwellenden "Oooooh". Michael Betzner-Brandt ist zufrieden. Und jedem im großen Saal des Radialsystems V in der Holzmarktstraße 33 ist schnell klar, dass Berührungsängste fehl am Platz sind. Ängste generell. Denn Ellenbogen und Knie gehören den 84 Teilnehmern des "Ich-kann-nicht-singen"-Chors, den Chorleiter Betzner-Brandt im Januar dieses Jahres ins Leben gerufen hat. Seither kommen zu den monatlichen Treffen rund 80 Menschen, die Spaß am Singen haben, sich selbst aber eher irgendwo zwischen Piepsen und Brummen ansiedeln würden.

Erst einmal wird sich nun ordentlich aufgewärmt. Deshalb das Stupsen und Berühren. Das lockert. Schnell werden die ersten Pullis ausgezogen, Schals abgelegt. Dann folgen Tonübungen. Die Teilnehmer sollen "die Töne von der Decke pflücken", sagt Betzner-Brandt. Der 39-Jährige ist Leiter verschiedener Berliner Chöre (unter anderen "Fabulous Fridays") und Dozent für Chor- und Ensembleleitung an der Universität der Künste Berlin. Sein Studium gleicht einem wohlklingenden Dreigestirn: Schulmusik, Philosophie und Dirigieren. Irgendwann im Laufe seiner Arbeit fragte er sich, was das eigentlich heißt, dieses "Ich kann nicht singen?" Denn für Betzner-Brandt gilt: "Jeder, der sprechen kann, kann auch singen."

Der aus allen Altersklassen zusammengewürfelte Chor ist derweil noch immer in der Kennenlernphase – oder der Phase der Kommunikation, wie Betzner-Brandt es definiert. Im Radialsystem wird gerade in folgender Reihenfolge kommuniziert: Als U-Boot, auf einem Bein hüpfend, als Tiger und als Flieger. Es ist das "Auja!"-Spiel, bei dem jeder, der mag, bestimmen darf, wie sich die Teilnehmer durch den Saal zu bewegen haben. Von der Gruppe wird jeder Vorschlag mit einem "Auja!" begrüßt. Und ausgeführt. "Singen ist in erster Instanz etwas, das sich gut anfühlt im Körper", sagt Betzner-Brandt. "Im zweiten Schritt kommt man darüber in Kontakt. Erst im dritten Schritt geht es dann vor ein Publikum. Wenn man denn will. Aber definitiv fängt Singen nicht erst beim Notensingen an."

"Wir haben einen Klang"

Im Saal schwillt ein lautes Lachen an: "Ha-Haha-Ha-Hahaha". Es wird in 84-facher Ausführung wiederholt. Das klingt tatsächlich nicht nach Noten, nicht nach Singen – aber es ist eindeutig Musik. Das ist nicht zu Überhören. "Ja! Wir haben einen Klang!", jubiliert Betzner-Brandt, der auch an diesem Vormittag seinem Ruf als einer der kreativsten Köpfe der deutschen Chorszene alle Ehre macht. "Ich wundere mich immer wieder, dass es funktioniert."

Es funktioniert vor allem deshalb, weil es Spaß macht. Zehn der Teilnehmer sind "Wiederholungstäter", quasi "Ich kann nicht singen"-Bekenner. Was natürlich nicht ganz wahrheitsgetreu auf alle Anwesenden zutrifft. Ähnlich wie damals in der Schule. Diejenigen, die vor Klausuren am lautesten und theatralischsten gejammert hatten, dass sie das alles überhaupt nicht können, waren bei der Rückgabe der Arbeiten dann immer ganz überrascht, eine Eins geschrieben zu haben. Wie dem auch sei. Der Chor, der eigentlich ja gar keiner ist, ist bei der "kürzesten Oper der Welt" angelangt. "Sie ist gleichzeitig eine Zusammenfassung aller Opern", sagt Betzner-Brandt. Dann stimmt er an, operngleich: "Hello – I love you – Goodbye!" Ganz egal, wer in diesem Raum nun in die Kategorie Singen, Piepsen oder Brummen gehört: Dieser Mann steckt sie alle an. Nachdem die Oper gemeinsam vertont wurde, gibt es den ersten Applaus. Von der Gruppe, für die Gruppe. Man hat sich gefunden. Das Popo-Stupsen und das Rhythmus-Lachen haben funktioniert.

Nicht jeder Ton muss sitzen

Die Vorgehensweise hat Betzner-Brandt entwickelt. Und dabei kommt es nicht darauf an, dass jeder Ton sitzt. "Es hört sich eben so an, wie es sich anhört", sagt Betzner-Brandt. Es geht ihm vor allem um die Ausstrahlung. "Ich fixiere mich nicht auf Perfektion, sondern auf Persönlichkeit. Gerade, wenn es ums Singen geht, sind Menschen ja sehr sensibel." Die sensiblen Stimmen haben inzwischen jegliche Schüchternheit abgelegt und singen lauthals: "Heute tanzt mein Ohrwurm beim Ich-kann-nicht-singen-Chor rum". Und so absurd es klingt: Es klingt gut.

Wie es noch besser klingen kann – also nicht der Ohrwurm-Satz, sondern das Singen an sich – zeigt dann die Berliner A-cappella-Truppe "BART". Denn Betzner-Brandt lädt zu jedem Treffen auch einen professionellen Chor ein. Irgendwann singen alle, der ganze Raum ist ein Chor. Und am Ende der drei Stunden steht die gleiche Erkenntnis wie immer: "Letztendlich funktioniert der Titel des Chors nicht: Weil es immer toll klingt!", sagt Betzner-Brandt. Der wiederum würde sich "riesig über ein "Ich-kann-nicht-tanzen"-Ballett freuen."

Nächstes Treffen: 27. November, 11 Uhr (Kosten: 10 Euro)

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