Zwei Jahre Bewährung

Polizei kritisiert Strafmaß für Kinderschänder

Zwei Jahre Haft auf Bewährung und 3000 Euro – so lautet das Urteil gegen einen früheren Waldorf-Lehrer aus Berlin. Er hatte zwei Nachbarjungen missbraucht. Da der 67-Jährige sechs Monate in Untersuchungshaft saß, ist er nun frei – für die Polizei das falsche Signal.

Foto: Wolfgang mrotzkowski

Ein früherer Lehrer der Waldorfschule im Märkischen Viertel in Reinickendorf ist am Freitag vom Berliner Landgericht wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden. Der geständige Pädagoge muss zudem 3000 Euro Geldbuße zahlen. Nach Ansicht des Gerichts gilt es als bewiesen, dass sich der mittlerweile 67 Jahre alte Mann in den Jahren 2002 und 2003 in seiner Weddinger Wohnung an zwei 13-jährigen Jungen aus der Nachbarschaft vergangen hatte. Der ursprünglich aus Schweden stammende und in Berlin lebende Mann steht zudem in Verdacht, auch in Haiti einen Jungen missbraucht zu haben. Seine Anwältin bezeichnete die Anschuldigungen als nicht zutreffend, die Ermittlungen dazu wurden eingestellt. Nach knapp sechs Monaten in der Untersuchungshaft kam der Mann somit frei.

Festnahmen am Flughafen München

Rückblick: Ende April dieses Jahres waren ein 57-jähriger Berliner und ein ebenfalls in Berlin lebender Brasilianer (26) am Flughafen München festgenommen worden, als sie mit einem elfjährigen Jungen aus Haiti nach Deutschland einreisen wollten. Die Täter sollen das Kind mit gefälschten Papieren der brasilianischen Regierung ausgestattet haben. Der Verdacht lag nahe, dass gezielt Kinder aus dem Karibikraum und dem vom Erdbeben erschütterten Haiti nach Berlin geschmuggelt werden sollten, um hier an zahlungswillige Pädophile vermittelt zu werden.

Die Ermittlungen gegen den Hauptverdächtigen werden immer noch in Bayern geführt. Als Fahnder die Wohnung des mutmaßlichen Kinderschänders durchsuchten, führte die Spur zufällig zu dem Waldorfschullehrer. Nach Angaben von Gerichtssprecher Tobias Kaehne wurden Fotos des Pädagogen mit den beiden 13 Jahre alten Jungen gefunden. In dem erwähnten Zeitraum kam es den Ermittlungen nach zu 20 Fällen von Oralverkehr, der Mann verlor seinen Job.

Ob sich der Lehrer für Deutsch und Englisch in Haiti an Jungen vergangen hat, wird zumindest von deutschen Gerichten nicht geklärt werden. Denn nach Angaben des Sprechers der Berliner Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, seien deutsche Behörden nicht zuständig. Der Angeklagte sei Ausländer, die Tat soll im Ausland begangen worden sein. Deswegen seien die Ermittlungen wegen Missbrauchs in der Karibik eingestellt worden.

Die Aktivitäten des 57-jährigen Beschuldigten in Berlin werden dagegen nach wie vor untersucht. Er und sein möglicher Komplize aus Brasilien sollen eine Hilfsorganisation für Erdbebenopfer in Haiti als Tarnung genutzt haben, um Kinder in dem Karibikstaat zu missbrauchen und für andere Pädophile nach Berlin zu schleusen. Eine Personenüberprüfung des 57-Jährigen ergab inzwischen, dass er in der Vergangenheit mehrfach zu Haftstrafen wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern verurteilt worden war. Eine Befragung des damals verstört wirkenden Kindes am Flughafen stützte zudem den Verdacht, dass er bereits in seiner Heimat missbraucht worden war und für Sexualverbrechen nach Berlin geschmuggelt werden sollte. Das Kind hat inzwischen in einer Pflegefamilie in Bayern ein neues Zuhause gefunden.

Weitere Untersuchungen führten im Zuge der Ermittlungen zu einem Verein mit Sitz in Berlin, der unter anderem Straßenkinderprojekte in Haiti unterstützt und betreibt. Als Vorstandsmitglied soll der 57-Jährige mehrfach in die Karibik gereist sein, um verschiedene Kinder zu missbrauchen. Dort soll er ein Kinderheim betrieben haben. In diesem leben Jungen und Mädchen, deren Eltern bei dem Erdbeben ums Leben kamen. Das ganze Ausmaß der Taten der offensichtlich organisiert agierenden Bande ist noch lange nicht geklärt. Mehrere Dinge müssten nach Angaben eines Ermittlers vorrangig untersucht werden. „Wir müssen wissen, wie viele Kinder in welchem Zeitraum nach Berlin geschafft wurden, um hier vermittelt zu werden. Und wir müssen wissen, was aus diesen Kindern geworden ist. Wurden sie nach den mutmaßlichen Missbrauchsfällen wieder in ihre Heimat gebracht, oder hat man ihnen möglicherweise noch Schlimmeres angetan?“, so der Beamte.

Kunden der Bande im Fokus

Zudem, so der Ermittler weiter, sei der Kundenstamm der Bande interessant. „Wer es sich leisten kann, einen kleinen Jungen aus Übersee einfliegen zu lassen, um sich an ihm zu vergehen, muss über die finanziellen Mittel verfügen. Das wiederum zeigt, dass es hier durchaus einflussreiche Personen geben kann, die sich die Armut der Kinder und die Geldgier der Vermittler zunutzen gemacht haben.“ Man könne noch von mancher Überraschung ausgehen.

Bei der Polizei wurde das Urteil am Freitag mit Unverständnis und Zorn quittiert. Es sei ein falsches Signal an die Pädophilen-Szene. „Den oftmals reichen Kunden wird verdeutlicht, dass selbst mehrfacher sexueller Missbrauch ohne eine tatsächliche Haftstrafe ausgeht“, so ein Ermittler. Letztlich käme der Täter mit einer Geldstrafe davon, die sich „besser situierte Personen durchaus leisten“ könnten. „Die seelischen Narben dieser Kinder, die ohnehin zum Teil aus Katastrophengebieten stammen und deshalb schon labil sind, werden niemals verheilen. Die Täter dagegen bezahlen ihre Strafe und beginnen in einer anderen Stadt ein neues Leben. Und in den allermeisten Fällen, ohne dass die neuen Nachbarn von dem Vorleben wissen.“